2017-11-05 Reformationsfest

Matthäus 6, 5-13  &  EG 344

 

Ich hätte gern mitgekriegt, was Luther und sein Friseur so gesprochen haben beim Rasieren und Haareschneiden. Offenbar nicht nur über Kinder, Kirche, Politik. Der Friseur scheint ein nachdenklicher Mann gewesen zu sein. Er hat nämlich den großen Reformator gefragt: Wie mach ich das nur, mit dem Beten? Rosenkranz durchnehmen Perle für Perle, Vaterunser sprechen, so wie ich’s gelernt habe, irgendwo kann das noch nicht alles sein. Da spüre ich keinen Kontakt zu Gott. Luther hat ihm gesagt: Du, das erkläre ich dir jetzt nicht auf die Schnelle, sonst bist du nimmer auf deine Arbeit konzentriert und schneidest mir vielleicht aus Versehen in die Kehle. Aber ich will Dir’s aufschreiben, mein Barbiermeister Peter. Bringe es dir das nächste Mal mit. - Tatsächlich: Luther hat Wort gehalten. So verdanken wir dem Friseur des Reformators seine „Einfältige Anleitung zum Beten“. Mit „einfältig“ meint Luther nicht „dumm, blöd“, sondern wie es das Wort sagt: dass ich nur auf eine Sache konzentriert bin und nicht zwiespältig viele Sachen zugleich im Kopf hab. Denn „Multitasking“, wenn du vieles zugleich machen und denken willst, das ist das größte Hindernis, dass du Gott beim Beten spürst. Das Friseurgespräch war im Jahr 1535. Die Frage hat Luther nicht losgelassen. So fasst er vier Jahre später den Teil seiner Schrift, wo er seinem Friseur die Anleitung gab, das Vaterunser meditativ zu beten, noch prägnanter zusammen. Macht ein Lied draus, dass es über Reim und Melodie sich ganz tief einnisten möge im Gemüt der Leute. Das singen und betrachten wir jetzt.

 

EG 344, 1                             Luther lässt uns schon bei der Anrede nachdenken. „Vater“ – dürfen Christen den fernen, unsichtbaren Gott so vertraulich anreden? Jesus hat es vorgemacht. Er hat im Vaterunser seine Jünger ja genau dies beten gelehrt. Aber das ist kein harmloser „hallo-Papa-Gott“. Sondern diese Anrede hat Folgen: Wenn wir alle zum Vater beten, dann sind wir füreinander Brüder und Schwestern. Sind gleichgestellt, sind eine Familie, sind verantwortlich füreinander. Das wollte doch schon mal einer nicht wahrhaben und „seines Bruders Hüter sein“ – das war Kain… Nein, nein: Wenn du zu Gott „Vater“ sagst, dann bist du ihm verantwortlich, stehst in einer Lebensgemeinschaft mit ihm und deinen Geschwistern. Und zugleich spürst du, wenn du beim Beten ehrlich bist: Ich bin da oft gar nicht bei dem, was meine Worte sagen. Deshalb das Vorbereitungsgebet: Gott, hilf, dass ich zwiespältiger Mensch eins werde vor dir, gesammelt, konzentriert. Dass mein Herz betet, ja, gib, dass der Grund meines Herzens jetzt offen liegt vor dir.

 

EG 344, 2-4                        Gottes Name, Gottes Reich, Gottes Wille: die ersten drei Bitten des Vaterunsers wollen uns trainieren, das Missverständnis zu überwinden, nach dem Beten sowas ähnliches sei wie unsern Wunschzettel abgeben bei Gott. Gott weiß doch schon, was wir bedürfen, bevor wir ihn bitten, hat Jesus eingeschärft. (Mt 6, 8) Aber wie das umsetzen, wenn meine Nöte so plagen und meine Wünsche mir keine Ruhe lassen? Wie schaff ich’s, aus tiefem Vertrauen heraus zu Gott zu beten, meinem himmlischen Vater? – Schau mit den Augen deines Herzens, wie groß, wie gegenwärtig und welch elementare Kraft Gott ist, lautet die Meditationsanleitung Luthers. Fang mit dem Seufzer an: „Ach ja, Herr Gott, lieber Vater, heilige doch deinen Namen sowohl in uns selbst als auch in aller Welt.“ Und lass dir in die Knochen fahren, dass die Juden diesen heiligen Gottesnamen nicht einmal auszusprechen wagen vor lauter Respekt, sondern stattdessen „Herr“ sagen, wo der unaussprechliche Gottesnamen JHWH in der Bibel steht.

 

Dass Respektlosigkeiten gegenüber Gott und Mensch sich gerne fromm schmücken, müssen uns nicht erst Präsidenten lehren, die mit Fake-News arbeiten, aber die Hand bei ihrem Gelöbnis gleich auf zwei Bibeln legen, für das Fernsehen. Oder dass Menschen null Respekt vor der Würde des Lebens haben, indem sie mit dem Ruf „Gott ist groß“ andere umbringen. Drum bittet Luther ja so dringlich: Hilf doch, Gott, dass wir mit deinem Wort nicht Schindluder treiben. Hilf, dass dein himmlisches Reich mit seinen Lebensmaßstäben schon jetzt, in dieser Zeit, unsere kaputte Menschheit heile durch einen andern Geist. Hilf Gott, dass wir uns wie Jesus an deinem guten Willen ausrichten, alles aus deinen Händen empfangen. Und auch dann uns an deiner Güte festhalten, wenn wir Schweres durchstehen müssen, wie Jesus in Gethsemane bei seinem Kampfgebet und seiner letzten Hingabe: Nicht wie ich will, sondern wie du willst, Vater. Hilf mir, himmlischer Vater, in meinem eigenen Lebenskampf, bitter Luther. Wehre dem Schlimmen. Steuere mein Fleisch und Blut, meine Impulse und Instinkte:  die laufen zuletzt doch auf Engstirnigkeit, Egoismus, Ellbogen hinaus bei mir als einzelnem und bei der ganzen Menschheit.

 

EG 344, 5                            Genau in die Mitte setzt Luther in seinem Lied die Bitte ums tägliche Brot. Denn im Brot berühren sich Himmelreich und Erdennot. Luther betet politisch, das merken wir hier deutlich. Ohne Frieden kein Brot – siehe die Mütter in Syrien, die ihre Kinder nicht stillen können vor Hunger im Belagerungsring. Ohne „gut Regiment“, wie Luther in seiner Auslegung dieser Bitte im Katechismus sagt, kein Brot – siehe die Flüchtlinge aus Afrika, die aus ihren korrupten Ländern davonlaufen.  Ohne Bändigung der Leitlinie „Geiz ist geil“ kein Brot – siehe die Rentner hier an den Mülltonnen und die jungen Leute, die lieber im Ausland ihr Auskommen suchen, weil die Reichen, die Mafia-Bosse, die Partei-Netzwerke alles an sich raffen und sich gegenseitig zuschanzen. Weil das oft so trostlos ist auf Erden, wenn’s ums tägliche Brot geht, gibt uns am Ende Christus sich selbst als Brot: Wir sollen diese Himmelsgabe nicht verderben durch Gier, unersättlich wie der Höllenschlund. Vielmehr in ihm volles Leben schmecken.

 

EG 344, 6-9                        Am Thema „Brot für die Welt“ kommt unsere Schuld raus. Am Thema „Gier“ unsere Versuchlichkeit. Dass wir einander Unrecht tun, dass wir nicht genug kriegen, all das wurzelt im Grundübel: unserer Angst vor dem Sterben: Bald kann’s vorbei sein – und ich hab noch nicht alles rausgeholt aus meinem Leben… Wie bekomme ich stattdessen Seelenfrieden? – das ist ja Luthers zentrale Frage. Er hat erkannt: indem ich mich ganz dem liebenden Gott überlasse. Indem ich Christus bitte, worum er selber am Kreuz seinen Vater gebeten hat: „In deine Hände befehle ich meinen Geist – nimm unsre Seel in deine Händ.“

 

Zuletzt nimmt Luther seine praktischen Anleitungen für seinen Friseur-Freund wieder zurück und sagt: Du, was ich dir da schreibe, sag das bloß nicht herunter und glaube, das sei dann gebetet. Sondern das Herz kann mit viel weniger Worten beten, indem es nur an einer einzigen Vaterunserbitte verweilt. Luther: „Und wenn solche reichen, guten Gedanken kommen, soll man die anderen Gebete sein lassen und solchen Gedanken Raum geben und still zuhören und sie auf keinen Fall behindern. Denn da predigt der Heilige Geist selbst. Und ein Wort von seiner Predigt ist besser als tausend unserer Gebete.“ Da wollen wir nur einstimmen: Ja, so ist es. So sei es auch bei mir und dir.

Das bedeutet: Amen. :-)

 

Pfarrer Hans - Frieder Rabus