2017-10-15 18. n. Tri. "Konfirmanden-Vorst."

Lukas 2, 41-52 

 Ganz schön frech! hab ich mir gedacht, als ich das Gemälde zum ersten Mal sah: Da sitzt Maria in klassischer Pose, rote Bluse, blauer Rock – und entfaltet eine gewaltige Energie. Den nackten Jesusknaben hat sie sich über die Knie gelegt und holt mit der rechten Hand weit aus, um ihm den Hintern zu versohlen. So sehr prasselt der mütterliche Zorn auf das bereits gerötete Kinderärschle nieder, dass dem lieben Jesuskind sogar der Heiligenschein herunterpurzelt und in die Ecke rollt. Wie bei einem Weihnachtsbild schauen drei Personen durchs Fenster dem nicht so ganz heiligen Geschehen zu. Ganz schön frech, der Künstler Max Ernst, der 1926 dieses Bild gemalt hat. Es hängt heute in Köln: im Museum Ludwig – ganz nah beim Dom. (Max Ernst: Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen) Das gab damals ziemlich Ärger mit dem Kardinal. Aber der Künstler hat auf diese Weise seine superstrenge katholische Erziehung verarbeitet und sich innerlich befreit.

Wir haben in der Konfirmandenstunde eine Geschichte angeschaut, die erzählt von einem Jesus ohne Heiligenschein. Da ist er ein ganz normaler Junge von zwölf Jahren – oder ist er vielleicht sogar ganz schön frech?

 

Lk 2, 41-45

Wenn der junge Jesus heute so aufgegriffen würde in den Straßen und Plätzen der Hauptstadt, würde man von einem „unbegleiteten Minderjährigen“ reden. Man würde fragen: Wo sind denn deine Eltern? Und wenn er dann antwortet: weiß nicht, dann würde man so seine Rückschlüsse ziehen: Ist das eine Problemfamilie? Lassen die ihren Jungen aus dem Ruder laufen? Der erste Schritt für eine klassische „Karriere“ von der Verwahrlosung zur Jugendkriminalität? – Lukas erzählt uns: Die Eltern lassen ihren Jungen mitnichten verwahrlosen. Sie machen sich vielmehr große Sorgen. So wie sich heute vielleicht Eltern sorgen müssen, deren Kind verschwunden ist: wurde es entführt? Ist ihm was Schlimmes passiert? Oder, wenn ich an Kriegsflüchtlinge denke: das Schlimmste ist, wenn Eltern in dem ganzen Chaos nicht mehr wissen, wo ihre Kinder sind. Das zerreißt ihnen das Herz.

 

Lk 2, 46.47

Blickwechsel: Jesus ist nicht bei Kleinkriminellen oder Drogendealern gelandet. Er ist im Tempel. Der Tempelbereich, das war damals so, wie hier in Belgrad bei der alten Moschee. Da ist unmittelbar daneben eine Koranschule und Ausbildungsstätte für Imame. Ein Ort, wo Lehrer sind. Oder in der Belgrader jüdischen Synagoge: auch da gibt es Ecken, wo heilige Schriften sind, wo man lesen kann, lernen und drüber diskutieren. Genau in der Ecke finden die Eltern Jesus: bei den weisen Menschen. Bei denen, die ihre Bibel genau kennen, Psalmen und andere Bibelstellen auswendig wissen. Von denen will Jesus lernen. Der Junge ist ganz schön pfiffig, finden die Erwachsenen. Wie der fragt! Was der alles wissen will! Und wie klug der antwortet, wenn man ihn im Gespräch dahin führen möchte, dass er selber was herausfindet. Über was die da wohl alles geredet haben? Vielleicht läuft es auf die eine Frage raus: Wie geht das eigentlich, leben? So leben, dass es einen Wert hat. Gar Ewigkeitswert…

Für uns heute ist Jesus nicht mehr bei den Schülern. Sondern er ist der Lehrer überhaupt. Deshalb:

Wenn du Jesus im Tempel heute fragen könntest: Was wolltest du von ihm wissen? – (Konfirmandenfragen – freie Antwort)

Jetzt wird’s spannend: Was sagen die Eltern, als sie ihren Jungen entdecken?

 

Lk 2, 48-50

Wenn du sein Vater oder seine Mutter wärst – was würdest du zu Jesus sagen? – (Konfirmandenantworten)

Klar: die Eltern sind erleichtert. Aber auch ärgerlich. Einen Tag Richtung Nazareth zu Fuß, einen ganzen Tag zurück wieder nach Jerusalem, zwei schlaflose Nächte, bis sie ihn am dritten Tag finden. Und was ihnen Jesus dann antwortet, ist schon besonders: da gibt’s einen Ort für ihn, der ist wichtiger als die Familie. Da gibt es einen Schutz, der ist so stark, dass schon der Zwölfjährige sich auf eigene, ungesicherte Wege traut. Da gibt es einen Rückhalt, eine Beziehung, die für ihn absoluten Vorrang hat, obwohl ihn seine Eltern wirklich lieben. Er nennt diesen Ort, diesen Schutz, diesen Rückhalt: Vater. – Seinem Vater und seiner Mutter fällt die Kinnlade herunter, als sie das hören. Sie verstehen gar nichts. Lebt ihr Sohn in einer andern Welt? Fängt er an zu spinnen?

Kapieren wir’s besser als Maria und Josef damals? Ich bin mir nicht sicher. Ich spüre: der junge Jesus stellt meine natürliche Sicht aufs Leben und die Welt infrage. Wie wenn es da was Geheimnisvolles zu entdecken gäbe. „Woran merkst du, dass Gott dein Vater ist?“ möchte eine von euch Jesus fragen.  Wir haben kurz darüber gesprochen, dass man diese andere, tiefere Sicht aufs Leben lernen und üben kann. Manchmal muss man dabei den Blickwinkel verändern. Wie auf dem Bild mit der überlangen Schrift. (Bild zeigen) Das liest du nicht so einfach vom Blatt weg. Aber wenn du es ganz schräg hältst, verstehst du den Satz. Der heißt GOTT LIEBT DICH. Da fangen wir an mit Lernen im Konfirmandenunterricht, wie man das entdecken kann. Die Bibel, das Neue Testament, das ihr heute bekommen habt, gibt uns grundlegende Hinweise für diesen neuen Blick aufs Leben. Der erwachsene Jesus nennt diesen Blickwechsel manchmal: Glauben. Ein Mensch blickt tiefer, lernt sehen mit den Augen seines Herzens (Eph 1, 18) – und wagt deswegen mehr. Traut sich, Liebe zu riskieren. Weil er seinen göttlichen Vater im Rücken hat.

 

Lk 2, 51.52

Jesus geht mit nach Hause, ganz selbstverständlich. Wird Lehrling im Betrieb seines Vaters Josef – der ist sein Chef, Jesus gehorcht. Seine Mutter merkt sich das, was Jesus im Tempel gesagt hat. Viel später wird sie verstehen, was ihr Sohn gemeint hat, dass er bei seinem Vater sein muss. Sie kriegt Augen dafür, dass Gott sich um uns kümmert wie ein guter Hirte, wie ein liebevoller Vater. Und dass Jesus uns alle anstecken will mit seinem Gottvertrauen. So wächst er heran. Wie ihr Konfirmanden auch kräftig am Heranwachsen seid. Und in Jesu Namen gilt für euch dasselbe wie für den jungen Jesus: Ihr wachst heran als Freude vor Gott und den Menschen! :-)

 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus