2018-06-24 Johannistag

Johannes 3, 22-30           Johannistag                                      24.06.2018

Kennen Sie die drei bedeutendsten Zeigefinger Europas? Von einem hab ich ein Bild dabei: Johannes der Täufer, gemalt von Matthias Grünewald auf dem Isenheimer Altar im Elsaß. Barfuß steht er da in seinem Zottelgewand, hält in der Linken ein Buch, die Heilige Schrift, und deutet mit der Rechten – aus dem Bildausschnitt hinaus. Sein riesiger Zeigefinger macht deutlich: dort, neben mir, ist die Hauptperson. Wer das ist, verrät das symbolische Lamm zu Füßen des Johannes. Es hält ein kleines Kreuz fest mit dem Vorderbein und vergießt zugleich sein Blut aus der Halsschlagader in einen goldenen Abendmahlskelch: Christus, der sein Leben hingibt für die verrückte und in Sünden verstrickte Menschheit. Und wer Latein kann, den stößt die Inschrift über dem Zeigefinger mit der Nase drauf: Johannes nimmt sich selber zurück, deutet mit dem Zeigefinger und sagt: „Der da muss wachsen, ich aber abnehmen, geringer werden“.

Textlesung: Johannes 3, 22-30

Konkurrenz wäre eigentlich angesagt, hören wir aus dieser biblischen Geschichte. Jesus war von Johannes getauft worden, und anscheinend haben er und seine Jünger nun selber Menschen getauft. Weil so viele Jesus hinterdreinlaufen, will einer wissen: Welche Taufe ist nun machtvoller, das Original oder die Kopie, Johannestaufe oder Jesusritual? Johannes hätte es wohl machen können wie ein inzwischen weltbekannter Sklave seines Egos. Der pöbelt z.B. Staatsmänner an: „Ihr klaut uns unsere Ideen, schmälert unsere Wirtschafts-Chancen. Euch werd‘ ich alle bestrafen. Denn ich bin der Größte und setze meine eigene Duftmarke mit aller Gewalt durch!“

Johannes jedoch weiß: Im Unterschied zu Industrie, Forschung und Buchdruck gibt es bei der Religion kein Urheberrecht. Da bringt nämlich niemand auf Dauer etwas zuwege ohne Charisma, ohne göttlichen Geist. „Kein Mensch kann einem andern spirituelle Vollmacht klauen, also seinen Einfluss schmälern, wenn ihm nicht von oben eine größere Ausstrahlung gegeben ist“, beschwichtigt Johannes seine aufgebrachten Jünger. Und findet ein wunderbares Bild für seine Beziehung zu Jesus: Bräutigam und  sein Freund als Trauzeuge. „Bei mir und meiner Taufe geht es um Reinigung, sich Bereitmachen für Gott, um Buße, - um geistliche Zukunftsvorsorge“, betont er. „Bei Jesus geht es dagegen um überreiche Gegenwart, Hochzeit, - der Himmel vermählt sich mit der Erde. Es geht um Festfreude, um Leben in vollen Zügen, - denn Gott ist da und zeigt sich in diesem außergewöhnlichen Menschen Jesus.“  Der große Asket und aufrüttelnde Bußprediger Johannes schrumpft sich selber, lässt sein Ego in lauter Freude untergehen. Von ihm bleibt, im Bild gesprochen, nur noch der Zeigefinger übrig: Auf Jesus kommt’s an, der da am Kreuz hängt. Er muss in euch und unter den Christen wachsen. Meine eigene Bedeutung wird hinfällig, so wie der Trauzeuge ausgedient hat, wenn das Jawort gesprochen ist; so wie du einen Wegweiser oder dein Navi-Gerät nicht mehr brauchst, wenn du am Ziel bist.

Was von dieser besonderen Johannes-Jesus-Beziehung will rüberspringen in unser Herz? Johannes – vorläufig, nur Hinweis. Jesus - endgültig, das Ziel! – Für mich ist Johannes der Täufer eine Gestalt, die als Nebenwirkung seines Zeigefingers zunächst meinen eigenen Geltungsdrang und seine Kapriolen offenlegt. Als Kinder brauchen wir das, um uns gesund zu entwickeln: dass wir mit Geschwistern oder im Kindergarten streiten darum, wer etwas machen und zuwegebringen darf: eine Phantasielandschaft mit Playmobil aufbauen, und die Schwester darf mir nicht reinreden, denn ich will’s selber machen. Oder eine wichtige Rolle im Krippenspiel übernehmen. Oder ins Tor dürfen oder Angreifer sein beim Kicken. Unter Erwachsenen ist es dagegen oft lästig oder gar einschüchternd, wenn ein Mensch, sei es in der Familie, sei es im Betrieb, uns dauernd wissen lässt: Ich kann’s besser, lass mich mal ran und den Ton angeben. Vor kurzem war ich mit anderen zusammen in einem sogenannten „escaperoom“: jeder mit dem Fuß in eine andere Ecke gekettet, mussten wir gemeinsam Hinweise entschlüsseln, die uns allmählich die Zahlencodes zur Freiheit rausfinden ließen. Der Witz dabei: Nur wenn wir uns gegenseitig helfen und die eigenen Rechthabe-Interessen zurückstellen, kommen wir da wieder raus. Ein Zahlencode, den vielleicht ich entschlüsselt habe, öffnet nicht mein eigenes Fußschloss, sondern das meines „Mitgefangenen“. Gemeinsam sind wir stärker, klüger, erfolgreicher, - ist die Botschaft dieser Lernerfahrung.

Im Dienen werde ich größer, finde Sinn und Ziel meines Lebens, ist die Botschaft, die Johannes vorlebt. In der Selbstlosigkeit wird mein wahres, göttliches Selbst geboren. Im Wegbereiten und lebendiger Hinweis sein werde ich durchdrungen von Hochzeitsfreude, werde mit hineingenommen in die Liebe, die  Himmel und Erde verbindet.

Kann ich das glauben? fragt unser Herz. Kann ich mich darauf einlassen? Hab doch keine Garantie, dass ich nicht ausgenutzt werde. Wenn ich mich selbst nicht zur Geltung bringe, bleib ich mir womöglich schuldig, meine Begabungen und Karrierechancen voll auszuleben und mich als Mensch zu entfalten. Gibt’s einen Beweis, dass der Johannes-Zeigefinger für mein Leben nicht am Ende ins Leere deuten wird?

Als Zuspruch in diese Ungewissheit hinein rufe ich auf: den zweiten der bedeutsamsten Zeigefinger Europas. Der ist in Serbien zu sehen, im Kloster Milesheva. Dort zeigt ein weißer Engel (beli anđeo) auf ein leeres Grab mit nutzlosen Leinenbinden. Der Finger sagt: „Er ist nicht hier, - er ist auferstanden!“ Im Unterschied zu Grünewalds Johannes schaut der Weiße Engel mich an. Seine Gebärde gilt unmittelbar mir. Sanft und ruhig wartet diese Bild-Ikone. Als gäbe es keine Sorge, zu wenig vom Leben abzukriegen, wenn ich mich nicht selber durchsetze. Der Engel wartet und sagt ohne Worte, nur mit dem Zeigefinger: Nicht im Hier oder Dort findest du Christus. Nicht in dem, was du dir erobern und besitzen kannst, wirst du reich und glücklich. Denn Christus ist nicht im Gehäuse der Vergänglichkeit geblieben. Er lebt und ist dir gegenwärtig, ganz ohne Beweis. Aber voll sanfter und nicht zu bremsender Kraft der Liebe. „Probier’s aus, lebendiger Hinweis auf Christus zu werden in allem, was du bist und tust“, lädt Johannes ein. „Spring ab ins göttlich Unbeweisbare – es wird dich tragen in nicht zu bändigender Lebenskraft“, sagt der Weiße Engel. Und wartet. :-)

 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus

 

(und der dritte bedeutsame Zeigefinger Europas? – Schauen Sie mal, wenn Sie nach Rom kommen, in der Sixtinischen Kapelle nach oben…)

 

 

Matthias Grünewald, Ausschnitt aus dem Isenheimer Altar, 1512-1516

Bildkarte Nr. 1853, Beuroner Kunstverlag           

 

Erzengel Gabriel („Weißer Engel“), Kloster Milesheva, Serbien, 13. Jahrhundert 

Fresko unbekannter Künstler - Malschule von Konstantinopel und Thessaloniki