2017-09-24 15. n. Trinitatis

Lukas 18, 28-30

Irgendwann nach einem meiner Weitwander-Urlaube in den Alpen kam ich auf die Idee: Schreib dir doch mal auf fürs nächste Jahr: Was hast du denn wirklich gebraucht aus deinem zwanzig-Kilo-Rucksack, den du zig Kilometer über Berg und Tag getragen hast? Zelt, Isomatte, Schlafsack, Kocher, Kleider für Regen, für Sonne, Landkarten, Wanderführer, Buch für langweilige Aufenthalte, lieber noch ein paar Hemden, Socken, Wäschestücke mehr, damit du deine nassen Sachen nicht am eigenen Leib trocknen musst, was ich so gar nicht mag. Apotheke, Nähzeug, vielleicht auch kleine Steigeisen, falls du als Alleingänger harte Schneerinnen queren musst, Trillerpfeife für den Alpinen Notruf (denn ich fing mit dem Weitwandern an in einer Zeit, wo das Handy noch nicht erfunden war), Proviant, Wasser, und, und, und… Schon öfters hatte ich mir geschworen: das nächste Mal packst du klüger: löst dich davon, für alle möglichen Fälle lieber eins zu viel als zu wenig dabei zu haben. Und weil ich meine Liste übers Jahr doch wieder verlegt hatte, und mit der Vorfreude beim Packen auch die Ängstlichkeit wieder stieg, schrieb ich es mir als Merksatz auf: WAS DU NICHT ZURÜCKLASSEN KANNST, DAS MUSST DU MIT DIR TRAGEN. Jeder Bergwanderer weiß: das ist eine eherne Wahrheit. Die lernst du vielleicht nicht am Anfang, wo du frisch bist. Aber im Lauf deines Weges hast du unerbittlich Gelegenheit, es Schritt für Schritt zu meditieren: Was du nicht zurücklassen kannst, das musst du mit dir tragen.

Vom Zurücklassen haben’s die beiden, Petrus und Jesus. In einem ganz radikalen Sinn. Jesus hatte ja seine Jünger am See Genezareth von ihren Fischernetzen weggerufen. Sie hineingerufen in eine Lebensgemeinschaft mit ihm. Vielleicht war Petrus auch schockiert über das Gespräch unmittelbar zuvor (siehe Schriftlesung: Lukas 18, 18-27). Da hatte eine Führungspersönlichkeit Jesus gefragt: Wie lebe ich denn so, dass mein Leben einen Wert hat, Ewigkeitswert? Denn die Jahre rinnen mir einfach durch die Finger. Und Jesus hatte geantwortet: Du musst halt achtsam leben im Blick auf Gott und die Menschen. Dafür wollen ja die Zehn Gebote den Sinn öffnen. Und als der vielbeschäftige Verantwortungsträger zur Antwort gab: das klappt bei mir schon einigermaßen, hat Jesus nachgelegt: In deinem Fall – hör auf, dich an dein Vermögen zu klammern. Gib die Vorsorge-Orientierung in deinem Herzen auf. Diese Grund-Ängstlichkeit: Wird es reichen, hab ich genug, und ist es nicht besser, lieber noch ein bisschen mehr auf der hohen Kante zu haben, als ohne jede Vorsorge zu leben?

Dieses Problem hat Petrus nicht gehabt. Denn als Fischer hatte er kein Geld auf dem Sparbuch, sondern lebte von der Hand in dem Mund, vom Netz in die Bratpfanne. Darum wendet Jesus das Gespräch mit ihm auch nicht aufs Geld, sondern auf die Beziehungen, auf die Großfamilie. Die war damals ja Produktionsgemeinschaft und Altersvorsorge zugleich. Ich hätte gern den Tonfall gehört, in dem Petrus sagt: „Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt.“ Ist er stolz dabei: Wir haben’s geschafft, im Unterschied zu diesem reichen Menschen, der traurig weggeht, kraftlos, entscheidungsunfähig in Kernfragen seines Lebens. Oder fragt Petrus umgekehrt eher erschrocken: Alles haben wir aufgegeben für die Gemeinschaft mit dir, Jesus. Wird sich das gelohnt haben irgendwann? Oder wird es sich am Ende als Riesendummheit erweisen?

Ich kann das Gespräch der beiden nicht so auslegen, als sei damit gesagt: Nur wenn du als Mönch lebst, ohne Familienbande; nur wenn du eine spirituelle Hippie-Existenz führst: „Heute hier, morgen dort“, kommst du in den Himmel. Aber ich will mich fragen lassen: Welche Rolle spielen Familie, Freundeskreise, Beziehungen, Berufsrollen im Leben? Können sie zur Hauptsache werden, ein wenig wie ein Gott? Als Verliebter kennt man das, diese Faszination: „Du bist mein Ein und alles, ohne dich kann ich nicht leben“. Als Eltern, mit Abstand auch ein wenig als Großeltern, kennen wir die, sag ich mal, spirituelle Gewalt der Kinderanmut: Wie süß die Kleinen doch sind! Wir vergöttern sie und schmelzen hin, und manche machen unversehens aus ihrem kleinen Prinzen einen kleinen Tyrannen, dem alle Wünsche zu erfüllen sind… Hier auf den nüchternen Jesus hören, ist nicht nur erfrischend, sondern befreiend. Für ihn sind Beziehungen unter uns Menschen was Verbindliches – und zugleich was Vorläufiges. Kein letzter Halt oder Religionsersatz. Bei aller Verantwortlichkeit füreinander, bei aller Treue, zu der wir Menschen gerufen sind, um gleichnishaft die Treue Gottes in unseren Liebesversuchen abzubilden – dennoch: es kann passieren, da stemmen sich deine inneren Bindungen gegen einen Ruf zum Weitergehen im Leben. Zum Jesus noch deutlicher Nachfolgen. Zum Gehorchen gegenüber einer Wesens-Berufung, die Gott dir vielleicht erst im Lauf von Jahrzehnten klarer zeigt. Und wenn du dann sagst: Aber meine Familie, mein öffentliches Ansehen, meine Sicherheiten! – dann wurde dir das, was gut war und Lebensgeschenk, zum Abgott und zum Hindernis, einen Schritt weiter zu gehen. – Mag so etwas mitschwingen in dem radikalen Gespräch zwischen Petrus und Jesus? Diese Frage: Was ist dein wirklicher Halt im Leben? Und von welchen Geländern musst du dich lösen, welche Sicherheiten aus dem Rucksack deiner Vorsorge und Lebensängstlichkeit dir wieder auspacken lassen, wenn du frei deine Schritte wagen willst auf der Spur eines unbedingten Rufes Jesu?

Als ich diesen Abschnitt auf Griechisch las im Urtext, hatte ich die Petrusbemerkung spontan so übersetzt: „Schau, wir sind dir gefolgt, indem wir das Eigene losgelassen haben.“ Und dachte dabei: Spannend, der Petrus will nicht nur hinaus auf die Besitzdimension „mein Haus, meine Frau, meine Kinder“. Sondern das Wort „idios“ / “eigentümlich“ meint generell  mich selbst, mein Inneres, meine Neigungen, Vorlieben, Befürchtungen oder Abhängigkeiten. Mein Ego, wie wir modern sagen würden. Das ja so mächtig ist, dass es uns Menschen immer an die Kippe zur Gewalttätigkeit bringen kann, wenn wir unsere Interessen mit aller Kraft durchsetzen oder verteidigen wollen.

Keiner, der sein Ego bändigt, sein breites oder ängstliches Selbst außen vor lässt, lebt ärmer! Im Gegenteil: Er lebt als Mensch, den das Leben reich beschenkt.

Darauf läuft die Antwort Jesu hinaus. Beschenkt lebst du - nicht als Lohn für tugendhaftes Verhalten oder verkniffene geistliche Verzichtsstrategien. Sondern selbst-los. Selbstlose Menschen können lieben und werden geliebt. Darauf läuft’s raus. In unserer zerrinnenden Lebenszeit. Und in alle Ewigkeit. :-)

 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus