2017-10-08 17. n. Trinitatis

 Markus 9, 17-29

Man mag es kaum glauben: jetzt ist das doch eine längst vergangene Geschichte aus einer Zeit, wo man noch an böse Geister glaubte. Und es ist eine glasklare medizinische Symptombeschreibung: Jesus heilt einen Jungen, der unter schweren epileptischen Anfällen leidet. Man könnte sagen: über allem, was wir da heute hören, liegt der Deckel der Vergangenheit. Eine Heilungsgeschichte in einem Krankheitsfall, den wir Modernen ganz anders angehen würden: mit krampflösenden Medikamenten; in schwersten Fällen vielleicht  gar mit einer Operation im betreffenden Hirnareal. Und doch springt mich diese dramatische Geschichte an, als sei sie für heute geschrieben.

Menschen, die reden wie mit Schaum vor dem Mund – wir mussten sie sie in Deutschland erleben, zuletzt im Wahlkampf. Menschen, die starr sind und taub und ohne Sprache, die nicht mehr hören, nur noch brüllen, das Gesicht verzerren, die Fäuste krampfen – manche unserer Mitbürger waren geradezu verängstigt, wie schnell sich ihre Nachbarn im Dorf verändert haben. Waren erschrocken, was da wie ein Dämon aus deren Seelen herausbrach an Hass und blinder Wut. Und auf einmal ist sie mir ganz nah, die Bemerkung des Vaters: „Sie konnten es nicht“, hat er gesagt. Deine Jünger, Jesus, haben versucht, den Krampf und das Schäumen und die Unansprechbarkeit bei meinem Sohn zu durchbrechen. Aber sie haben es nicht vermocht. Kamen nicht durch bei ihm.

Ist Jesus von Mitleid überwältigt? So wie bei der Witwe im Dörflein Nain, die ihren einzigen Sohn verloren hat? Wo es Jesus richtig das Herz herumgedreht hat und er einfach helfen musste (Lukas 7, 13)? -  Nein, Jesus reagiert hier nicht mitleidsvoll, sondern zornig, oder jedenfalls laut seufzend: Was ist das nur mit euch!? sagt er. Eure Haltung „Wir schaffen das nicht“, die geht mir so auf den Geist! Dass ihr klein beigebt, wenn Menschen am Schäumen sind; dass ihr keinen Weg findet, wie man zu taubwütigen Gemütern durchdringen kann und sie zurückholen aus ihrem gefährlichen Krampf – wie lange soll ich mir das noch anschauen? Wo ich doch andauernd versuche euch beizubringen, wie man in der Kraftströmung Gottes lebt und sich einmischt und dazwischen geht, wenn Menschen beschädigt sind oder andere beschädigen.

Ich muss sagen: daran hab ich schon zu knabbern. An diesem Gefühlsausbruch Jesu. Jeder Arzt weiß, jede Lehrerin, jeder politische Mandatsträger, auch jede Pfarrerin: es gibt einfach heillose Situationen. Die betreffen einen einzelnen Menschen, wie diesen epileptischen Jungen. Die betreffen eine Gruppe, eine Schulklasse, eine Kirche, gar ein ganzes Volk: da kriegst du manchmal die Dummschreier einfach nicht zum Schweigen; und bist oft ratlos, wie man so zu Menschen durchdringen kann, dass sie offen werden fürs Heilende, statt verkrümmt bleiben ins Unheil. – So trifft Jesus mit diesem Kraftseufzer auch mich. Und irgendwie finde ich das ungerecht. Denn manchmal kann man einfach nichts machen, du kannst dich anstrengen, wie du willst.

Trotzdem: Ich will es Jesus zutrauen, dass er meine Seele voranbringt, selbst wenn er provoziert und mit Worten eine  Ohrfeige verpasst. Will den Vater genau anschauen hier. Der  bringt zusammen mit Freunden den Jungen her. Und prompt löst das bei ihm den nächsten Anfall aus. Jesus steht ungerührt neben dem Patienten, hier nichts mit Herabbeugen, Handauflegen, den zuckenden Jungen in eine stabile Seitenlage manövrieren. Sondern den Vater befragt er und erfährt die ganze Tragik und Gefahr. Als Kranker weißt du nie, wann der Anfall losgeht, ob du da in den Teich stürzt, an dem du gerade vorbeigehst, oder ins offene Küchenfeuer zuhause. Wie wenn da ständig was lauert, was dich vernichten will. Der Vater ist zermürbt, hat fast keine Hoffnung mehr. Tastet sich vorsichtig heran, nach all den Enttäuschungen: „Wenn du etwas kannst, Jesus, so erbarme dich und hilf uns!“ Und wir spüren: der Vater kann gar nimmer trennen zwischen dem Leiden seines Jungen und seinem eigenen vernichtenden Schmerz: hilf uns, wenn du kannst, bittet er. Diese unheimliche Krankheit hat unsere ganze Familie im Griff.

Und nochmals ein Jesus, der fast abweisend ist: Was heißt hier: „Wenn du kannst?!“ Du lässt damit deiner Seele die Kraft ab, schmälerst dir den Hoffnungsdruck, den Veränderungsglauben durch dein Ventil-Wörtchen „wenn“. In mir stehst du aber nicht vor einem Arzt, der sein Handwerk besser oder halt auch schlechter versteht. Du stehst vor dem Verbindungsmenschen zu Gott. Und bei Gott gibt es kein Wenn und Aber. Gott ist unbedingt, und er hilft unbedingt, auf welche Weise auch immer. Denn die göttliche Kraft und Liebe ist bedingungslos da. Deshalb: Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. In der Kraft Gottes gehen Mauern auf und werden sprachlose Schäume-Geister gebannt, geöffnet, geheilt.

Und jetzt dieser verzweifelte, in Not und Hoffnung brennende Vater. Er ist wie einer auf der Felsklippe. Steht am Rand unserer Welt der Kausalität und des Geflechts von Bedingungen, Krankheits-Ursachen und medizinischen Wirkungen. Und wagt es, springt los, ist im freien Fall am Rand dessen, was wir erforschen und begreifen können. Schreit „ich glaube“, und zugleich schreit es aus ihm heraus: „ich kann es nicht von mir aus – hilf meinem Unglauben!“ Und in dieser doppelten Armut: Keiner kann seinem Sohn helfen, den heillosen Geist vertreiben; und glauben ohne Wenn und Aber kann er auch nicht – in diesem verzweifelten Unvermögen springt der Vater los, und fällt. Und fällt dem größten nur denkbaren Reichtum und der durchdringendsten Heilskraft entgegen: Fällt in die ausgebreiteten Arme Gottes, der ihn durch Jesus so zum Sprung provoziert und zur Erkenntnis seiner Kausalgefangenheit und seiner Armut treibt.

Wenn du im freien Fall bist, ist kein Wenn und Aber mehr da. Hilf meinem Unglauben, nur das. Diesen unbedingten Hilfeschrei kann Jesus in die Tat übersetzen. Er nimmt den Kampf auf mit der Unansprechbarkeit des Jungen, dem Schäumen, der Sprachlosigkeit, all dem Elend von kranker Selbstschädigung und Todesgefahr. Jesus gebietet, er streichelt nicht oder tätschelt. Vielmehr: Raus, du unansprechbarer Schäumegeist! Kraft gegen Kraft! Das Wort ist stärker als die Wut. Das Hören heilsamer als die gereckte Faust. An der Hand nimmt Jesus den Jungen und zieht ihn hoch. Ich sehe in dieser Geste vor-abgebildet, was Oster-Ikonen der orthodoxen Kirche zeigen: der auferstandene Jesus zieht Adam und Eva am Handgelenk aus dem Tod ins Leben.

„Sie konnten es nicht.“ – „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Das sind Grenzpfosten, zwischen denen unser Leben spielt in seinem Glück und seiner Not. Das ist die Verheißung, die Jesus uns schenkt. Ein Same, der keimen will in unseren Seelen. So dass der Geist der unbedingten Gotteskraft uns leitet – wenn nötig, auch mit Machtworten, die den modernen Krampf- und Wüte-Geistern gebieten können: Stopp – Raus aus unserer Mitte! :-)

 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus