2017-12-10 2. Advent

Jesaja 63, 15-16Jesaja 64, 1-3               2. Advent                         

Was ein kollektives Trauma ist, das weiß man hierzulande gut. Manche haben Erinnerungen ans Ende der Neunzigerjahre, als über Belgrad Raketen heulten und Bomben einschlugen. Manche sind auch aus politischen Gründen interessiert, ihr Volk immer wieder an traumatische Erfahrungen zu erinnern. Selbst mit der längst vergangenen Jahreszahl 1389 kann man hier Gefolgsleute sammeln: die verlorene Schlacht auf dem Kosovo polje (Amselfeld) dient dazu, nationalen Selbstverteidigungswillen zu festigen.

Mit einem kollektiven Trauma mussten sich auch die Leute auseinandersetzen, an die der Prophet schreibt. Sie waren Jahrzehnte im Exil. Einige konnten allmählich  heimkehren zu einer armseligen Existenz im zerstörten Jerusalem. Babylonische Gefangenschaft: die ehemalige Oberschicht Israels zu einfachen Arbeiten gezwungen in dieser fremden, übermächtigen Kultur. Verlockend vielleicht in ihrem Glanz, aber vor allem bedrohlich: Was wird denn aus unserm Volk, unserer Identität, wenn wir völlig aufgehen unter Fremden? Was wird aus uns, wenn die Symbole unserer Einzigartigkeit fehlen? Der Tempel – zerstört. Religiöse Traditionen – verloren. Gott selbst – in weiter Ferne, unsichtbar.

Da ist das Prophetenwort eine seelsorgerliche Stimme, die lädt  zum Umdenken ein. Ein Gebet, das dem Volk Bußgedanken und Worte der Klage in den Mund legt. Der Prophet scheint zu ahnen: Wenn sich etwas ändern soll in der Weltgeschichte, dann darf man nicht immer sagen: die andern sind schuld und wir die Traumatisierten. Sondern man muss mit dem eigenen Herzen anfangen.

Jedes Umkehren beginnt mit Hinschauen. So lange wir unsere Lage schönreden, ändert sich nichts. Wer sich über seine Krankheitssymptome selbst beschwichtigt, wird nicht zum Arzt gehen, bis es vielleicht zu spät ist. Wer als Chef oder als Lebenspartner sagt: ich weiß, wie’s laufen muss, bleibt beratungsresistent. Wer in Konflikten die eigenen Anteile leugnet, bleibt als einzelner: rechthaberisch; und als Volk: versessen darauf, Opfer der Geschichte zu sein, - insofern unterschwellig kriegs- und gewaltbereit.  Allein schaffen wir das freilich oft nicht, genau hinzuschauen. Der Prophet ruft deswegen Gott selbst an: Schau auf uns vom Himmel! Unbestechlich und erbarmungsvoll zugleich.

„Wo ist nun dein Eifer und deine Macht?“ appelliert er. „Gott, du Barmherziger, warum verschließt dich uns gegenüber?“ Und sieht selbstkritisch: unser bisherige Halt trägt nimmer. Fürs Volk Israel war das Abstammung und Tradition: Unser Urvater ist Abraham. Der hatte eine ganz besondere Beziehung zu Gott. Deshalb sind auch wir ein ganz besonderes Volk. Darum habe ich auch als Einzelner allen Grund zum Vertrauen selbst in schweren Zeiten. Denn Abraham ist sowas wie Schutzheiliger, Fürsprecher, Garant: es wird gut ausgehen im Leben.

Das Große in diesem prophetischen Gebet ist: Wenn die Lebensangst einen packt, wenn die Leute sich fragen: Wie kommen wir da raus, aus dieser unübersichtlichen Zeit? Wie kriegen wir eine neue Zukunft? – dann ist die Antwort nicht, wie wir zur Zeit in Europa allenthalben erleben: Jetzt erst recht uns auf eigene völkische Traditionen berufen. Jetzt erst recht Stimmung machen gegen alles Fremde. Sondern: Du, Herr und Gott, bis unser Vater. Nicht Abraham. Nicht König Stefan Nemanja oder König Lazar für Serbien. Nicht die Grand Nation für Frankreich, nicht der vermisste Glanz des Commonwealth für England, nicht Kaiser Barbarossa, der nach der Sage ja mal wiederkommen soll, für die Deutschen. Auch nicht Luther, Bismarck, Beethoven oder Albert Einstein. Nicht Tradition, nicht Geist, nicht Kultur oder Nationalstolz rettet uns in diesen unübersichtlichen Zeiten. So notwendig es ist, dass Menschen bei sich selbst und in ihrem Land zuhause sind, Heimat erleben. Bergende Räume des Vertrauten. Aber voran geht es erst, wenn Menschen es wagen, sich mit dem unausweichlichen Lebensrisiko zu befreunden statt versuchen sich abzuschotten. Dafür steht mir hier das Wort „Vater“ und „Erlöser“. Gott – wie ein liebevoller und starker Vater, der den Weg weiß. Zu dem ich Vertrauen hab. Ein Symbol dafür, dass im Leben und in der Geschichte noch andere Kräfte im Spiel sind als das eigene Köpfchen oder die eigene Faust.

Nur: das liest sich so leicht runter aus der Bibel. Und das lebt sich so schwer. Vertrauen zu haben. Auf Unsicherheit nicht antworten mit Angstreflexen. Wir Menschen der Moderne können einfach keinen Vatergott im Himmel mehr glauben, der alles so herrlich regieret. Weil wir unsere Welt selber gestalten durch Wissenschaft und Technik, mit Macht und politisch-wirtschaftlichem Kräftespiel. Trotzdem: Ich will mich durch dieses Prophetengebet ermuntern lassen: Versuch doch, in unübersichtlichen Zeiten auf Vertrauen zu setzen statt auf panische Kontrollanstrengungen.  Versuche, in Beziehung zu treten zu dem Größeren, Geheimnisvollen, das du niemals in Griff kriegen wirst – und das sich dennoch von dir „Vater“ nennen lässt.

Und wenn du merkst: von mir her krieg ich das nicht hin. Ich kann nicht über die Grenzen meines Verstandes und meiner Ängste drüberhüpfen – dann bist du nah an der Bewegung des Propheten. Der kann nämlich auch nur rufen und bitten in einen dunklen Himmel hinein: Du musst Licht bringen, du musst den Himmel zerreißen und uns nahe kommen. Nenn ich dich Gott, Vater, Geheimnis, Liebe, Lebenskraft? Egal, wie: Zeig dich doch, Gott! Offenbare dich uns! – Dahin nimmt uns der Prophet heute mit. Nämlich in den Advent. Ins flehentliche Warten und Rufen mit der Seele oder mit Worten: Zeig dich, Gott. „O klare Sonn, du schöner Stern, dich wollten wir anschauen gern. O Sonn, geh auf! ohn‘ deinen Schein in Finsternis wir alle sein.“ (EG 7,5) – Weiter als bis zu solchem Rufen und Bitten werden wir heute nicht geführt. An Weihnachten erst dürfen wir feiern: Gott erhört das tiefe Warten und Rufen. Auf ganz besonders menschliche Weise zerreißt er unser Dunkel und öffnet die Tür zum Leben. :-)

 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus