2018-05-06 Rogate

Kolosser 4, 2-6                  Rogate                                        

 

Beten – wie mach ich das? hat sie sich vielleicht gefragt. Ein Freund muss auf den Operationstisch. Es kann um Leben oder Tod gehen bei ihm, je nach Befund und Gelingen der Operation. „Kannst du für mich beten?“ hatte er sie gefragt. „Warum eigentlich nicht?“ hat sie gedacht und Ja gesagt. Und jetzt sitzt sie still in ihrem Zimmer und möchte beten. Aber sie ist das nicht gewohnt. Und überlegt: „Wie bete ich denn richtig? Und für was soll ich denn beten? Soll ich beten, dass die OP gelingt und dass er bald wieder richtig gesund ist? – Aber ist das wirklich realistisch nach der langen Zeit, die er schon kämpft und von Arzt zu Arzt läuft? Oder soll ich beten, dass ihm Gott jetzt ganz nahe ist, wenn er die Angst spürt auf dem Weg in den Operationssaal? Ihm auch dann noch nahe ist, wenn er nichts mehr spürt unter seiner Narkose? – Ach, vielleicht reicht es auch, wenn ich ein Vaterunser bete, langsam und innig. Und dabei fest an ihn denke in seiner Not. Das Vaterunser, das passt doch immer. Das passt sogar, wenn ich nicht weiß, wie und was ich beten soll.“ – Und so sitzt die Frau still in ihrem Zimmer Und leiht sich Worte von Jesus, wo ihr die eigenen Worte fehlen.

Ich glaube, wir alle kennen so etwas. Dass wir anfangen zu beten, wenn uns etwas drückt. Und dabei vielleicht auch spüren: So ganz geübt bin ich aber nicht im Beten. Ich mach’s halt aus besonderem Anlass: Wenn ich etwas fürchte oder etwas dringlich wünsche und hoffe. Und manchmal komm ich mir ein wenig fremd dabei vor. Wie wenn sich meine Seele in ungewohntem Gelände aufhalten würde.

Ich hab den Eindruck: Paulus, in dessen Namen der Kolosserbrief geschrieben ist, will dem vorbeugen. Dass wir beim Beten fremdeln. Darum beginnt er den Brief-Abschnitt mit der Ermunterung: Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung. Also: dranbleiben – am Beten überhaupt. Wie ein Cityläufer sich vorher oft und oft übt im Joggen, können und sollen Christen sich üben im Beten. Vielleicht nach dem Aufwachen oder vor dem Schlafengehen. Tag für Tag, damit sich mein Herz dran gewöhnt, im inneren Gespräch zu sein mit Gott. Die Worte dabei sind nicht das Entscheidende. Mir selber hilft es freilich schon, wenn ich mit geprägten Worten bete, einem Psalm, dem Vaterunser, einem Vers aus dem Gesangbuch. Da merk ich: das ist irgendwie anfeuernd. Ähnlich, wie es mich mitzieht, wenn es beim Laufen mehrere Menschen sind, - und einer rennt vielleicht passend zu meinem Tempo und ich kann mich hinter ihn hängen. So hänge ich mich an solche geprägten Gebetsworte an. – Aber auch, wenn ich innerlich leer bin und nicht weiß, wie ich beten soll: Gott kennt mich, auch wenn ich nur seufzen kann: „schau mich an, - so bin ich heute vor dir“. Hauptsache, ich bete regelmäßig. Damit ich nicht aus der Übung komme. Und dass mein Herz dadurch geöffnet lebt, nicht eingeschlossen bleibt in seinem eigenen Gram oder Kleinkram. Das nennt der Kolosserbrief: „Wachsein im Beten“, statt benebelt sein von den eigenen Problemen. Und dieses wache Beten macht den Paulus scheint’s auch offen für das, was Gott ihm schenkt, trotz allem: Beten stärkt ihm und uns allen die Fähigkeit, dankbar zu sein. Also dranbleiben – am Beten überhaupt.

Und zweitens: dranbleiben – an einem bestimmten Gebetsanliegen. Paulus bittet die Gemeinde in Kolossä, dass sie für ihn betet. Weil er mal wieder im Gefängnis sitzt. Aber er sagt nicht: Betet, dass ich da ja schnell wieder rauskomme. Sondern sagt: Betet, dass sich eine „Tür für das Wort“ auftut, dass er also vom Geheimnis Christi öffentlich reden kann. Aus der Gefängniszeit Dietrich Bonhoeffers wissen wir: ein Christ kann manchmal von seiner Zelle aus derart wirksam sein, dass es andere Menschen spüren und sich wundern: Was ist das nur für eine geheimnisvolle Kraft um diesen Christus? Wie wenn ein Mensch frei sein könnte, selbst wo man ihm Handschellen angelegt hat. Was ist das nur für ein Mysterium, für ein Geheimnis?

Dranbleiben – an einem bestimmten Gebetsanliegen. Wenn wir das üben, haben wir eine doppelte Blickrichtung: Wir üben, mit der Enttäuschung fertig zu werden, wenn Gott nicht gleich hilft. Wir üben, dass allmählich die Frage in uns auftaucht: Was ist denn dein Wille dabei, Gott? Magst du mir das bitte zeigen? Wo es doch so ein tiefes Anliegen ist von mir. Ich schau beim Beten nach innen, wie sich mein eigenes Herz verändert, indem ich dranbleibe. Die andere Blickrichtung zeigt mir der Theologe Karl Barth. Der hat mal gesagt: Ich bete immer mit der aufgeschlagenen Zeitung neben mir. Das meint: Ich will die Welt mit ihren Konflikten nicht vergessen und drüber hinwegbeten. Ich will, dass mir die vielen leidenden Menschen, von denen jeden Tag in der Zeitung steht, einen Stich ins Herz geben: damit ich für sie bete und nicht nachlasse, Gott in unsere Welt hereinzubitten. Mit seinem Frieden. Mit seiner Gerechtigkeit. Mit seinem Trost.

Dranbleiben – am Beten überhaupt. Wie ein Sportler, der täglich trainiert. Dranbleiben – an einem bestimmten Gebetsanliegen. Wie wenn die Zeitung oder die Tagesschau zu meinem Gebetsbuch werden wollten. Als drittes kommt ein kleiner Schwenk: vom Beten zum Reden. „Eure Rede sei allezeit wohlklingend und mit Salz gewürzt“ – wie kommt Paulus nur darauf? Es geht ums Auftreten und Sich-Bekennen der Christen gegenüber Außenstehenden. Gegenüber Menschen die einen anderen Glauben haben oder gar keinen. Da können Christen auf beiden Seiten vom Pferd fallen. Manchmal hat mich schon ein seltsam „sülziges“ Gefühl überkommen, wenn ich Christen hab reden hören von ihren Erfahrungen im Glauben. Da war ne Tonlage drin, so erkennbar auf heilig getrimmt, als gäbe es mit Gott keine Konflikte und Zweifel mehr. Das hat mich genervt statt überzeugt. Und auf der andern Seite kannst du deinem Gegenüber schuldig bleiben, dass du überhaupt von Christus redest mit ihm: und versäumst dadurch vielleicht, ihm was anderes zu sagen als was er täglich hört an Aufmunterungen, die nicht tragen: Kopf hoch, wird schon wieder, Unkraut vergeht nicht… - Ein großer Beter, Thomas von Kempen, hat mal gesagt: „Keiner redet treffsicherer, als wer gern schweigt.“ Aus der Stille kommt das Wort. Aus dem Beten kommt der Sinn für das, was ein Mensch braucht, was ihn öffnet und was ihn blockiert. Luther übersetzt hier das griechische Wort „Charis“ mit „wohlklingend“. Es bedeutet im Kern: Gnade, Charme, Anmut. Charme und Würze – beides schenkt Gott denen, die dranbleiben und sich erden lassen: im Leben, im Mitmenschen, in Gott selbst. :-)

 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus