2017-06-25 ökum-GD Reformation

 

Lukas 1, 46-55

„Meine Seele erhebt den Herrn“, haben wir gebetet mit Marias Worten. Und der Chor hat es uns ins Herz gesungen: Magnificat, groß und weit wird die Seele hin zu Gott. „Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen“, freut sie sich. Die kleine, unbekannte Frau aus Nazareth, eine Jugendliche noch nach unsern Maßstäben, singt das Lied des kleinen, einfachen Menschen. Der von den Großen seiner Zeit oft übersehen wird. Nicht aber von Gott. Von ihm fühlt sie sich angesehen in Liebe und hochgeachtet, erwählt, - ohne dass sie auch nur das Geringste hätte hinzutun können. Gott braucht keine menschlichen Vorleistungen, um uns lieb zu haben. Er entscheidet sich aus überfließender Güte für uns und gibt uns Menschen Gesicht, Rückgrat und Würde.

Vielleicht ist das der Grund, weshalb Martin Luther diesen Lobgesang der Maria so lieben lernt. Der berühmte Thesenanschlag ist schon drei Jahre her. Die Befragungen auf seine Rechtgläubigkeit hatten bereits zu seinem Ausschluss aus der Kirche geführt. Da schreibt er für den Neffen seines Landesherrn, den künftigen Thronfolger Johann Friedrich von Sachsen, eine Art Führungshandbuch, indem er ihm das Magnificat erklärt. Worauf sollen die großen Herren achten, wenn sie Verantwortung tragen für die Kleinen, für ihre Landeskinder? Antwort, kurz zusammengefasst: Pass auf, Fürst, dass du wirklich deinen Menschen dienst. Dass du nicht anfängst zu sagen: Ich bin der Größte. Höre auf Maria, die da singt: „Gott zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“

Luther hat erst ein Drittel seines geistlichen Führungshandbuchs fertig, als er den Befehl bekommt: Du musst jetzt vor den Kaiser. Vor den Allergewaltigsten im ganzen Reich damals. In Worms musst du dich verantworten, beim Reichstag. Das ist das erlauchteste Gremium, wo alle Machthaber versammelt sind: Kurfürsten wie sein Landesvater Friedrich der Weise. Und  Fürstbischöfe, wie sein oberster Dienstherr, der Erzbischof Albrecht von Brandenburg. Freies Geleit hat man ihm zugesagt. Aber wurde das kaiserliche Ehrenwort nicht schon mal gebrochen? Gegenüber Jan Hus, der hundert Jahre vor Luther als Ketzer verbrannt worden ist. Denn die Herren, die Gewaltigen, wenden nur allzu oft Gewalt an gegen die Kleinen, wenn die nicht spuren.

Luther muss wegen seiner Reise nach Worms die Arbeit am „Magnificat“ unterbrechen. Danach wird er, wie wir wissen, auf der Wartburg versteckt. Es soll ihm nicht so gehen müssen wie Jan Hus. Denn Luther hatte vor den hohen Herren gesagt: „Mein Gewissen ist gefangen in Gottes Wort. Wenn ich nicht durch Gründe der Vernunft und der Heiligen Schrift widerlegt werde, kann ich nicht widerrufen. Gott helfe mir.“ So kam er in Reichsacht. Das bedeutet: Man durfte ihm keinen Unterschlupf gewähren. Ja, man durfte ihn sogar töten, ohne dafür bestraft zu werden. Vielleicht hat ihn Maria getröstet mit ihrer Zuversicht, in der sie singt und glaubt: Gottes Sicht auf Hoch und Niedrig, Gottes Maßstäbe sind anders. Er kann dich unvermerkt retten, herausreißen aus den Händen der Machthaber. Indem er manchmal die Hohen an ihrem eigenen Dünkel zugrunde gehen lässt. Ich frag mich beim Lesen öfters: für welches Jahr hat Luther seine Magnificat-Auslegung eigentlich geschrieben? Wenn er zum Beispiel sagt: „Gott zieht seine Kraft von den Bösen zurück und lässt sie nur mit ihrer eigenen Kraft sich aufblasen. … Wenn nun die Blase voll ist und jedermann meint, sie seien oben auf und hätten’s gewonnen, … so sticht Gott ein Loch in die Blase, dann ist’s ganz aus. Die Narren wissen nicht, dass gerade, indem sie zunehmen und stark werden, sie von Gott ausgestoßen sind und Gottes Arm nicht bei ihnen ist. Darum währt ihre Sache ihre bestimmte Zeit; dann verschwindet sie wie eine Wasserblase und wird, als wäre sie nie gewesen.“ – Ich muss gestehen: mir fallen da leider manche Despoten und mit dem eigenen Nationalgefühl sich aufblasende Patrioten ein, denen Luthers Worte wie auf den Leib geschrieben sind.

Noch tiefer berührt mich Maria darin, wie sich ihre Hingabe an Gott bei ihr innerlich vorbereitet. Da wird sie zu einer Lehrerin des Betens vom Herzen her. Sie zeigt, was es heißt: sich so von Gott lieben lassen, dass in mir selber Liebe und Hingabe zu wachsen beginnt. Luther hat das gespürt, dieses nicht mehr ganz Herr sein im eigenen Haus. Diese Marienbereitschaft, an sich geschehen zu lassen, was Gott wirken will. Hören wir nur seine ersten Sätze, wie er auslegt das Stichwort „Magnificat“, den Beginn des Liedes: „Meine Seele erhebt den Herrn“. Luther schreibt: „Maria spricht nicht: ‚Ich‘ erhebe Gott, sondern ‚meine Seele‘, als wollte sie sagen: ‚Es schwebt mein Leben samt all meinen Sinnen in Gottes Liebe, Lob und hohen Freuden, dass ich, meiner selbst nicht mächtig, mehr erhoben werde als mich selber erhebe zu Gottes Lob.‘ So ergeht es ja allen denen, die von Gottes Süßigkeit und Gottes Geist durchströmt werden, dass sie mehr fühlen als sie sagen können. Denn es ist kein Menschenwerk, Gott mit Freuden zu loben; es ist mehr ein fröhliches Erleiden und allein ein Gotteswerk, das sich mit Worten nicht lehren, sondern nur durch eigene Erfahrung kennen lernen lässt.“

„Selig sind die Hände, die das geschrieben haben“, so hat offenbar eine kirchliche Führungspersönlichkeit gesagt, als sie in dieser kleinen Marienschrift las. Das war Papst Leo X., der große Gegenspieler des kleinen Mönchs aus Wittenberg. Er wusste nicht, dass das Büchlein von Martin Luther stammte, der soeben als Ketzer in Kirchenbann geraten war. Hätte er es gewusst – vielleicht wäre von beiden Seiten manches in der Reformationsgeschichte anders, respektvoller verlaufen? – Und dennoch gilt, was Maria singt: „Gott gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf.“ Und auch seinen so fehlsamen und so kostbaren Kirchen. :-)

 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus