2018-10-28 22. n. Trinitatis / Reformationstag

Galater 5, 1-6    22.n.Tr. / Reformationstag

 

Große Ferien, endlich schulfrei! Die Kinder können ausschlafen. Am Anfang genießen sie ihre freie Zeit in vollen Zügen. Doch eines Tages wird die Mutter von der Frage überrascht: „Mama, müssen wir heute schon wieder das spielen, was wir selber wollen…?“ – Wir lachen drüber, aber vielleicht auch deshalb, weil wir das kennen: Freiheit, die kann dir auch zum leeren Raum werden. Zur Last, weil du spürst: wenn ich nicht selbst was unternehme, dann geschieht nichts. Den Kindern wird langweilig. Erwachsenen wird es vielleicht unbequem, gar unheimlich – allzuviel freier Raum. Ich meine, das auch in Deutschland gespürt und gehört zu haben einige Zeit nach der befreienden Wende 1989: zuerst Jubel und Euphorie und Ost-West-Umarmungen. Später Unzufriedenheit und der Ruf: „Papa Staat, müssen wir wirklich selber verantwortlich sein für unsern Erfolg oder Misserfolg, für Lebensplanung und Lebensvorsorge? Früher im Sozialismus war´s zwar ärmer, aber irgendwie sicherer.“

In seinem geharnischten Brief an die ersten Christen im anatolischen Keltenland, sprich in „Galatien“, da geht es Paulus nicht um Politik und Soziales. Sondern um den Kerneffekt des Christentums, um das wesentlich Neue, das bei einem Menschen geschieht, wenn er sich an Jesus Christus bindet und an sonst nichts. Er wird frei. – Geradezu unheimlich frei, empfanden die Menschen, die von Paulus auf seinen Reisen durch das Gebiet der heutigen mittleren Türkei fürs Christentum gewonnen worden waren. Offenbar hatten ihnen andere gesagt: Hallo, da gibt es doch eingespielte Religionen und Rituale, die euch mehr Sicherheit verheißen. Z.B. das jüdische Ritual der Beschneidung von Männern, und damit die Eingliederung in die Gemeinschaft der Juden. Und manche von den Galater-Kelten haben sich vielleicht gedacht: doppelt genäht hält besser. Warum sollte man nicht gleichzeitig Jude und Christ sein können? Die Römer opferten ja auch gleichzeitig dem Jupiter und der Venus. –

Wir müssen nach jahrhundertelanger christlicher Judenfeindschaft hier aufpassen: die theologischen Abgrenzungen des Paulus dürfen wir nicht missverstehen, sodass wir das Judentum einfach schlechtmachen. Sondern wir wollen uns auf den Kern der Botschaft des Paulus konzentrieren. Der lautet: Wenn du Christ wirst, bist du streng genommen nicht einer Religion beigetreten. Sondern du bist in einer ganz besonderen Herzensbeziehung. Eine Religion verspricht dir: wenn du es richtig machst, dich an unsere Rituale, spirituelle Übungen und moralische Gebote hältst, dann kann dir nichts passieren. Dann wird dich Gott mit dem Paradies, dem Himmel, dem Nirvana, dem Eintritt ins Reich der Erlösung belohnen. Das Christentum verspricht dir nach Paulus kein „metaphysisches Reiseprogramm“ hin zu Gott. Sondern es sagt: Gott hat sich zu dir auf die Reise gemacht in seinem Sohn, Jesus Christus. Ganz nah ist er dir, näher noch als dein eigenes Herz. Denn er liebt dich von innen her und ringsum von allen Seiten. Magst du ihm auf diese göttliche Liebe nicht Antwort geben? Diese Liebe dir gefallen lassen und sie erwidern? Und deshalb künftig nur noch Gott zu gefallen leben und nicht nach dem, was die Leute sagen oder vorschreiben oder dein Nützlichkeitsinstinkt dir rät. Magst du Verantwortung gegenüber Gott und den Menschen übernehmen auch auf die Gefahr hin, Fehler zu machen, wenn du ohne detaillierte Vorschriften entscheiden musst? Weil du darauf vertraust: Wenn Gott mich liebt, nimmt er mich trotz meiner Verfehlungen in die Arme. Jetzt schon und für alle Ewigkeit. Oder brauchst du die Sicherheit, dass dir eine genaue Anleitung gegeben wird, wie du es richtig machst? Damit es dir nicht unheimlich wird in den Weiten und Freiheiten deines Lebens?

„Die Furcht vor der Freiheit“ – in seinem Buch stellt der vor den Nazis nach Amerika geflohene Sozialpsychologe Erich Fromm dar, warum Menschen lieber auf Gewalt setzen, statt die Spannungen im Leben und in der Gesellschaft durch Kontakt, Klärung und gute Kompromisse zu lösen. Heute feiern autoritäre Propheten und politisch rechte Parteien bzw. Alleinherrscher zwischen Arabien und Amerika, zwischen Warschau und Rom fröhliche Urständ. Aus Furcht vor der Freiheit. Nämlich aus Unwillen, den anderen Menschen, die andere Sichtweise, die andere Religion und Kultur im eigenen Land gelten zu lassen und so Verantwortung fürs Zusammenleben aller zu übernehmen. Auch Mitverantwortung für den Zusammenhalt Europas.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit, wird Paulus nicht müde, einzuwenden. Und er fährt fort: Ihr werdet mir doch nicht wieder unters Joch der Unfreiheit zurückkehren! Politisch gesehen, aber auch religiös. Christus hat dich frei gemacht „von dem Gesetz der Sünde und des Todes“ (Römer 8, 2). Ab jetzt gilt nur noch eines: eine lautere, offene Beziehung zu Jesus Christus. Dem ist es ziemlich „wurscht“, ob du im leiblichen oder im übertragenen Sinn zu den Beschnittenen oder Unbeschnittenen gehörst. Hauptsache, du beschneidest dir nicht selber aus Angst oder Dummheit deine eigene Freiheit wieder. So wie es unserer Menschheit zur Zeit passiert, dass der vermeintliche Freiheitszuwachs durch digitale Kommunikation und Fernsteuerung uns in neue Unfreiheiten verstrickt: wir werden immer gründlicher ausspioniert und kontrolliert von den großen Web-Firmen.

 

Diese unentrinnbare Verstrickung, dass du nach immer mehr Leben und Lebensmöglichkeiten greifen willst, und dich genau dadurch erst recht verstrickst in Unfreiheit, neue Ängste und Gefahren, - dies nennt die Bibel Sünde. Und gegen Sünde als menschengemachtes Verhängnis hilft kein Strampeln oder Schönreden oder religiöse Neujahrsvorsätze. Wir Menschen bleiben Gefangene unseres Tuns und Wollens. Wir „sind aus der Gnade herausgefallen“, so Paulus. Aber Christus schaut uns an, reicht unserem Herzen die Hand und sagt: Komm, gib dich mir. Strampel dich nicht länger ab. Sondern probiere aus, mich anzuschauen unentwegt – und darüber deinen Nächsten zu sehen. Sein Suchen zu erkennen, sein Leid mitzuleiden. Seinen Hunger zu stillen, indem du teilst, was dir geschenkt ist. Schau mich an, sagt Christus. So lange, bis du überfließt. Und dein Glaube in der Liebe sich verwirklicht.