2018-04-22 Jubilate

2. Korinther 4, 16-18                     Jubilate                              

 

 

„Nicht müde werden“ – meine Enkel beherrschen diese Kunst perfekt. Vor allem, wenn sie ins Bett sollen. Hier noch was Wichtiges spielen, da noch um Vorlesen oder Erzählen bitten. Und ihr Opi ist ja verführbar, nachdem er am neuen Wohnort mit ihnen auf dem Areopag-Felsen stand bei der Akropolis von Athen. Und deshalb als Gutenachtgeschichte anfing zu erzählen: Da wo wir heut waren, ist auch der Apostel Paulus gestanden und hat gepredigt. Damit war jeden Abend eine Fortsetzung fällig. Ein Glück nur, dass der Langstreckenwanderer Paulus da einiges hergibt…

Der war freilich oft müde. Körperlich von den Reisestrapazen. Und seelisch durch Misserfolge und Anfeindungen. Seiner Lieblings- und Problemgemeinde Korinth schreibt er aber das Gegenteil: „Darum werden wir nicht müde“. – Wie soll das gehen, Paulus? möchte ich zurückfragen. Was gibt dir Kraft und Mut bei Problemen, die man nicht einfach mit einem Energiedrink wegspülen kann?

Paulus legt eine Spur: unser äußerer Mensch, der wird oft müde. Unser innerer Mensch – wird täglich erneuert. Damit meint er freilich etwas anderes als der Philosoph Platon. Der sieht im Körper nur die vergängliche Hülle für unsere unsterbliche Seele. Nein, Paulus redet mit Respekt auch von unserer Leiblichkeit. Und da ist es halt so, dass wir älter werden und schwächer. Da ist es so, dass uns auch unsere Jugend nicht schützt vor schweren Erfahrungen: Warum müssen Menschen, die wir liebhaben, schwer krankwerden oder gar sterben? Warum schießen sich andere in der Schulklasse so gern auf mich ein? Und wie spüre ich, was für ein Mensch aus mir werden soll? Wer hilft mir dabei, indem er oder sie mich so tief liebt, dass ich geborgen bin? –

Müde werden: ich glaube, viele Menschen, die beruflich hier im Land helfen wollen hin zu Rechtsstaat und zu wirtschaftlichem Erfolg, viele kennen dieses Müdigkeitsgefühl, das einen packen kann: da hast du Beziehungen aufgebaut zu einheimischen Verantwortungsträgern, hast mit ihnen vielleicht ein notwendiges Infrastrukturprojekt geplant und Finanzierungsmöglichkeiten eröffnet. Und plötzlich sagt dein Gegenüber: Nein danke, wir machen das Projekt lieber mit jemand Anderem. Der stellt nicht so strenge Fragen wie ihr Deutschen, was mit dem Geld wirklich passieren wird. Bei sowas könnte man manchmal schon den Bettel hinschmeißen. Müde werden. Und trotzdem bleiben unsere engagierten Transformationshelfer dran. Probieren was Neues. Denn es geht um die Menschen hier. Dass sie eine Lebensperspektive bekommen. Und dass wir zusammenhelfen, damit die Länder Europas eine gemeinsame Zukunft in Frieden und Wohlfahrt finden.

Auch dem Paulus haben seine „Projektparter“ – ich meine manche Christen in Korinth – gesagt: Wir kennen andere spirituelle Transformationshelfer, bei denen geht alles viel leichter als bei dir. Die verkünden uns den sieghaften Christus so mitreißend, dass alle ganz high davon werden. Die Kleinigkeiten, ob z.B. alles in der Kasse stimmt, ob alle zehn Gebote für uns Erlöste noch gelten, ob wir wirklich alle unsere Armen in der Gemeinde mit durchfüttern müssen, - solche irdischen Kleinigkeiten können wir hinter uns lassen. Denn Christus hat uns in sein Reich versetzt schon auf dieser Erde.  – Paulus bleibt nüchtern: Passt auf, was euren Blick gefangen nimmt, sagt er. Ist es das Sichtbare? Auch die sichtbaren Wirkungen eures Glaubens? Sein unmittelbarer Nutzen? Dann könnte es sein, ihr verwechselt den auferstandenen Christus mit Ecstasy-Pillen oder einem Energiedrink, der euch den Kick gibt. Der Kater danach kommt aber ganz bestimmt. Nämlich eine Müdigkeit und Lebensschwere, die dich richtig lähmen kann.

Ich will euch dagegen lehren, wie man auf das Unsichtbare schauen und von ihm her leben kann, sagt Paulus. Seinen Korinthern ebenso wie uns heute. Und zeigt uns ein wenig, wie das geht: der äußere Mensch ist das, was wir ganz kreatürlich wollen: Selber groß sein und im Mittelpunkt. Stolz sein auf seine Kraft und Leistungsfähigkeit. Beleidigt sein, wenn es nicht nach Wunsch läuft. - All das wird uns aufgerieben. Durch den Zahn der Zeit. Durch schwere Erfahrungen. Durch Streit oder Kriege. Weil Menschen sich gegenseitig das Leben neiden, indem sie halt nur auf das Sichtbare sehen. Ihre eigene Macht. Ihren persönlichen Vorteil. Aufgerieben wirst du durch den Tod am Ende – sei er friedlich im Alter, sei es ein unzeitiger Tod durch Krankheit, Unfall oder Gewalt. All dies Schwere bringt Paulus auf den Nenner: „Bedrängnis“. Wir entrinnen den Bedrängnissen unseres Lebens nicht.

Aber wir dürfen durch solche Nöte hindurchschauen. Sie sind nicht das Endgültige, unser Garaus, wie man so sagt. Christen üben einen Blick aufs Leben ein, der sich nicht fesseln lässt von dem, was vor Augen ist an Glanz und Not. Sondern die Augen unseres Herzens sind gezogen von einer guten Zukunft her. Die können wir noch nicht sehen. Aber wir können sie uns verbürgen lassen durch Christus. Der ist den Weg des äußeren, vergänglichen Menschen gegangen bis zum bitteren Ende. Und wurde unfassbar neu von Gott gerufen aus Finsternis und Grab. Je mehr wir lernen, auf diesen Christus zu schauen, unsichtbar, wie er für unserer körperlichen Augen nun mal ist - desto getrösteter und mutiger wird unser Herz in all den Nöten, die in uns sind und uns umgeben. Unser innerer Mensch schöpft Kraft aus Gott

„I have a dream“ – so sagte vor fünfzig Jahren ein Christ in den USA. Und wiederholte es unbeirrt, auch als er angefeindet wurde. Wiederholte seinen Traum, dass Schwarze und Weiße die gleichen Bürgerrechte haben. Weil sie von dem einen Gott erschaffen sind. Seinen Traum hat Martin Luther King mit dem Leben bezahlt. Aber sein Traum ist nicht geplatzt dadurch. Sondern aktueller denn je. - So lasst uns träumen mit wachen Augen. Lasst uns schauen auf das, was Gott verheißt, auch wenn es noch unsichtbar ist. Paulus macht Mut: Komm, wir leben doch in einem Übergang - von dieser Welt zu Gottes Welt. Müdigkeit, Nöte, Sorgen haben nicht das letzte Wort. Das letzte Wort hat Christus. Und der sagt: komm, du mein geliebtes Menschenkind! Komm mit mir an Gottes Herz und spür den Pulsschlag seiner Liebe.  :-)

 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus