2018-03-11 Lätare

Philipper 1, 15-21                           Lätare                              

 

Wenn Herrscher jemanden ausschalten wollen, werfen sie ihn ins Gefängnis. Das tut  z.Zt. ein Möchtergern-Sultan in Europas Nachbarschaft, der über hundert kritische Journalisten eingesperrt hält. Wenn Herrscher zu biblischen Zeiten jemanden ausschalten wollten, warfen sie ihn ins Gefängnis. Das ist dem Paulus mehrfach passiert. Die örtlichen Behörden hielten seine Lehre für staatsgefährdend, weil er predigte: alle Menschen sind durch Christus gleich, sind Schwestern und Brüder, sind nicht nur Herren oder Sklaven nach der göttlich-römischen Ordnung. Aus dem Gefängnis schreibt er seinen Brief an die Gemeinde in Philippi. Philippi liegt bei Kavala in Nordgriechenland und ist die erste Gemeinde, die Paulus auf dem europäischen Festland gegründet hatte.

Wir wissen nicht, wo der Apostel gerade einsitzt: Ist es Ephesus in der heutigen Westtürkei? – da hat Paulus mit seinen kritischen Bemerkungen über Götzenbilder den Andenkenhändlern das Geschäft verdorben: die Artemis-Figuren verkauften sich nicht mehr. Oder sitzt Paulus in Cäsarea in Haft? Die Stadt, nach dem Cäsar, dem Kaiser benannt,  liegt zwischen Tel Aviv und Haifa an der israelischen Mittelmeerküste und war Verwaltungssitz des römischen Prokurators. Paulus besaß nämlich auch die römische Staatsbürgerschaft und konnte nicht einfach von seinen jüdischen Gegnern in Jerusalem verurteilt werden, sondern hatte das Recht auf einen römischen Prozess. – Oder ist Paulus bereits in Rom angekommen, nach abenteuerlicher Schiffsfahrt, und wartet dort auf seinen Prozess? Und wir wissen: er wird dort als Märtyrer sterben. Das würde mir die Sterbensgedanken erklären, die bei Paulus durchschimmern in dem, was er nach Philippi schreibt.

Erstaunlich: Wir hören keine Klage aus dem Mund des Paulus. Dass er jammert: so große Pläne habe ich noch, aber dummerweise wird nichts mehr draus, weil ich im Knast sitzen muss. Warum macht Gott kein Wunder und lässt mich frei? Paulus hat eine innere Zuversicht und Gelassenheit, die mich erstaunt: Er scheint davon auszugehen: Wenn Gott seine Sache voranbringen will, hindern ihn auch Gefängnismauern nicht daran. Gott kann auch mit einem gefangenen Paulus seine frohe Botschaft weiter ausbreiten. Egal wie – Hauptsache, das Evangelium läuft weiter, ist das Motto des Paulus. Was die Kräfte sind, die so unbändig die Sache Christi voranbringen, das lasst uns jetzt gemeinsam den Zeilen des Paulus ablauschen.

Die erste Kraft nenne ich Gemeinschaft. Das hat mit Jesus so begonnen. Der verstand sich nicht als Guru, der nur einzelne begabte Jünger in seine spirituelle Weisheit einführte. Von Anfang an weckt die frohe Botschaft Jesu Christi Gemeinschaft. Bildet Gemeinde. Führt Menschen zusammen in großer Bandbreite, was ihre Bildung angeht, ihre Einkommensverhältnisse, ihre Mentalität und Kultur. Darauf kann sich jetzt auch Paulus verlassen, auf Gemeinschaft als Kraft der Christen. (Mehr noch als z.B. ein deutscher Journalist im türkischen Gefängnis. Der konnte sich darauf verlassen, dass ihn seine Frau, seine Freunde, und vor allem das Auswärtige Amt nicht hängen lassen. Auch wenn es lang ging.)  Paulus spürt die Kraft der Gebete, schreibt er. Wenn Christen füreinander beten, sind das halt nicht nur fromme Wünsche. Sondern da tragen ihn die Herzen seiner Freunde und Mitchristen in Philippi und anderen Gemeinden hin vor Gott. Sie bitten Gott für seinen Apostel. Fürbitten – das letzte Mal haben wir z.B. für weltweit verfolgte Christen gebetet – Fürbitten sind wie ein unsichtbares Netz, an dem Menschenherzen knüpfen: dass keiner ewig durch die Maschen fällt, selbst wo die Verhältnisse schlimm sind für ihn. Keiner leidet unschuldig ohne Gott, und kein Christ sitzt ganz allein, ohne Gott im Knast. Deshalb steckt Paulus wohl auch so locker weg, dass es in Philippi Konkurrenzprediger gibt, die sich selber großmachen wollen und Paulus in seinem Einfluss ausstechen.

Als zweites hebe ich das Stichwort „Geist“ hervor. „Ich bin gewiss, dass ich mich auch in Zukunft freuen kann“, schreibt Paulus. „Alles wird zu einem guten Ende führen, egal, wie schlecht es gerade aussieht.“ – Der Geist, den Jesus Christus schenkt, lehrt Paulus so zu denken. Das ist der Geist von Ostern, wo alles plötzlich in einem neuen Licht erschien – weil Christus auferstanden ist. Das ist der Geist der Liebe, der vertraut: die ist stärker als alle menschliche Macht des Bösen. Es ist vor allem auch der Geist der Demut, der Paulus sagen lässt: auf mich als eigene Persönlichkeit, auf mich als Gründungsapostel der weltweiten Kirche, kommt es gar nicht an. Ich bin nur Werkzeug, - und wenn es Gott gefällt, durch die Tatsache, dass ich im Gefängnis bin, sein Evangelium auszubreiten: gut, dann eben so – ein Werkzeug diskutiert mit dem Handwerker nicht, wie er es einsetzen soll. Es ist nur zum Dienen da – Geist der Demut.

Ja, Paulus setzt sogar noch eins drauf mit seinem dritten Stichwort: Christus – mein Leben. Das ist die Kraft, die Paulus antreibt – tausende von Kilometern durch den östlichen Mittelmeer-Raum. Das ist das Ziel, durch das sich Paulus magnetisch gezogen sieht seit jener Blitzerfahrung vor Damaskus. Nicht mehr sein Leben ist Maßstab – und sei es so fromm und einsatzbereit fürs Richtige, fürs Gute, wie es der junge Saulus war damals. Christus – mein Leben, das gilt jetzt mit jedem Atemzug, jedem Gedanken, jedem Problem und jeder Freude: alles von Christus und auf Christus hin ausgerichtet mit mir. – Eine große und demütige Haltung des Glaubens. Paulus spielt da in einer völlig anderen Liga als ich. Christus, sei Du mein Leben, so mag ich schon mal bitten, wenn ich merke: ich verheddere mich wieder in eigenen Sorgen und Plänen und Prioritäten, die doch nicht weit tragen. Aber dass mir Sterben zum Gewinn werden kann!? – Paulus, das ist hohe Schule des Glaubens! Du bist weit voran auf dem Weg zur liebenden Selbstlosigkeit! Die sich ganz zur Verfügung stellt. Und darauf vertraut: nichts wird umsonst gewesen sein an meinem Leben, wenn ich es nur ganz und gar Christus überlasse. Nichts, nicht einmal mein Ende. Selbst der schmerzliche Tod wird umarmt und entgiftet und geht als Tod unter - in ewiger Freude, die da singt: Jesus lebt – mit ihm auch ich, auch du. (EG 115) 

:-)

 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus