2018-02-04 Sexagesimä

2 Korinther 12, 1-10                       Sexagesimä                       

 

„Hallo, seht ihr mich?“ hab ich als Kind stolz vom Apfelbaum herabgerufen. Die Baumwiese meiner Großeltern war ein herrliches Ferienparadies. Doch was nützt dir der höchste Baum, den du erkletterst, wenn dich keiner sieht…? „Hallo, geschafft!“ haben mein Freund und ich einander zu-gekeucht auf dem Gipfel des Piz Buin oder des Großvenedigers. Und wenn es damals schon Selfies gegeben hätte, hätten wir eines gemacht und gepostet. Denn was nützt der schönste Gipfel, den du erklimmst, wenn du nicht ein bisschen damit angeben kannst…?

Erst als Pfarrer in der Gemeinde wurde ich nachdenklicher beim Thema: Etwas gut machen – und darauf stolz sein. Manchmal glaubte ich, dass es eine gute, geschliffene Rede war, die ich da von der Kanzel abließ. Doch die Stimmung der Leute wirkte nicht befreit. Und ein andermal hatte ich mich in der Vorbereitung so gemüht und musste trotzdem denken: Bist mal wieder gescheitert an der Größe und Heiligkeit dieses Bibelworts, konntest es nicht recht in Worte fassen – aber beim Ausgang sagten mir manche: Danke für die Predigt heut. Und wirkten dabei innerlich gestärkt, gar froh – selbst wenn sie ein Leid in der Familie trugen, wie ich wusste.

Zeig deine Stärken, dann bist du wer. Wenn du nicht gut auftreten kannst, dann halt die Klappe und lass andere vor, die’s besser machen. Nach dieser Regel lief es schon zur Zeit des Paulus. Nicht nur im Sport, in Handel und Wirtschaft, im öffentlichen Leben. Auch Religionen ticken nach diesem Muster: „Hallo, seht ihr mich? Mit meinem Gott bin ich der Größte. Der schützt mich und macht mein Leben leicht, sicher und schön.“ – Denn was nützt die schönste Religion, wenn sie dir keinen Vorteil bringt? Wenn sie dich nicht vor Unglück bewahrt, dich erfolgreich macht und den Heiden oder Andersgläubigen überlegen? Oder wenigstens in ferner Zukunft einen himmlischen Ausgleich verspricht, - eine Prämie für deine Glaubensanstrengungen?

Paulus, von dem wir heute lernen wollen, wie man das Kleingedruckte lebt, das halt mit zur Jesusnachfolge gehört, Paulus könnte bei diesem Wettbewerb um die erhebendste Religion mithalten – einerseits. Er spricht von ekstatischen Erfahrungen, von außerkörperlichen Höhenflügen bis in den dritten Himmel. Vor vierzehn Jahren habe er so eine „peak experience“, eine spirituelle Spitzenerfahrung erlebt. Das war etwa die Zeit, wo er nach seiner Lebenswende vor Damaskus in die arabische Wüste gegangen war, um sich vor Gott neu zu sortieren. Also: Mit meinen Gott komm ich wie mit dem Aufzug in den Himmel, könnte Paulus auftrumpfen und sagen: da sind eure Massen-Verzückungen in den Gottesdiensten, euer High-sein, Halleluja-Kreischen, Jesus-Fanlieder singen, Klatschen und Tanzen, auf den Boden fallen in heiliger Trance, Zungenreden in unverständlichen Lauten: das sind alles peanuts im Vergleich zu meiner Himmelfahrt.

Andererseits erspart einem der religiöse Höhenflug nicht, dass man sich in den Niederungen des Alltags bewährt, seine Verantwortung fürs Leben und Zusammenleben übernimmt, die leidvolle Seite des Lebens nicht spirituell betäubt. Sonst würde der christliche Glaube zum „Opium des Volks“. So hat es etwa tausendachthundert Jahre nach Paulus Karl Marx ausgedrückt. Für Betäubungsreligion hat aber Paulus nun gar nichts übrig! Deshalb will er bewusst nicht mithalten mit den Super-Aposteln, die nach ihm in seine Korinther Gemeinde gekommen waren und gesagt: „Hallo, seht ihr uns? – So wie wir muss man auftreten, wenn man Christ ist, nicht wie euer mickriger Paulus. Wem es schlecht geht, wer nicht erfolgreich ist, wer gar leiden muss an Krankheit oder einem Schicksalsschlag, über den er nicht hinwegkommt – der glaubt einfach nicht genug, betet nicht richtig. Ist also selber schuld. Würde er es richtig machen mit der Religion, könnte er seine Lebensprobleme mit Gottes Hilfe im Griff haben.“

Paulus hat gar nichts mehr im Griff, und schreibt ehrlich davon. Nicht, um seine Lieblingsgemeinde, sein Schmerzenskind Korinth abzuschrecken. Sondern um geduldig zu zeigen, wie das Kleingedruckte aussieht, wenn man dem gekreuzigten Christus folgt. Wenn man sich mit Haut und Haar dem Menschen Gottes anvertraut, der dem Leiden nicht ausgewichen ist, und der unfassbar neu auferweckt wurde aus seinem Tod. Paulus hat eine chronische Krankheit. Drastisch schreibt er: mein Körper ist wie mit einem Stachel durchbohrt, wie mit Fäusten geschlagen – solche Schmerzen hat er. Und natürlich bat er Gott, dass er ihn heile. Wie sollte er denn sonst ein erfolgreicher Apostel sein? Wie sollte er so weite Strecken reisen können und kraftvoll den lebendigen Christus verkündigen, wenn er so eine angeschlagene Figur ist, dem seine Religion gar nichts hilft? Doch Paulus blieb krank und musste seine Beschwerden aushalten Tag für Tag. Das einzige, was er bekam, ist sowas wie ein neues Licht auf sein altbekanntes Leiden: „Du brauchst nicht mehr als Gottes Gnade“, ging ihm eines Tages auf. Du musst nicht fit und gesund sein, damit du Gott und den Menschen dienen kannst. Denn „Meine Kraft, die Kraft des gekreuzigten Christus, kommt gerade in der Schwäche voll zur Geltung.“

Gilt das auch für mich, für dich? Dass Gott was aus mir machen kann, selbst wo ich Fehler gemacht hab, mein Leben „nicht gebacken kriege“ und oft nicht glauben kann, dass Gott da ist? Dem Paulus mag ich erlauben, dass er mir was ins Herz sagen darf. Weil er sich nicht schminkt in seinen Briefen. Er macht mir keine Hochglanz-Spiritualität vor. – Mir ist es freilich zu schwer, wenn er schreibt: „Deshalb freue ich mich über meine Schwäche, gar über Misshandlung und Not.“ Zum Glück geht es mir da viel, viel besser als ihm. Aber hochhangeln an seiner Haltung kann ich mich, wenn ich unten bin und schon Lebenszeiten hatte, wo ich recht verzweifelt war und nicht wusste, wie es weiter gehen wird mit mir. Und so bin ich bis heute am Buchstabieren wie ein Anfänger, kann mein Leben und meine Leidenszonen nicht „flüssig lesen“ und verstehen, wie es Paulus hier zu tun scheint. Mich hochhangeln an seiner Erkenntnis, mehr kann ich nicht. Etwa so: Alles ist von DIR, Gott, auch das, was ich nicht verstehe und worunter ich leide. Ich versuche, mich DIR zu überlassen, - auch wenn ich manchmal Angst hab, die Kontrolle zu verlieren. Hilf mir, DIR zu vertrauen, Gott. Mach aus meinem schwachen, unvollkommenen Leben das, was Du mit mir vorhast in deiner Gnade. :-)

 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus