2017-11-19 vorl- So. im Kirchenjahr

Lukas 16, 1-8                  

Vor zwei Jahren habe ich eine Bibelarbeit zu diesem Text erlebt. Beim Stuttgarter Kirchentag. Der Bundes-Finanzminister hatte sich diesem schwierigen Gleichnis gestellt. Alle Zuhörer im Saal waren gespannt: Wie geht unser oberster Fachmann für ordentliches Haushalten mit dieser Jesusprovokation um? Zu Beginn hat er eingestanden, dass er da vieles nicht versteht, obwohl er bei vielen Theologen nachgelesen hat. Als er dabei mit Blick auf die ursprüngliche Sprache des NT seufzte: „Griechisch sollte man halt können…“ – da lachten die sechs-, achthundert Leute laut heraus wie aus einem Mund. Denn jeder wusste: der Arme da vorn auf dem Podium, der kämpft doch gerade mühsam darum, dass im südlichsten Land der Balkanhalbinsel das Schuldenmachen - und danach Schuldenschnitt fordern - nicht endlos zur Methode wird für gerissene Politiker: So lange tricksen, bis die andern draufzahlen. Und nebenbei die eigenen Taschen füllen mit leicht verdientem Geld.

Zu Jesu Zeiten waren Politiker auch nicht gerade eine „schwäbische Hausfrau“, die sparsam und verantwortungsvoll mit ihrem Haushaltsgeld umgeht. Betrug, Verschwendungssucht, Korruption, Erpressung waren an der Tagesordnung – von den römischen Besatzungsherren, die unmäßig hohe Steuern verlangten, angefangen - bis herunter zum Händler auf dem Bazar, der den Kunden versucht zu übervorteilen. So weit, so normal. Da scheint sich Jesus, der diese Geschichte erzählt, auch nicht groß drüber zu entrüsten. Er weiß ebenso wie seine Zuhörer: sowas passiert dauernd, so sind die Menschen eben.

Was aber nicht dauernd passiert, sondern ein entscheidendes Mal im Leben jedes Menschen, ist die Sache mit dem Ruck. Der reiche, betrogene Mann erschüttert seinen trickreichen Verwalter bis in die Fundamente seines bisherigen Lebens hinein. Ein einziges Sätzchen löst dieses Erdbeben aus, nämlich: „Leg deine Abrechnung vor!“ (V 2) Daran erkennen wir: Jesus erzählt diese Geschichte, weil er sagen will: Wir müssen alle einmal Rechenschaft ablegen: Was war das jetzt mit unserm Leben gewesen? Kann ich mir am Ende selber in die Augen gucken, ohne mich zu schämen? Werden viele mir bekannte oder auch unbekannte Menschen mich umringen, wenn jede Sekunde meines Lebens offenliegt, und mir sagen: Mich hast du verletzt, mir hast du damals Unrecht getan, mich hast du beschissen, mir bist du Liebe schuldig geblieben? Menschen, die tot waren mit Herzstillstand und wiederbelebt werden konnten, erzählen: da hab ich mein ganzes Leben blitzartig und zugleich Ereignis um Ereignis vor mir ablaufen sehen, im Guten wie im Unguten, und konnte nichts mehr dran ändern. „Lebensbilanz“, „Lebenspanorama“ – so nennen Sterbeforscher diese Erfahrung, die offenbar auf uns Menschen wartet. „Gericht“, so nennen es manche Religionen, auch die jüdische und christliche. Jesus redet hier vom Gericht.

Wird der Verwalter jetzt gleich verknackt zu endlosen Höllenstrafen? Kommt vom Richterstuhl Christi das große „Siehste!“ und der mahnende Zeigefinger dazu? Die kalte Botschaft nämlich: wärst du halt anständiger und frömmer gewesen! Hättest du dich halt an Gesetz und Moral gehalten, dann würdest du beim Gericht unbehelligt  durchkommen… Nein, diese Jesusgeschichte taugt nicht für eine Moralpredigt! Sie will auf was anderes hinaus. „Leg deine Abrechnung vor!“ – der Verwalter erkennt: die Rechnungsbücher brechen mir das Genick. Sie belasten mich derart, dass es so nicht mehr weitergeht. „Du kannst nicht länger mein Verwalter sein“, hat der Herr gesagt. Was aber dann? Wie kann es weitergehen mit mir, wenn es so nicht mehr weitergeht?

Der ertappte Verwalter fällt nicht in Panik, erzählt Jesus. Oder bringt sich gar um, so wie ein anderer Beispielsünder der Bibel, Judas. Oder wie es auch ertappte Groß-Steuerhinterzieher unserer Tage schon getan haben aus Scham und Ausweglosigkeit. Nicht Panik ist angesagt beim Thema „Gericht“, sondern erst recht ein klarer Kopf. Nämlich ein geistliches Hochschrecken, ein Wachwerden besonderer Art, eine neue Achtsamkeit auf die Frage: Was mach ich, wenn ich nicht mehr machen kann? Was bleibt, wenn nichts mehr bleibt, weil die Zeit oder das Geld oder mein Leben und die Welt zu Ende geht? Was bleibt?

Antwort: Es bleibt so etwas wie Dankbarkeit. Es bleibt Liebe, und sei es in diesem Beispiel gar eine gekaufte, eine Schurkenliebe. Es bleibt Beziehung, die trägt und Spuren hinterlässt. Machen wir uns klar: bei den Schulden hier handelt es sich nicht um Kleinigkeiten. Die Schuldner stehen nach der damaligen Währung jeweils mit vielen Jahresverdiensten in der Kreide. So einem Gönner, der mir das halbiert, wäre ich auch dankbar und würde ihm Unterschlupf geben.

„Und der Herr lobte den betrügerischen Verwalter, weil er so schlau gehandelt hatte.“ (V.8) Denn der Verwalter setzt sein ganzes Leben auf eine Karte. Er handelt entschlossen. Aus dem Innersten seines Wesens. Das bleibt korrupt – Jesus erzählt es vielleicht sogar mit einem wissenden Augenzwinkern. Du kannst nun mal aus einem Tanzbären keine Elfen-Ballerina machen, und aus einem Geldfuchs keinen Heiligen. Jeder muss sein Ding halt machen, wie er gebaut ist. Auch sein Ding mit Gott, weiß Jesus. Und lächelt. Und lobt, wie schlau die Kinder der Welt sein können, wenn es ums Ganze geht. Welche Energie sie entwickeln, - auch „kriminelle Energie“ in diesem Beispiel. Aber wenn ich mir Jesus recht anschaue, sitzt er nicht nur mit Frommen und Vornehmen zusammen, sondern ebenso gern mit Kriminellen und moralisch nicht einwandfreien Persönlichkeiten. Denn er will alle Arten von Mensch bei Gott versammeln. Indem er ihre Entschlossenheit weckt, in diese Gemeinschaft zu kommen, die uns Obdach und Wohnung gibt, selbst wenn es aus ist mit uns. Deshalb: Aus ganzem Herzen mein Leben gewagt, auch wenn mir dabei manches schiefgeht! Beim Hochschrecken und geistlich Wach-Werden geht es nur um eines: Werde ganz Mensch. Ohne Illusionen, vor allem Illusionen über dich selbst. Riskiere, dass Gott, der HERR, deine Lebensbilanz mit anschaut. Schon jetzt. Und einst bei deinem letzten Atemzug. – Ich will mich dran festhalten, dass Jesus auf dem Richterstuhl sagen wird: Jetzt siehst du ja selber, was mit dir ist. Was schert mich da noch deine Schuld? Sie ist mit mir am Kreuz gestorben. (Schriftlesung Kolosser 2, 14) Komm mit - ins Haus der Liebe Gottes! :-)

 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus