2017-05-21 Rogate

Lukas 11, 5-13

Bitten können wir, noch bevor wir sprechen können. Gieren, Betteln, Dürsten. Mit einem Schrei kommen wir in diese Welt bei unsrer Geburt: haltet mich, helft mir, gebt mir Wärme, stillt meinen Hunger! Der Mund des Säuglings, der dann die Brust findet, die ihn erlöst aus seiner Not. – Es ist kein Zufall, dass Jesus Mundgeschichten erzählt. Mit Mundgeschichten will er uns Not und Verheißung des Betens klarmachen. So erzählt er vom Freund, der um Mitternacht Brot braucht. Vom Vater, der natürlich den Fisch über den Tisch reichen wird und keine Schlange. Im Mund wird all unser Brauchen und Bedürfen sichtbar – unser Lebensdurst. Der schwindet nie.

Was doch Kinder so alles wollen, z.B. wenn sie laut schreien im Einkaufswagen an der „Süßigkeitenklippe“ direkt vor der Ladenkasse... Was Jugendliche alles brauchen an Kleidung, Styling, elektronischen Gerätschaften, um nicht hinten runter zu fallen in ihrem Ansehen bei der Gruppe… Was wir Erwachsene alles brauchen, begehren, darum kämpfen Jahr um Jahr: Um Freunde, Arbeit – und Erfolgserlebnisse dabei. Um Frau, Mann, Lebensgefährten. Ein Haus, ein schönes Auto, Geld. Kinder wünscht man sich und ist tief getroffen, wenn sie versagt bleiben. Freizeit und Urlaub, Reisen, Sport, Kultur, Tanz. Genuss und Erregung. Gesundheit immer wieder neu brauchen wir. Sicherheiten und Versicherungen. Trost auch – weiß Gott! Immer wieder dieser Durst nach Trost, wenn einem was aufgepackt wird, das wehtut und drückt. Sinn brauchen wir Menschen, unersättlich Sinn in unserm Leben. Auch verborgen darunter, wenn wir vielleicht unser inneres Leersein betäuben, zudröhnen oder rastlos zudecken mit Arbeit als „workoholic“ oder mit einer anderen Form von Süchtig-Sein. Und wird doch nicht restlos zugedeckt, diese Grundangst seit unserer Geburt: Ich komm zu kurz, ich krieg nicht alles, was ich brauch, bin angewiesen und dürste, vergleiche, fordere, giere ein Leben lang. Noch der offene Mund des Sterbenden, der soeben Verstorbenen: ich sehe darin einen ergreifenden Ausdruck dessen, was wir sind von Anfang bis Ende: lechzend, hungernd, bedürftig nach Leben.

Ja, so ist es mit uns, gibt Jesus zu verstehen. Er ist selber einer, der um Wasser bitten musste jene Fau am Brunnen in der Mittagshitze (Joh 4). Um Raum und Herberge muss er bitten seit seiner Geburt (Lk 2, 7; Joh 1, 11) und kennt morgens oft  seinen Schlafplatz nicht für die Nacht (Matth 8, 20). Noch eines seiner letzten Worte ist nicht zufällig „mich dürstet“ (Joh 19, 28): Jesus weiß, und durchlebt es in göttlicher Nähe, wie bedürftig wir Menschen sind. Eine Spiritualität der über den Dingen schwebenden Gelassenheit, die unsere Bedürfnisse verleugnet und bekämpft, ist nicht seine Sache. Aber Jesus will auch nicht, dass wir nur getrieben sind von unseren Bedürfnissen. Er gibt ihnen allen eine Richtung, einen Raum, wohin mit all unserm Sehnen und Brauchen: nämlich hin zum Herzen Gottes. Das ist ein unendlich weites und liebendes Herz, weiß Jesus und steht dafür ein. Und arbeitet daran, dass auch unser Herz weit wird trotz aller Bedürftigkeit. Weit zum Empfangen und weit zum Geben.

Der Freund, der Vater – sie stehen als menschliche Platzhalter für den gütigen Gott. Dabei malt Jesus uns ja keinen besonders freundlichen Freund vor Augen: mürrisch ruft der durch die verschlossene Tür: Jetzt gibt’s nichts mehr! – Doch der bittende Freund bleibt dran: „Unverschämtes Drängen“ nennt das Jesus und weiß: der Freund kriegt seine Brote ganz gewiss. Ebenso kriegt der Sohn, der was braucht, sein Essen und keine giftigen Tiere stattdessen vom Vater aufgetischt. Jesus übertreibt mit seinen Geschichten, damit unsere Seele es ganz tief kapiert: unvorstellbar, dass du nicht kriegst, was du brauchst. Bei Gott ist das unvorstellbar. Deshalb: Lass dich nicht eng machen durch deine Bedürfnisse und Nöte und die Angst, die dich allenthalben umschlingen will: mir reicht’s nicht, ich krieg nicht alles im Leben. Nein, sagt Jesus: werde weit, du Menschenseele. Denn Gott schenkt gern.

Aber ich krieg doch nicht alles, was ich will und brauch! wenden wir ein. Das gibt es einfach, dass Gott unsere tiefsten Bitten gerade nicht erfüllt. Nicht jeder bleibt vor Krankheit oder Unglück verschont, - er mag gebetet haben, wie er will. Oft stehen wir ratlos, zornig oder verzweifelt an Krankenbetten, Gräbern, Scherbenhaufen des Unglücks. Oft sind wir Jesus näher, als uns lieb sein mag: wenn er nämlich im Garten Gethsemane betet und Blut schwitzt: diesen Kelch kann ich nicht trinken; dieses Leiden ist mir zu schwer. – Auch uns wird nicht erspart, dass wir die härteste, aber vielleicht auch heiligste Lektion des geistlichen Lebens lernen müssen: Beten – das ist kein Mittel zum Zweck. Aber es ist trotzdem nicht zwecklos. Gott ist nicht der verlängerte Arm unseres Wollens. Sondern Gott ist ein Vater, der uns in allem liebt. Und von uns in allen Dingen und Widerfahrnissen entdeckt und geliebt werden will.

Immer wenn ich selber daran zu knapsen habe, was ich euch soeben mit scheinbar leicht und fest daherkommenden Worten verkündige, - wenn es wackelt bei mir an dieser Ecke, hilft mir, dass Dietrich Bonhoeffer ganz, ganz fein unterscheidet: „Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott.“ Und was Gott verheißt, daran kauen die Menschen der ganzen Bibel herum: staunend oft, manchmal nichts davon sehend, manchmal sich wie in verzweifeltem Trotz dran festhaltend.  Ihre Beispiele zeigen uns: Gottes Verheißung spannt einen viel größeren Bogen als es der Horizont unseres eigenen Ergehens, Empfindens, Erkennens je sein kann. Denken wir an Abraham: wird zum entwurzelten Migranten gemacht. Zum Stammvater und Segensbringer berufen – und nichts von dieser Verheißung ist zu sehen lange Zeit. – Menschen wie er, Menschen wie Jesus selbst wollen uns bewegen zu einer Gottesbeziehung, die sich was traut. Auch mitten in der Nacht. Auch mit unverschämten Klopfen an der Tür. Mehr als bitten, suchen, inständig anklopfen können wir Menschen nicht tun gegenüber Gott. Aber Jesus sagt: Nur Mut  – Gott ist und bleibt dein Freund! :-)

 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus