2017-12-03 1. Advent

 

Apokalypse 5, 1-10            1. Advent

Was sind das für Tränen, die der Seher weint, als das Buch nicht geöffnet werden kann? Es ist nicht die kindliche Enttäuschung, dass ein Wunsch, eine Neugier nicht sofort befriedigt wird. Es ist ein tragendes, den Schmerz vieler Menschen bergendes Weinen. In seinen Tränen trägt Johannes das viele Leid und Weh unserer Welt vor den Thron Gottes. Machen wir uns klar: er sitzt als Christ verbannt auf der Insel Patmos. Denn der römische Kaiser ließ alle verfolgen und bestrafen, die seine Statuen nicht angebetet haben mit dem Ruf „Mein Herr und mein Gott“. Drüben auf dem – heute türkischen – Festland gibt es Städte, in denen die christlichen Gemeinden hart bedrängt sind. Wir wissen nicht, welche Schmerzensbilder und Martyrien sich in Johannes‘ Seele eingegraben haben, was er alles mit ansehen musste. Aber ich denke mir: wenn er heute auf Patmos säße, sähe er manche Flüchtlingsboote mit verzweifelten Menschen. Sähe er vielleicht den kleinen ertrunkenen Jungen, der mit Gesicht nach unten an den Kiesstrand gespült wurde. Sähe er Menschen aller Hautfarben, die nur eines wollen: leben, angstvoll überleben. Und die sich verzweifelt fragen: Wie lange noch? Wie lange noch dauert meine Reise ins Ungewisse? Wie lange noch muss ich in dem Lager bleiben? Wie lange muss ich auf Nachricht von meinen Liebsten warten, von einem Wiedersehen ganz zu schweigen?

In dem geheimnisvollen Buch wartet die Antwort. Die göttliche Antwort auf die Menschheitsfrage: Wie lange noch? Gott, wie lange noch dürfen Menschen einander die Erde zur Hölle machen? Wie lange sollen wir noch beten und rufen: „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, nicht nur in Himmelsfernen, sondern ganz konkret auf Erden! Gott, wir haben oft die Kraft zum Kämpfen und Warten nicht mehr. Wir sterben darüber, verzweifeln, verlieren Vertrauen und Mut.“ – Aber das Buch ist versiegelt. Siebenfach. Du kannst auf die Rätsel deines Lebens und der Weltgeschichte nicht einfach zugreifen mit deinem Verstand. Du musst in deiner Lebensspannung bleiben, auch wo es dir zur schmerzlichen Zerreißprobe wird. - So halten wir doch kurz inne und geben in unserm Gemüt Raum für unser ganz persönliches Fragen: Gott, wie lange noch? So viel  Unrecht, Leiden, sich-Ängsten, Warten, Flehen?                       - - - 

Der Engel löst nicht die Not des Sehers und all der Seelen, die dieser zu Gott hin weint. Er antwortet mit einer Gegenfrage: „Wer ist würdig?“ Würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? Alle versuchen sich dran, die im Himmel, die auf Erden, die unter der Erde im Hades – und niemand schafft es. Kein „Hacker“, und sei er noch so findig, kann die Verschlüsselung knacken. An der Unbegreiflichkeit und Abgründigkeit Gottes gleiten all unsere Verstehens-Versuche ab. Nicht wir selbst können uns einen Reim machen auf das Hell und Dunkel der Welt. Nicht wir selbst entschlüsseln den Sinn unseres Lebens und auch Leidens. Wer aber dann? Oder ist das eine sinnlose Frage? Weil eben der Lebenskampf sinnlos ist und am Ende das kalte Nichts wartet, das den Verbrecher wie sein Opfer verschlingen wird – ungesühnt?

Mir gibt zu denken, dass der Engel nicht fragt: Wer ist klug genug, all die Rätsel zu lösen? Oder wer ist heilig genug, dass ihm Einblick in die Sphäre Gottes und des Menschenherzens gewährt wird? Oder wer ist mächtig genug, dass er wie ein legendärer Alexander die unlösbaren Knoten des Lebens einfach mit dem Schwert durchschlagen könnte und sagen: ab jetzt hört die Weltgeschichte auf mein Kommando. – Nein, der Engel fragt: Wer ist würdig? Und würdig, das hat etwas mit unserm Sein zu tun, vor all unseren Fähigkeiten und Klugheiten. Das Wort „Menschenwürde“ erinnert an dieses Sein: Schon allein weil einer Mensch ist, kommt ihm von vornherein Würde zu, die man nicht verletzen darf. Im riesigen Maßstab der Bilderwelt bei Johannes eine beschränkte, zu schwache Würde. Sie reicht nicht hin zum Öffnen des Buches.

Da kommt ein Lamm ins Bild: Johannes sieht ein symbolträchtiges Geschöpf: Sieben Mal die Zeichen der Macht: Hörner. Sieben Mal ein waches Auge: dem bleibt kein Unrecht auf dieser Erde verborgen. Und keine noch so tiefe Not in den Herzen und am Körper der leidenden Menschen. Das Lamm ist würdig. Es bekommt das Buch vom Thron Gottes her gereicht. Ein himmlischer Lobpreis erhebt sich: Würdig ist das Lamm, weil es am eigenen Leib trägt, was die vielen Leidenden zu Johannes‘ Zeiten und zu unserer Zeit tragen müssen. Das Lamm ist Opfer, ist an der Seite all derer, die man beschimpft auf Schulhöfen: „du Opfer!“ Die man zerbombt, ertrinken lässt, vergewaltigt, versklavt, verfolgt. Das Lamm ist würdig, weil es als Opfer aller Opfer die Sünd‘ der Welt trägt (Joh 1, 29; EG 190.2). Am Stamm des Kreuzes geschlachtet. Uns alle trägt, die wir verstrickt sind in Not und Sünde.

„Weine nicht!“ hört der Seher. Auch wenn so vieles zum Weinen bleibt. Der Kampf wird weitergehen, gemäß den Visionen des Johannes, indem ein Siegel nach dem andern aufgebrochen wird. Der Kampf des Guten gegen das Böse. Der Kampf für das Leben gegen den Tod. Gottes Kampf um eine gerechte Welt und um friedens-offene Menschenherzen. Advent. Jedes Jahr üben wir da das Warten auf den, der Heil und Leben mit sich bringt. Üben wir, offener zu werden als sonst im Alltag mit seinen Rücksichten und Vorsichtsmaßnahmen. Offen für den  Geist der Hoffnung und Liebe. Viele von uns machen sich gegenseitig eine kleine Freude im Advent. Stärken schon hier die Gegenwelt, die Johannes schauen darf: Ja, es geht doch, dass man aufmerksam lebt. Dass man liebevoll ist. Dass man barmherziger wird mit den Schwächen anderer. Vielleicht auch mit eigenen Schwächen. Manchen ist in diesen dunklen Wochen des Jahres vielleicht der weinende Seher nah, der ihre Tränen mit zu Gott trägt. Anderen von uns ist es gerade geschenkt, dem „weine nicht“ zu folgen: eine gute, glückliche Lebensphase. Beide sind wir eingeladen, in einer Welt der Wölfe auf das Lamm zu setzen. Auf Gottes Lamm, Jesus: der die Gewalt durch Liebe überwindet. Und aller Krankheit und Tod den Stachel nimmt. Damit am Ende alle mitsingen können: Dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr! :-)

 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus