2017-05-07 Jubilate

 

Johannes 16, 16-23

Im Belgrader Flughafen gehe ich manchmal, wenn ich noch etwas Zeit habe, zwischen Abflug und Ankunftsbereich hin und her. Beim Abflug letzte Umarmungen vor der Passkontrolle. Manche Pärchen können sich nicht voneinander lösen. Man sieht ihnen den Trennungsschmerz richtig an. Kinder, Enkel fragen: Wann kommst du wieder – und winken nochmals, bevor der Gast hinter den Kontroll-Häuschen verschwindet. Zwei Stockwerke tiefer: Menschengedränge vor den Schiebetüren, erwartungsvolle Blicke. Manche heben Schilder mit Namen hoch, damit der Ankömmling in der Fremde gleich weiß, an wen er sich wenden muss. Und wenn dann die Tür wieder mal aufgeht, und es kommt der oder die Richtige heraus – kein Halten gibt’s da mehr: Umarmungen, Küsse, strahlende Gesichter, Freude eben. Ein paar Sekunden nur Freude und nichts anderes auf den Mienen – bis dann die nötigen Handlungen: Gepäck abnehmen, zum Auto gehen, ein Taxi suchen dran sind.

Menschen in Übergangszonen. Das ist etwas ganz Alltägliches einerseits: Bahnhöfe, Wartezimmer, Umzüge in eine neue Wohnung. Auch das letzte Jahr, die letzten Monate, bevor manche von Belgrad wieder zurück nach Deutschland gehen, sind wie eine Übergangszone. Man erlebt nochmals bewusst, was einem hier kostbar war, und zugleich sind die Gedanken schon beim Neuen: Wohnung suchen, sich auf neue Kollegen einstellen, sich mit dem Arbeiten als kleineres Rädchen in der großen Berliner Zentrale irgendwie befreunden…

Dass „Übergangszone“ der normale Ort für Christen ist, das versucht Jesus hier seine Jünger zu lehren. Und die empfinden das überhaupt nicht als normal. Sie sitzen zusammen, der letzte Abend, bevor Jesus von ihnen genommen wird durch den Kreuzestod. Er redet viel, möchte ihnen sein geistliches Vermächtnis mitgeben. Und will sie trösten, weil er spürt: die werden immer trauriger, je näher der unweigerliche Abschied kommt. Doch für die Jünger spricht er in Rätseln. Ihren geliebten Meister nicht mehr sehen werden sie in kurzer Zeit, - das ahnen sie, können es einordnen, und es macht sie bang. Wenn ein Mensch, den man liebt, im Sterben liegt, - das reißt schon vor dem Tod ein Stück aus dem eigenen Herzen heraus. Denn es ist ein endgültiger Abschied. Jesus geht sehenden Auges in diesen Abschied hinein. – Aber dass er hinzufügt:  „Und noch einmal eine kurze Zeit, dann werdet ihr mich wiedersehen“, das können die Köpfe und Herzen seiner Jünger nun gar nicht fassen. Sie trauen sich auch nicht zu fragen. Wie soll man auch fragen nach etwas, für das die Worte fehlen? Das wie ein unlösbares Rätselwort daherkommt: Mein Ende wird ein Anfang – doch die Zwölf sehen und fürchten nur das Ende. Den Schlusspunkt, über den kein Sterblicher je hinausgesehen hat.

Da gibt ihnen Jesus ein Bild, ein Gleichnis. Zeigt an einem natürlichen Geschehen etwas Übernatürliches auf. Schaut, es ist wie bei einer Geburt, sagt er. Wenn die Wehen nimmer zum Aushalten sind und die Frau vielleicht vor Schmerzen schreit, dann ist das schlimm, man muss ihr beistehen, sie ist in tiefen Nöten und kann dem nicht entrinnen. Doch dann ist das Kind da, und alle Schmerzen sind vergessen. Sind ausgewischt von reiner Freude: ein neuer Mensch ist da, mein Kind. Neues Leben ist zur Welt gekommen. Und zwar nicht nur als örtliches Geschehen, etwa dass ein Baby ankommt in Berlin oder Belgrad jeden Tag. Jesus nimmt hier ein spirituell aufgeladenes Wort und sagt:  Ein neuer Mensch kam in den Kosmos. Die Freude, um die es geht, ist ein kosmisches Geschehen, sagt er damit. Die neue Kreatur, die so unter Schmerzen geboren wird, löst alle Nöte auf in Strahlen und Glück. Im Rückblick zeigt sich: Es waren Schmerzen des Werdens. Es war eine Traurigkeit, die dem Leben dient. Es waren Nöte, die eine Verheißung in sich trugen. Es war der Übergang in ein Leben aus der Kraft des auferstandenen Christus.

Dieses Bild will ich auf mich wirken lassen, wenn’s mich selber mal wieder erwischt. Wenn ich nimmer weiter weiß mit mir und meinem Leben. Es aussieht wie ein Ende und mir Angst macht. Tragende Menschen, die mich verlassen. Freundschaften, die dünner werden, an ein Ende kommen. Ziele, die sich als unmöglich erweisen. Sicherheiten meines Körperempfindens, die wackliger werden. Leben in der Übergangszone, darin bin ich beileibe nicht trainiert. Weil ich mein Leben schon gerne nach meinen Vorstellungen einrichte und mir wünsche, dass es so bleibt und ich die Kontrolle habe. Wenn das Leben in der Übergangszone nicht nur nach Abschied, Abbau und Ende schmecken soll, braucht es Sinne, Organe, die das Verheißungsvolle daran riechen können. Wir können in unserm Leben nicht einfach zwei Treppen runtergehen wie im Flughafen, um uns durch Freude des Wiedersehens aufzubauen. Oder doch? –

Für mich ist das Bild von den Geburtsschmerzen etwas, an dem ich mich auch in eigenen Werde-Ängsten entlanghangele. Dass es Jesus ist, der seinen Nachfolgern dieses Bild schenkt.  Und dass die ersten Jünger bezeugt haben: Sein Kreuzestod war nicht das Ende. Sondern eine Geburt. Jesus ist durch Abschiedsschmerz und Tod hindurch zur Welt gekommen. In alle Welt. Die Kraft der allüberwindenden Liebe ist in ihm geboren – für mich und dich, für den ganzen Kosmos. „Nichts mehr fragen werdet ihr müssen“, sagt Jesus. All die Rätsel um euer Leben und um das eurer Lieben, all die Nöte, unter denen sich die Welt windet in Kampf und Krieg – Gott überwindet es durch sein Geschenk der Freude. In mir, Jesus, hat er damit angefangen am dritten Tag, am Ostertag meiner Auferweckung. In euch, meinen Jüngern und Nachfolgern, bringt Gott seitdem neue Menschen zur Welt. Und lässt sich durch keine Schuld und Not mehr abbringen davon. Deshalb: Lebt, auch wenn ihr mich nicht seht, als sei ich da. Geht mit diesem Bild von der Geburt in eurer Seele zwei Treppen hinunter: geht aus der Wehmut und Not in die Tiefe der schöpferisch-gebärenden Liebe Gottes. Betrachtet sie, wärmt eure Seelen daran. Wie sich einem das Herz erwärmt, wenn Menschen im Flughafen sich selig begrüßen. Und lasst euch dadurch die Zuversicht stärken: wir werden uns einst sehen und erkennen. Und alle eure Nöte gehen dabei unter in unauslöschlicher Freude. :-)

 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus