2017-12-24 4. Advent - Christvesper

Lukas 2, 1-20                     Christvesper                                     24.12.2017

 

„Gott hätte es doch viel einfacher haben können mit dem Frieden auf Erden“, haben die Konfirmanden gesagt, als wir zusammen die Weihnachtsgeschichte gelesen haben. „Er bräuchte ja bloß mit dem Finger zu schnipsen, und alle Menschen wären friedlich. Keine Kriege mehr, kein Terror, kein Streit.“ – „Super Frage“, hab ich geantwortet, „die Weihnachtsgeschichte gibt uns echt was zu knacken. Denn das mit einem allmächtigen Gott im Himmel, der nur mit den Fingern schnipst, und alles hört auf seinen Befehl, - das klappt hier offenbar nicht.“ – „Aber warum ist denn Gott so blöd? Oder auch ungerecht. Und macht aus schlechten Menschen nicht einfach gute?! Dann wär‘ doch Frieden auf Erden!“ – Tja, da haben wir kurz miteinander gerätselt, warum es sich Gott so schwer macht mit uns Menschen. Haben natürlich keine „logische“ Antwort gefunden. Ich konnte die Kinder nur spüren lassen, dass ich selber bis heute nicht fertig bin mit dem Geheimnis der Weihnachtsgeschichte. Und dass vielleicht genau das die Größe und Liebe Gottes zeigt, dass er es sich nicht einfach macht. Und seinen Menschen auch nicht, wie uns die Weihnachtsgeschichte zeigt.

Da sind Josef und Maria. Und das ungeborene Kind. Eine Problem-schwangerschaft. Wir brauchen nur zu denken an den Kult der arabischen Welt, wie da Männer ihre Frauen hinter Burkas wegsperren als  Privatbesitz. Dann bekommen wir ein Gefühl, was es für Josef und Maria bedeutet haben muss, dass sie ungewollt schwanger war. Und nicht mal den Erzeuger recht benennen konnte. Eine knallharte patriarchalische Welt war das. Josef macht sich möglicherweise lächerlich, weil er seine schwangere Verlobte nicht verstößt, die von Nachbarn hinter der Hand bestimmt „Hure“ genannt wurde. Und Maria kann froh sein, dass sie nicht, wie es später vor den Augen Jesu mal mit einer anderen Frau geschehen sollte, von Männern in die Dorfmitte gezerrt wurde, um sie als „Ehebrecherin“ zu steinigen. So ziehen die beiden nach Bethlehem. Zu Fuß oder auf einem ärmlichen Tragetier. Beides nicht gerade schonend für eine Hochschwangere. Nur weil der ferne römische Kaiser die Leute an die Herkunftsorte ihrer Sippen schickt, um möglichen Grundbesitz dort zu versteuern. Und Josef halt über tausend Ecken mit König David verwandt ist, und der stammt aus dem Kaff Bethlehem.

Warum gerade diese Ouvertüre zur Geburt des Gottessohns? Warum eine Geburt unterwegs? Und nicht in einem Zentrum der Macht, des Geldes, des Glamours? Möchte Gott anknüpfen daran, dass er schon immer ein Gott der Migranten ist? Dass er den Abraham auf den Weg ins Unbekannte schickte, um alle Welt zu segnen? Dass er die bedrückten Israeliten in Ägypten zum „Unterwegssein“ aufrief: er hieß sie nämlich das Passahmahl am Abend vor ihrer Befreiung im Stehen essen, in Wanderkleidung, Stab in der Hand, aufbruchsbereit, „als die, die hinwegeilen“. (Exodus 12, 11) Möchte Gott an Weihnachten seinen Menschen für alle Zeiten zeigen: Verachtet mir diejenigen nicht, die es nicht so ganz gebacken kriegen mit ihrem Leben. Der einen kommt ein Kind dazwischen, ein anderer hat angeknackste oder zerbrochene Familienverhältnisse und kann so keine stromlinienförmige Karriere hinlegen. Möchte Gott unsern Sinn ganz wach machen für Menschen unterwegs? Indem er einem süßen Baby, wo allen das Herz aufgehen muss, die Botschaft unterjubelt: Hallo, ich bin das Kind von Binnenmigranten. Habt ihr Platz für mich?

Wir haben’s ja gehört: Kein Raum in der Herberge. Gott macht es auch dem Kind nicht leicht, seinem Sohn! Futterkrippe statt Wiege. Später wird Jesus mal sagen: „Die Füchse haben Höhlen und die Vögel haben ihre Nester. Aber ich, der Menschensohn-Gottessohn hab kein Quartier für meine Nächte.“ (Matthäus 8, 20) Und noch später wird man ihn unter Spott und Schlägen hinausführen aus der Stadt. Zum Galgenberg. Ans Kreuz. Kein Platz für dich bei uns Menschen!

Bei dieser Geschichte bin ich noch nicht mit den Konfirmanden, die da wissen wollen: Warum macht es sich Gott, der Allmächtige, so schwer? Und erspart seinem Sohn nichts? Wir konnten nur kurz dran rühren: Könntest du denn jemanden liebhaben, der dir als allmächtiger Fingerschnipser begegnet, und vor dem du kuschen musst? - Nein, das könnten wir nicht. Denn echte Liebe kann einen andern nicht zwingen zur Gegenliebe. Sie kann nur darum bitten. So schwach ist sie. Diese Machlosigkeit riskiert der allmächtige Gott. Und zeigt in all den Widerhaken und Tiefenbedeutungen der Weihnachtsgeschichte: Ich, Gott, hab halt eine Schwäche für euch Menschen. Muss deshalb ganz nah zu euch hin, genau dort, wo ihr euer Leben nicht auf die Reihe kriegt, wo es wehtut, wo es dunkel ist um euch, in euch. Muss euch lieben bis zum Geht-nicht-Mehr!

Die Hirten in der Dunkelheit kapieren das als erste. So sind schon wieder Menschen unterwegs – die Hirten. Finden sich ein beim Krippenkind. Und das Herz geht ihnen auf. Vor Freude. Sie nehmen uns mit hinein in Freude und Lob: Danke, Gott, dass du es dir nicht einfach machst mit unserer notvollen Menschenwelt. Sondern sie von innen her verwandeln willst. Indem du uns liebhast ohne Ende! :-)

 

Pfarrer Hans-Freider Rabus