2017-09-17 14. n. Trinitatis

Markus 1, 40-45

Weiße Flecken, die einem keine Ruhe lassen – wir kennen sie nur auf der Landkarte. Unerforschte Gebiete. In einem alten Atlas meines Opas habe ich als Kind mit Abenteuerphantasien solche weißen Flecken betrachtet: im Innern Afrikas oder Zentralasiens oder am Nord- und Südpol. Doch im Zeitalter von GPS sind wohl die letzten weißen Flecken auf der Landkarte verschwunden.

Weiße Flecken auf der Haut – die waren gefürchtet. In Ländern, wo die Menschen einen bräunlichen Teint haben, zeigt sich nämlich so eine beginnende Leprakrankheit. Diese weißen Stellen auf der Haut wurden gefühllos, später bildeten sich Verhärtungen, Knoten, Geschwüre, Lähmungen. Hoch ansteckend diese Infektionskrankheit. Deshalb: „Wir müssen draußen bleiben“, das stand den Leprakranken unsichtbar auf der Stirn geschrieben. Daher die Leprahäuser draußen vor den Stadtmauern. Die Lepra- Gucklöcher, durch die z. B. in norwegischen Kirchen diese Kranken von außen wenigstens hereinschauen durften zum Gottesdienst. Ansonsten blieben sie ausgeschlossen  von der Dorfgemeinschaft. „Aussatz“ -  eine Krankheit, da bist du von allen guten Menschengeistern verlassen. Bist ausgesetzt ins Niemandsland.

So ein elender Mensch kommt zu Jesus. Fällt auf die Knie. Fleht ihn an, wie Menschen in ihrer Verzweiflung nur bitten können den Doktor: helfen Sie mir! Helfen Sie meinem Kind, meinem mit dem Tod ringenden Angehörigen! Tun Sie alles, was Sie können! Klingt so auch die Bitte dieses Aussätzigen? – Nein. Er sagt zu Jesus etwas, das würden wir zu keinem Arzt so sagen. Nämlich: Wenn du willst, so kannst du mich heilen, rein machen von den weißen Flecken und Geschwüren. Ob Jesus das kann, ist für ihn keine Frage. Die unbegrenzte Heilkraft, für die ihm Jesus steht, muss nur auf ihn in seiner Not gerichtet werden, dann wird er gesund. Wenn du willst, so kannst du… Kannst Gottes Lebensmacht auf mein so zerfressenes kleines Leben lenken, und ich werde rein.

Das hat nun Jesus selber von innen her „angefressen“. Es jammerte ihn, so übersetzt Luther. Das meint: Jesus ist angesteckt. Es passiert etwas mit ihm, das von diesem Menschen einfach rüberspringt. Als wüsste Jesus nicht um die notwendigen Hygieneregeln, streckt er seine Hand aus und berührt den Kranken! Ist Jesus denn verrückt geworden? In ein paar Tagen kriegt er selber die weißen Flecken… Aber: „Ich will’s tun“, sagt er, „sei rein!“ – Und der Aussätzige wird rein.

Der Evangelist Markus erzählt uns das am Anfang seines Evangeliums. Und am Anfang, da werden die Weichen gestellt. So am Anfang der Bibel überhaupt: die Schöpfungsgeschichte mit der Erschaffung des Menschen. Die zeigt: Gott will, dass es etwas gibt, will nicht mit sich selbst allein sein. Gott will, dass es den Kosmos gibt, die Sonnen und Planeten, die Pflanzen, Tiere, den Menschen. Gott will uns, bekennt sich zu uns als seinen Geschöpfen. Und siehe, es war sehr gut. Mir scheint, Jesus knüpft bewusst an dieses „Ja“ Gottes zu seinen Geschöpfen an: Ich will es, werde rein. Wenn dich, du armer Leprakranker, die Macht der Krankheit und des Todes im Griff hat – ich will es, im Namen Gottes, dass du frei wirst davon. Es ist nicht nur meine Hand, die dich anrührt. Es ist der Wille Gottes, dass es unter euch keine Unberührbaren geben soll! Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, duldet keine Ausgestoßenen, keinen Aussatz. Diese Weiche stellt Jesus gleich bei seinem ersten Auftreten. Darum verbietet er auch dem Geheilten, es groß weiter zu erzählen. Weil man meinen könnte, Jesus verfüge über magische Kräfte in seinen Händen. Das wär aber viel zu wenig. Jesus will zeigen: Du, ich bin kein Hautarzt. Ich bin das Werkzeug und der Bote Gottes. Es war seine Schöpferkraft, die dich mit meiner ausgestreckten Hand berührt und zurechtgebracht hat. Es war göttliches Erbarmen, das auf dich übergesprungen ist wie ein Blitz und deinen elend versehrten Leib heil macht und schön – wie die ersten Menschen heil waren und schön. Deshalb: Heiliges Erschrecken, wenn dir Gott so nahe kam, statt eiliges Hinausposaunen! - Natürlich klappt das nicht. Wer kann schon den heiligen Gott so hautnah aushalten…? Der Geheilte erzählt allen davon, und Jesus bekommt den Ruf eines magischen Wunderheilers.

Ich habe keine weißen Flecken auf der Haut, zum Glück! Aber hab mancherlei schwarze Flecken. Flecken auf der Weste, und Flecken auf meiner Seele. Bin kein Mensch, der rein ist durch und durch. Bin ein Sünder, der sich immer wieder vergreift, indem er leben will. Ob ich angesteckt bin von einer der Seelen-Krankheiten unserer Tage: z.B. Unersättlichkeit und Gier, in der wir Menschen die Natur ausbeuten und zum Klimawandel beitragen.  Ob es bei mir umgekehrt etwas ganz Individuelles ist, z.B. Neigung, andere schlecht zu machen und die eigenen blinden Flecken zu leugnen. Ob es meine Ellbogen sind oder meine Tricksereien, mit denen ich mich durchsetze. Oder meine Feigheit, in der ich den Mund halte, wo ich reden sollte und dagegen protestieren, wenn Lästermäuler über andere Menschen herfallen… - wenn ich dem Thema „schwarze Flecken“ bei mir ehrlich nachgehe, merke ich: Reinwaschen, Rechtfertigen, Leugnen, Schönreden – das hilft da nicht. Das hilft mir nicht heraus aus den Fußangeln des Sünderseins.

Da ist mir dieser Aussätzige ein Beispiel: Er kann nicht mehr tun als zu Jesus kommen mit all seinen Flecken und ihn bitten: Wenn du willst, so kannst du mich rein machen durch und durch! Schau mich an, Jesus. Schau meine Seele an, wie sie zerfressen wird von Angst und Lebensgier. Wie die Liebe mir nicht gelingt, sondern immer neu mein Ego siegt. – So will ich lernen ungeschminkt da zu sein vor den Augen Jesu. Will mich vor ihm zu meiner Form des Aussatzes bekennen. Will warten, bis er mich in seiner unbegreiflichen Gegenwart berührt. Und mich an seine Verheißung hängen, die gerade mir Sünder gilt: Ich will es, werde rein! :-)

 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus