2017-06-18 1.n. Trinitatis

Johannes 5, 39-47

„Opi, ich schau gerade zum Fenster hinaus“, hat meine Enkelin vom ersten Stock die Treppe heruntergerufen. „Na, streng genommen ist das noch keine Leistung“, scheine ich großväterlich zu ihr hochgebrummt zu haben. Meine Tochter hat mir das kurz danach lachend erzählt. Ich spürte: sie entdeckte in diesem Spruch etwas wieder, das sie von ihrem Papa aus Kinderzeiten kannte. Nämlich: Wenn du für das, was du tust, Anerkennung willst, musst du schon ein bisschen was dafür bieten. Und ich dachte mir im Stillen: Manche Einstellungen halten sich bei dir offenbar ein Leben lang. Eben auch die, dass es eine Lust ist, sich nicht mit jedem „Blabla und bewundere mich dafür!“ zufrieden zu geben und mitzuklatschen. Sondern das, was man kann, was man tut, zu steigern; seine Leistung, seine Begabungen herauszufordern, - sie zu „bilden“, wie wir mit dem schönen deutschen Wort ausdrücken, wenn ein Mensch nach etwas Größerem strebt. Und Bilden meint nicht nur, wie schlau einer ist, wie dick sein  Geldbeutel mal sein wird, wie viele „likes“ er einheimst, wenn er sich nur geschickt genug in sozialen Medien darstellt. Sondern „bilden“ bezieht sich auf dein Wachstum, deine Persönlichkeitsformung. Nämlich dass dein inneres Wesen deine gesamte Lebensgestalt und Lebensführung prägt. Christen nennen diese von innen her wirkende Formungskraft auch „Ebenbild Gottes“.

Genau darum dreht sich die Diskussion, in der Jesus hier Stellung bezieht. Um die Frage: Wo suche ich Anerkennung? Wer oder was beeindruckt mich so, dass ich mich davon prägen lasse? Wenn wir den Zusammenhang im Johannesevangelium anschauen, merken wir: Es geht in diesem langen, scharf geführten Streitgespräch um etwas Zentrales. Um die Frage: in wessen Namen redet und handelt Jesus? Ist Gott die höchste und tiefste Autorität, die uns durch Jesus anspricht und stellt, so dass es keine Ausflüchte gibt? Wenn Ja, kommen meine bisherigen Lebensautoritäten in die Krise. Was mich bisher ausmachte in meinem Selbstbild, wo ich bisher dazugehörte, was mir Halt gab und Bestätigung: sei es Familie, eine soziale Gruppe, ein Fanclub, eine Nation, ein Glaube, eine Kirche – egal was mir bisher als verbindliche Bezugsgröße Selbstgefühl und Anerkennung geben konnte: Jesus stellt es in Frage. Vielmehr er stellt mich vor die zentrale Frage: Worauf gründest du dein Leben? In wessen Augen suchst du Anerkennung und Trost?

Eingekleidet im Johannesevangelium ist diese Frage, dieser Pfeil, der mich treffen soll, in einen Streit mit den jüdischen Glaubensgeschwistern Jesu. Der polemische Tonfall hat leider dazu geführt, dass Christen im Lauf der Kirchengeschichte sich gegenüber Juden als überlegen gefühlt und sich entsprechend benommen haben. Sie haben die „Risiken und Nebenwirkungen“ des Christusglaubens nicht beachtet und in ihre Verantwortung mit hineingenommen. Das führte zu immer neuer Schuld gegenüber Juden durch so viele Jahrhunderte – bei bestem christlichem Gewissen. So hat es Jesus gewiss nicht gemeint, dass sich seine Nachfolger an seinen jüdischen Glaubensgeschwistern versündigen. – Drum lasst uns in wachem Geist miteinander das Heilmittel des heutigen Evangeliums zu uns nehmen. Lasst es uns in Respekt vor den damaligen Diskussionsgegnern Jesu tun. Denn es geht um die gemeinsame Frage damals wie heute: Was heißt, sich auf Gott verlassen?

„Ihr forscht in der Schrift, weil ihr meint, durch sie das ewige Leben zu finden“, eröffnet Jesus kritisch diesen Gesprächsabschnitt aus dem Johannesevangelium. Als Christ, der Luthers Wort „sola scriptura – allein die Heilige Schrift“ verinnerlicht hat, lässt mich das hochschrecken. War die Heilige Schrift nicht das Fundament, dem Luther sein Stehvermögen verdankt bis hin zum Verhör vor dem Kaiser in Worms? Ist die Heilige Schrift nicht verbindliche Basis jeder Kirche, die aus der Reformation hervorgegangen ist? –

„Aber kannst du auch sehen, was deine Filter und Vorentscheidungen sind, mit denen du die Heilige Schrift liest?“ höre ich Jesus zurückfragen. Das bedeutet: meine eigenen Interessen bestimmen, was ich sehe. Drastisch hat das auf einem völlig anderen Gebiet in Studienzeiten mein Professor für wissenschaftliche Messmethoden mal so ausgedrückt: „Trau keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast“. Damit meint er: Auch in deine wissenschaftlichen Urteile fließen  Annahmen, Interessen, Rücksichtnahmen und Vorurteile ein. Etwas feiner legt Jesus den Finger drauf: „Bei euch ist jeder darauf aus, von den anderen Anerkennung zu bekommen“, sagt er. Ob das nun eine wissenschaftliche Community ist, nach deren Regeln wir argumentieren, eine politische Partei, eine Glaubensgemeinschaft: unser Ich bestimmt leise aber kräftig mit bei allem, was wir sehen, erkennen, sagen, tun, glauben. – Deshalb lautet Jesu erste, negative Antwort auf die Frage: Was heißt, sich auf Gott verlassen: Lass deinen Wunsch sausen, eine gute Figur zu machen und dein Selbstbild nach eigenen Vorstellungen zu modellieren. Erkenne es als Illusion, du selber könnest Steuermann deines Lebensverlaufs sein – indem du nur die richtigen Pläne machst und dich im richtigen Glauben vervollkommnest. Mach dich auch frei von der Vorstellung: mit der Bibel hättet ihr Christen automatisch das Ticket fürs ewige Leben in der Hand. Kurzum: Sei kein „Besitzer“ der Wahrheit oder der Heiligen Schrift, Besitzer deines Glaubens oder deiner Selbst. Sondern werde immer neu zum Hörer, zum Empfänger. Der sich halt auch sagen lassen muss, dass er manches vom Gottesgeheimnis nicht versteht. So wie die Diskussionsgegner Jesu damals nicht verstehen konnten, dass Mose in den heiligen Schriften Hinweise gibt auf Christus.

Was heißt, sich auf Gott verlassen? Die zweite, positive Antwort, die Jesus hier gibt, ist eine Einladung: Komm zu mir, sagt er, und riskiere ein Leben in Liebe. Er selbst lebt vor, wie das geht. „Ich bin im Namen meines Vaters gekommen“, sagt er. Das meint: er macht sich nicht selber wichtig. Bläst sich nicht auf. Jesus sagt nicht: ich bin der Größte, und wenn ihr mir folgt, mache ich euch alle groß – „great again“, um ein aktuelles Schlagwort zu bemühen, das in so vielen Köpfen und Nationen herumgeistert. Jesus lebt konsequent aus einem Schwerpunkt außerhalb seiner selbst. Wie ein Liebender lebt und atmet, hofft und handelt er aus Beziehung. Aus der liebenden Beziehung zwischen Gott, seinem himmlischen Vater, und ihm. Jesus lebt als Enteigneter. Sein großes Ich, sein Ego ist geschmolzen in Liebe. Er vermisst es nicht. Sondern was ihm sehnlich fehlt, sind wir Menschen alle. – Komm zu mir, sagt er. Auch heute, hier. Riskiere, zu lieben. Gott lieben – und jeweils den Menschen, in dem dir das Ebenbild des himmlischen Vaters aufleuchtet. :-)

 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus