2018-09-30 Michaelis

Offenbarung 12, 1-12 https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/gute-nachricht-bibel/bibeltext/bibel/text/lesen/?tx_bibelmodul_bibletext%5Bscripture%5D=Offenbarung+12%2C+1-12+                   Michaelis-Sonntag   

 

Wissen Sie, woher unser kollektiver Spitzname kommt – der „deutsche Michel“? Richtig: die Deutschen haben als Schutzpatron für ihr Volk den Erzengel Michael gewählt. Kaiser Otto der Große hatte gesagt: Jetzt ist Schluss damit! – Nämlich mit den jahrzehntelangen Überfällen und Plünderungen der Ungarn und ihrem Vordringen nach Westen. Die Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg brachte im Jahr 955 den Sieg. In dieser Schlacht trug Otto den Erzengel Michael auf seinem Banner. Es gab schon lang vorher Michaelsberge und Michaelskirchen in Europa. Zum Beispiel der Monte Gargano in Süditalien oder der Mont Saint Michel in der Bretagne. Aber jetzt wurden vermehrt in Deutschland Kirchen diesem Schutzpatron geweiht, - denken wir an den „Hamburger Michel“ mit seinem berühmten Barockturm später, denken wir an Hildesheim, Fulda, den Dom zu Speyer usw. Und denken wir hier in Belgrad an die erste Kirche, die nach dem Abschütteln des „Türkenjochs“, wie die Leute sagten, in Freiheit gebaut werden konnte: die Saborna, die Michaels-Kathedrale der serbisch-orthodoxen Kirche, die mit ihrem goldgeränderten Zwiebelturm über die Sava hinweg grüßt.

Mich berührt das, wie Menschen früherer Zeiten in ihrer Schutzlosigkeit Gott um Schutz anriefen immer und wieder neu. Denn unser Leben ist ständig gefährdet. Wir Modernen vergessen das so leicht, weil uns Medizin, Technik, und hoffentlich auch kluge Politik das Leben unendlich viel sicherer machen, als es Menschen früherer Zeiten je erleben durften. Aber dass da was bröckeln kann und unheimlich werden, wenn Staatenlenker, Wirtschaftsleute, Meinungsmacher die Dinge nimmer im Griff haben oder sie mutwillig zerstören, solch lauernde Unsicherheit spüren wohl viele in unseren Tagen.

Das untergründig Lauernde im Leben überhaupt auszudrücken, ist schwer. Die Bibel gibt uns Hilfestellung mit ihrer Bildsprache und Symbolen. Was Worte nicht fassen, Bilder können manches ans Licht heben: Drache, alte Schlange, Teufel oder Satan, der Inbegriff alles Bösen, der ewige Widerpart des Guten… - Ist es wirklich der ewige Gegenspieler? fragt der Geist Gottes zurück, der die biblischen Überlieferungen inspiriert. Und gibt zugleich Antwort, auch in Visionen, von denen der Seher der Johannesapokalypse heimgesucht wird: Nein! Nie und nimmer wird der Drache endgültig siegen! So sehr das Böse, die Gewalt, das verbissene Töten auch wüten mögen. Zur Zeit der brutalen Christenverfolgung damals ebenso, wie es heute zu Zeiten der brutalen Interessensverfolgung wütet, das Böse, der Terror, die kaltblütige Planung von Alleinherrschaft durch Krieg, die hitzköpfige Beleidigung und Bloßstellung von Menschen in sozialen Medien.

Wir spüren: Durch alle Poren und Ritzen des Lebens hindurch vermag Böses zu dringen. In der Hand von Menschen wird seit Kain und Abel das Werkzeug Faustkeil zum Mordinstrument und das Smartphone zum Mittel, andere auszuspionieren oder zu erniedrigen. Das Gute, mit dem sich Leben, Kultur, Fortschritt aufbaut, ist unweigerlich auch von Bösem durchseucht, sobald es Menschen dienlich scheint. Der Drache. Er ist nicht nur außerhalb. Und die arme Frau in ihren Geburtsnöten, deren Kind verschlungen werden soll – die kann heute auch in Aleppo gebären müssen unterm Bombenhagel, oder auf einem Schlauchboot niederkommen zwischen Afrika und Europa. Es geht ans Herz, das Bild von der Frau und dem lauernden Drachen.

Aber es muss doch einen Ort geben, wo das Leben befreit ist vom Bösen in all seinen heillosen Verstrickungen! ruft dasselbe Herz. Ein sicherer Ort, wo die Tränen abgewischt werden, jeden Tag tausendfach vergossen. Bildhafte Antwort des Johannes: Gott selbst nimmt es in die Hand. Säuberungskrieg im Himmel. Der Erzengel Michael führt die himmlischen Heerscharen an, - ein kosmischer Kampf. Der Drache will blindwütig alles niedermachen,  fegt ein Drittel der Sterne weg. Weltuntergang. Aber mit all seiner Gewalt kann der Böse das Wort des Schöpfers nicht entmachten. Das da lautet: „Siehe, es war sehr gut“ – so erzählt die erste Seite der Bibel. Auf ihren letzten Seiten, aus denen wir heute hören, geht’s ebenfalls um dieses göttliche und erlösende „Sehr gut“. Gott lässt seine Welt und all die leidenden Menschen nicht im Stich.

„Wer ist wie Gott?“ – das ist der Engelname „Mi-ka-el(ohim)“ ins Deutsche übersetzt. Ein Machtruf, Herausforderung:  wer und welche Verderbenskraft vermag es aufzunehmen mit dem Schöpfer aller Welten, der seine Menschheit und all seine Geschöpfe unendlich liebt? Wer, und sei er noch so voll böser Gewalt, wer kann die Welt in den Abgrund reißen, damit am Ende das Nichts triumphiere und der kalte Tod? Statt Gottes ins Leben verliebter Schöpfungs-Werde-Satz: Siehe, es war sehr, sehr gut?! – Niemand wird das schaffen, sich end-gültig so gegen Gott in seiner Liebe zu stellen. Das ist die Trostbotschaft, die Gott den Seher verkünden lässt. Eine Art „Hintergrundswissen“ in Bildern.

Im Vordergrund wird gelitten und Mensch und Natur gepeinigt bis auf den heutigen Tag. Wir wissen es, sind vielleicht selber gerade am Kämpfen mit einem harten Schlag. Einem schlimmen, schmerzlichen Verlust. Einem Krankheitsleiden, gegen das kein Kraut wächst. Einem Scheitern, wo man Gutes wirken wollte. Sind am Kämpfen gegen das Lauernde, die Angst, dass all mein Planen und Vorausdenken mir keine letzte Sicherheit geben kann. Das Trostwissen im Hintergrund, der Kampf Gottes um unsere Welt und um unsere Seelen, das springt nicht so einfach rein in unser Herz. So viele haben schlicht nichts zu lachen in ihrem Leben!

Wenn ich es aber recht erlausche, lockt mich diese Geschichte, dass ich meiner Wirklichkeit nicht das letzte Wort lasse. Sondern dass ich aufmerksamer lebe. Vielleicht im Alltag Zeichen wahrnehme, Begegnungen anders deute, so, als sei da Gott leise am Wirken. Der kosmische Himmelskampf fürs Leben kommt oft in ganz sanften Regungen in unser Herz. So kann es passieren, dass mir ein Mensch zum Engel wird und ein Widerfahrnis, ein Zwischenfall zu einem neuen Weg. Denn:

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel. / Sie gehen leise, sie müssen nicht schrein, / oft sind sie alt und hässlich und klein, die Engel. / Sie haben kein Schwert, kein weißes Gewand, die Engel. / Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand, / oder er wohnt neben dir, Wand an Wand, der Engel. / Dem Hungernden hat er das Brot gebracht, der Engel. / Dem Kranken hat er das Bett gemacht, / er hört, wenn du ihn rufst in der Nacht, der Engel. / Er steht im Weg und er sagt: Nein, der Engel, / groß wie ein Pfahl und hart wie ein Stein - / es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel. (Rudolf Otto Wiemer)    :-) 

 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus