2018-10-21 21. n. Trinitatis

Jeremia 29, 1.4-14a                          21. So. nach Trinitatis                

 

Ich habe sie kommen sehen, die Frage. Bei jeder längeren Autofahrt, manchmal schon nach wenigen Kilometern: „Papa, wann sind wir da?“ Die Kinder, - natürlich freuen sie sich auch auf den Besuch bei den Großeltern oder auf Ferien an Berg und See. Aber sie können halt nicht warten, die Kleinen. Haben noch kein Zeitgefühl, kein Raumempfinden, wie lange man braucht, um von hier nach dort zu kommen. Da war regelmäßig alle Phantasie der Eltern gefordert, um die Kinder durch Spiel, Rätsel, Beobachtungsaufgaben oder Kassettenrecorder das lästige Unterwegssein vergessen zu lassen, - diese tote Zeit, die nicht verstreichen will…

„Wann kommen wir nur wieder nach Hause?“ – Die Elite des Volkes Israel war umgetrieben von solcher Ungeduld des Herzens. In die babylonische Gefangenschaft waren sie verschleppt worden, und das Heimweh quälte. Für mich ein Bild, wie sich die Heimatvertriebenen meiner Kinderzeit gefühlt haben mussten, die es von Ostpreußen, Schlesien, Sudetenland oder der Batschka ins Schwäbische verschlagen hatte. Später, als Seelsorger, sah ich in den Stuben manchmal ein Bild von der alten Heimat oder bekam ein paar Fotos gezeigt, die sie mitgenommen hatten. Aus dem warmen Tonfall, in dem die Leute erzählten, erschloss ich: auch nach Jahrzehnten tat es ihnen noch weh, - auch wenn sie inzwischen ihr eigenes Häuschen hatten und angekommen waren.

Der Prophet Jeremia macht so etwas wie Briefseelsorge. Er hat von Gott den Auftrag, seinen heimatvertriebenen Landsleuten zu schreiben. Er soll und will ihnen kindliche Ungeduld und Nostalgie ausreden, dieses Gefühl, das jeder kennt, der in der Fremde lebt. Und das für so viele neu aktuell wird, die als Flüchtlinge zu uns kommen, vertrieben von Krieg oder Elend. Modern gesprochen sagt Jeremia: Werdet mir bitte nicht zu Integrations-Verweigerern. Gebt der Versuchung nicht nach, dass ihr im fremden Land bloß unter Euresgleichen zusammenhockt, die Sprache nicht lernt, euch auf Sitten und Gewohnheiten des öffentlichen Zusammenlebens nicht einlassen wollt. Nein, einwurzeln sollt ihr euch, Häuser bauen, Berufe erlernen, Familien gründen, das Leben am neuen Ort weitergehen lassen über Generationen. Nur wenn ihr am Staatswesen mitbaut und euch voll einbringt fürs Gemeinwohl, habt ihr selbst was davon: Suchet der Stadt Bestes. Betet für Land und Leute, für gute Regierung und, füg ich hinzu, auch für den Erhalt demokratischer Spielregeln, die so dreist und dumm öffentlich unterwandert werden. Lasst euch durch die populistischen Propheten unter euch nicht betrügen, so würde es Jeremia vielleicht heute ausdrücken.

Soweit, so gut. Aber das weckt noch nicht Kraft und Mut, trotz eigener Lebenswunden und enttäuschter Hoffnungen auch wirklich so zu leben. Und als Wort Gottes will Jeremias Brief ja nicht nur zu Vertriebenenfamilien sprechen, sondern uns alle anrühren. Drum bin ich froh, dass Gott sich selbst ins Herz schauen lässt, wenn er sagt: Ich weiß wohl, was ich für euch Menschen im Sinn habe: Gedanken des Friedens hab ich für euch. Ihr sollt euch nicht rückwärts verstricken durch ewiges Drandenken an eure Wunden der Vergangenheit. Schalom, Friede und Gerechtigkeit heißt die Zukunft, - nicht endlos Leid und Schmerz, entstanden aus immer neuem Egoismus, Neid, Vergeltungsdenken, auch Opfermentalität von Menschen und Völkern. Ich hab Gutes im Sinn für euch, sagt Gott. Das soll ankommen auch bei uns heute.

Wenn Gott was denkt, so geschieht das, wird wirklich. Seit dem ersten Schöpfungstag ist das so. Dass Gott Schalom, Frieden, Lebensfülle, Freude seiner Menschheit zuspricht. – Aber wo und wie geschieht das denn? fragen wir. Wir sehen es noch nicht! Wann sind wir denn endlich da…? – Auf solche Herzensfragen antwortet Gott in der Regel nicht mit einem „Dann“, einem Datum in Raum und Zeit. Sondern er weckt Resonanz aus unseren Herzen durch sein Wort. Leise, unaufdringlich, sanft. „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe: Gedanken des Friedens, der Zukunft und Hoffnung“, - bei mir kommt das als Einladung an: ob mein Herz Vertrauen riskieren mag, auch wenn es noch nicht sieht, dass wir „da“ sind, angekommen in Gottes Frieden. Vielleicht wird die Resonanz aus mir zu einem Antwort-Seufzer: „Du weißt, o Gott!“. Etwas, das sich in mein Beten, ja in mein Atmen legt: Du weißt, o Gott! Du weißt, was mit mir ist gerade, in meinem Sehnen, Kämpfen, oft auch Verzagen. Du weißt darum. – Du weißt auch, was mit dem Menschen ist, den ich in der Straßenbahn sehe mit seiner hellen oder traurigen Miene. Weißt um das Herz meiner Nächsten, meiner Mitarbeiter, auch derer, die mir Schwierigkeiten machen. Du weißt darum. – Und in allem weißt du sehr wohl, was du uns Menschen zudenkst, was für Gedanken und Entwürfe du für mein kleines, mal fröhliches, mal angefochtenes Leben hast. Du weißt, o Gott, um deinen Liebeswillen, der nie aufhört. Bei dem du dranbleibst, den du all deinen Geschöpfen zudenkst. Du weißt, o Gott, - und stärkst mein Vertrauen.

 

Eine weitere Resonanz wird mir zur Frage, zum Aufwecker: „Was steht an?“ – Wenn Gott uns und alle Welt ankommen lassen will in seiner Liebe, dann heißt das nicht: Legt euch mal alle in die Hängematte – ich schaukel´ das schon… Sondern es bedeutet: Ich brauch euch für meinen Frieden mit all euren Sinnen und all eurer Kraft! Wenn, o Gott, deine Gedanken des Friedens und nicht des Leides über unserm Leben stehen und unsern Alltag durchdringen – was steht dann für mich  gerade an? Dass ich es sehe – und nicht wegschaue wie der Priester und Levit, als sie den Menschen erblickten, der unter die Räuber gefallen war. Steht an, dass ich – dass wir auch kollektiv als Völker und Nationen – Verantwortung übernehmen, damit Gottes gute Zukunft wachsen kann? Verantwortung auch für das Schlimme, das getan wurde. Ein waches Zeichen dafür: der Belgrader Erzbischof Hočevar wird im Vorfeld zum 100-jährigen Gedenken an das Ende des 1. Weltkriegs einladen zum Friedens- und Versöhnungsgebet der Völker und Religionen – so bitter nötig im unversöhnt zersplitterten Ex-Jugoslawien, ja in Europa mit all den gegenwärtigen Zerreißproben. – Wann sind wir endlich da, wir Großen und Kleinen? – Du weißt, o Gott, um mein Herz, meinen Nächsten, um deinen Willen des Friedens und der Zukunft. Du weißt – und zeigst mir jeden Tag neu: Was steht an?  :-)

 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus