2018-01-14 2. n. Epiphanias

1.   1. Korinther 2, 1-10https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/gute-nachricht-bibel/bibeltext/bibel/text/lesen/?tx_bibelmodul_bibletext%5Bscripture%5D=1.+Korinther+2%2C+1-10                                     2. So. n. Epiphanias  

 

Großartige, starke Worte, auf die Paulus anspielt: sowas kommt uns irgendwie bekannt vor. Nicht erst, seit der sattsam bekannte Weltmeister im Twittern jeden Morgen die Menschheit mit seinem neuesten Drecksgeschwätz überzieht. Und am nächsten Tag davon schon nichts mehr wissen will, sondern das glatte Gegenteil behauptet. Starke Worte – ich vermute, unser Geschäftsleben würde ohne suggestive Sprache und Bilder längst nicht so erfolgreich funktionieren, - die Aktienkurse beweisen das. Mit meinen Enkeln habe ich in Autoprospekten geblättert: da kommst du dir vor, als würdest du mit einem Auto zugleich ein ganzes Lebensgefühl kaufen: dynamisch unterwegs bist du auf schnellen Straßen, hast dank der technischen Unterstützungssysteme alles unter Kontrolle, bist überhaupt ein toller Hecht mit diesem Auto, nach dem sich die Leute umdrehen. Starke, suggestive Versprechen macht der Autoprospekt. Hier in Belgrad sehe ich manchmal fünf Stockwerke hohe Werbebilder z.B. Häuserfassaden am Trg Slavija. Die kannst du gar nicht übersehen. Das ist so, wie wenn das Bild dich anbrüllen würde mit seiner Botschaft: In diesem Kleid, diesem Anzug bist du ein starker Typ, eine verführerische Frau. Großartige Worte – sie wollen großartiges Lebensgefühl verheißen. Sie sagen: Kauf mich, gehorche mir, sein mein Fan!

So bin ich gerade nicht aufgetreten bei euch, sagt Paulus. Er schreibt an die Christen in der Hafenstadt Korinth. Ein paar Jahre zuvor hat er ihre Gemeinde gegründet. Diese Christen waren freilich keine tollen Hechte, sondern neben erfolgreichen Geschäftsleuten hielten sich auch Sklaven, Hafenarbeiter, Prostituierte zu der neuen Religion. „Ich bin nicht wie ein gewiefter Redner aufgetreten mit seinen witzigen oder einhämmernden Sätzen“, sagt Paulus. „Ich fand nur schwache Worte, hatte auch Angst, ob meine Botschaft so überhaupt ankommen kann, wenn ich nicht mittanze im Reigen der Marktschreier, Populisten, Religionsverkäufer. Klar, ich hätte auch einen Kurs in Rhetorik und selbstbewusstem Auftreten machen können, z.B. in eurer Nachbarstadt Athen. Da hat man das öffentlich mitreißende Sprechen ja erfunden und trainiert es schon seit Jahrhunderten in eigenen Akademien. Denn packend und überzeugend reden in der Öffentlichkeit – das ist Europa. Das ist sein Kern, inzwischen oft verschüttet. Das haben andere Kulturen nicht so früh und in solcher Tiefe entwickelt. Und sogar ihre Städte entsprechend gebaut: mit einem zentralen Platz, wo sich die Bürger frei versammeln können.“

Paulus will packen, will ran ans Herz seiner Hörer. Aber nur zu dem Zweck, dass er mit seinem Reden und Schreiben Platz macht, Raum schafft. Wofür? Für den Heiligen Geist, für die Kraft Gottes. Nicht für die suggestiven Kräfte von religiösen Heilsversprechungen. Warum ist der Apostel da so entschieden und nimmt sich selbst zurück? – Die Antwort finden wir, wenn wir die älteste Darstellung von Jesus am Kreuz anschauen. Das ist ein Spottbild aus einer Kaserne in Rom. Ein Gekreuzigter mit Eselskopf – davor ein Mann, der ihn verehrt. Und die Inschrift heißt: Alexamenos betet seine Gott an. – So ein Bild wäre absolut ungeeignet für einen Hochglanzprospekt in Sachen Religion. Da wäre eine antike Götter-Skulptur wesentlich geeigneter. Wie etwa der Halbgott Herakles, der mit seiner Keule den stärksten Löwen erlegt und ein klassischer Siegertyp ist. Damit könnte man werben für eine Religion, die dir hilft, deine Gegner auszuschalten und alle Schwierigkeiten im Leben zu bestehen.

Aber Paulus ist an diesen Christus gebunden, der einen unsinnigen Tod am Kreuz stirbt und von aller Welt verlacht wird. Keine starken Worte kann er machen mit so einer Gestalt. Einem Verlierer, einem Loser. Und doch ist in diesem Verlierer Gott am Werk. Ganz geheimnisvoll, verborgen, voll göttlicher Weisheit. Die Großmäuler und Herrschenden unserer Zeit erkennen das nicht. Schon damals – und offensichtlich auch heute. Doch wir alle sind eingeladen, am Anfang des Jahres diesem Geheimnis nachzusinnen. Uns mit hineinnehmen zu lassen in die Wege Gottes mit seiner Welt und seinen Menschen. Wo so vieles verborgen bleibt für unsere Augen – unterm schieren Gegenteil: Warum müssen Menschen krankwerden, leiden, zur Unzeit sterben? Warum sind die Völker trotz aller schrecklichen Erfahrungen nicht bereit, daraus zu lernen und Frieden zu suchen? Worauf zielt unser Leben, wozu sind wir geschaffen? – Die Antwort auf Fragen dieser Art ist nicht ein Satz, eine Behauptung, eine Theorie. Sondern Gottes Antwort ist eine Gestalt. Ein lebendiger – und deshalb auch sterblicher Mensch: Jesus Christus.

Wir kommen vom Fest her, an dem wir den Menschen Jesus als Geschenk Gottes gefeiert haben. Die Nachweihnachtszeit stimmt mit ihren Sonntagsthemen uns die Saiten der Seele: dass sie in Schwingung kommen, Resonanz geben können auf das leise Reden Gottes, auf die Kraft, die schon von einem Kind in der Krippe ausgeht. Die vom Mann des Mitleidens und Heilens ausgeht – Jesus, der durch Galiläa zieht. Der Menschen beruft, Unberührbare berührt, Verlierer in Erbarmen hüllt und Zerbrochene heilt. Zum Kreuz begleiten werden wir ihn erst an Karfreitag: die Sonntage des Kirchenjahres gehen langsam voran mit dem, was sie beleuchten. Damit unsere Seele mitkommt und die Resonanzfähigkeit auf Gott wächst.

Darum werden heute, zu Beginn des Jahres, nur die Umrisse abgesteckt des Landes, durch das wir geführt werden. Und die Kontraste, worin die christliche Religion, die dem gekreuzigten Jesus folgt, sich von anderen unterscheidet. Mit Paulus gesprochen, der anspielt darauf, wie es halt zugeht auf der Welt, nämlich: Starke Worte – wenig dran. Nur die nötigende Botschaft, die unfrei macht: Sei mein Fan, mein Kunde, mein Untergebener! Hingegen gilt für das Herz Gottes, das Resonanz finden will in uns: Schwache Worte – alles dran. Das Leben Jesu wird drangegeben. Als Verkörperung der tröstenden und befreienden Botschaft: Gott hat dich unendlich lieb.  :-)

 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus