2017-04-16 Ostersonntag

Matthäus 28, 1-10

 

Das könnte den Herren so passen, dass mit dem Tod alles aus wäre! Darauf bauen sie ihre Macht, die Herren Diktatoren: dass sie ihre Gegner, die Verfechter von Freiheit und Menschenrecht, einfach verschwinden lassen in Gefängnissen und Folterkammern, um sie mundtot zu machen, sie gar unauffällig zu töten. Gleichgesinnte abschrecken wollen diese Herren: Freiheit und Menschenwürde darf keine Stimme haben auf dieser Welt. Sie würden den Herren Diktatoren gefährlich. – Das könnte den Herren Terroristen so passen, dass mit dem Tod alles aus wäre: dass sie mit ihrer religiös getarnten Tötungslust die vermeintlich Ungläubigen in die Hölle schicken könnten, das Abendland in Angst und Schrecken versetzen und sich selbst durch ihr Morden die Eintrittskarte verdienen fürs Paradies. – Das hätte den Herren Hohepriester und dem römischen Oberherrn Pilatus so gepasst, dass sie mit dem Tod dieses Wanderpredigers Jesus zugleich seine Ideen ausradiert hätten. Diese gefährlichen Ideen, dass Gott auf der Seite der Kleinen und Unterdrückten ist. Dass Frauen was zu sagen haben in Religion und Politik. Dass Gott seine Liebe ohne Vorleistung schenkt, gerade den Sündern. Dass die Herrschaft von Macht und Geld nicht ewig währt.

Doch „es geschah ein großes Erdbeben“. Genau dort, wo man gedacht hatte: der große Stein hält den Toten auf ewig fest. Wo man sich drauf verlassen wollte: über alles Unrecht wächst am Ende Gras drüber, du musst es nur lang genug leugnen und den Deckel drauf halten, wenn Menschen protestieren. – Von wegen! Ein Engel des Herrn kam extra vom Himmel herab. Aus Gottes anderer Welt kommt er, schnipst den tonnenschweren Grabdeckel weg, setzt sich drauf als Zeichen: die Methode „Gras drüber wachsen lassen“ hat ausgedient, ihr Herren! Kein Wunder, dass die Sicherungskräfte umfallen vor Entsetzen. Wenn nicht mal der Tod „todsicher“ ist, wenn Menschen in der Kraft Christi keine Angst mehr haben müssen vor dem Tod – womit können wir dann drohen? Womit können wir Macht ausüben, Menschen Angst einjagen und unsere Herrschaft aufzwingen?

„Fürchtet euch nicht“, sagt der Engel zu den sprachlosen Frauen. Und bringt in Worte, worum es bei dem Unfasslichen geht, das wir „Auferweckung, Auferstehung von den Toten“ nennen. Ihr sucht noch den Gekreuzigten mit seinen Marterspuren, fährt der Engel fort. Wollt ihn vielleicht ein letztes Mal salben, den grausamen Verwesungsgeruch unbeholfen übertönen für eine Weile durch Lebensduft. – Vergebliche Liebesmüh ist das jetzt. Schaut nimmer zurück, was da war. Jesus ist weitergegangen. Der Tod konnte ihn nicht halten. Die Kraft Gottes hat ihn auferweckt zu ewiger Zukunft. Jesus geht voran. Zunächst nach Galiläa. Für alle Zeiten geht Jesus voran. Wollt ihr ihm folgen? lädt der Engel ein. Im Aufbrechen, im Nachfolgen, im Hinübergehen weg von den Kräften, die euch binden an Grab und Traurigkeit, im Gehen werdet ihr den Auferstandenen sehen!

Ihn sehen, den geliebten Jesus, den unaussprechlich Liebenden sehen, - das zündet. Die Frauen, zutiefst verwundet in ihren Seelen, sie lassen das Grab hinter sich. „Mit Furcht und großer Freude“. Zögernd und voller Erwartung. Die Kreuzes- und Leidenserinnerung, das Grabesbild noch in sich – und zugleich gezogen von einer Kraft, von der sie sich kein Bild machen können. Wie gnädig, dass ihnen schon bei ihren ersten Schritten das Bild Jesu geschenkt wird. Der Auferstandene erscheint ihnen – eine umwerfend neue Erfahrung! Wieder dieses „Fürchtet euch nicht“. Das bleibt die Leitmelodie von Ostern. Der Herr aller Herren, der Tod, hat ausgespielt. Er kann uns wohl noch kreatürlich ängstigen. Aber unsere Seelen fesseln und hoffnungslos in Bann schlagen durch Furcht und Schrecken? Das wird er nicht mehr schaffen! Die Herrn Machtmenschen und Geldsäcke, auch die Herren Diktatoren und Terroristen, und erst recht ihr oberster Herr, der Tod, hat ausgespielt. Greift ins Leere mit seiner Macht. Wir sind ihm entwischt, indem wir mit den Frauen aufbrechen. Der Auferstandene zieht und lockt mit seinem „Fürchtet euch nicht. Dort werdet ihr mich sehen“.

So will ich achthaben darauf, wo im Leben der Auferstandene mir sagt: Mach dich auf und geh. Geh weiter. Geh hinüber zu neuen Horizonten. Lass dich herausführen aus der tödlichen Sicherheit deiner Erfahrungswelt: wo die Mächtigen machen was sie wollen, wo die Machtlosen oft Angst haben müssen um ihr Leben. Und wo keine Chance besteht, dass sich das jemals ändert auf unserer Welt. Achthaben will ich, wo im Leben es für mich heißt: Geh ins Risiko. Der Auferstandene zieht dich. Das gibt dir Mut, den Mund aufzumachen gegen die Herren. Das gibt dir ein Herz, dein Land, deine Stadt zu öffnen für Fremde in Not. Der Auferstandene, der vorangeht, ist wie ein unsichtbarer Magnet: er zieht, lässt unsere Welt und mein Leben nicht beim Alten. Ostern macht was mit meinem Lebensgefühl. Zeigt mir einen andern Horizont. Nicht die Vergangenheit, die Kräfte meiner Herkunft, die Wunden der blutigen Geschichte unserer Völker haben mehr das Sagen. Keine Fehler, keine Schuld können mir noch die Zukunft verbauen. Nein, der Herr ist auferstanden! Drum leben wir jeden Tag, als seien wir unterwegs, österlich zu Christus hingezogen. Wie bei jenem Mönch in einem Kloster. Zu dem kam ein Gast und bat um Übernachtung. Als er die karge Zelle sah, fragt er: „Wo haben Sie denn Ihre Möbel?“ – „Wo haben Sie denn Ihre?“, fragt der zurück. „Ich bin doch auf Durchreise“, antwortet der Fremde. „Das bin ich auch“, sagt der Mönch. Auf Durchreise, wir alle. Denn der Auferstandene ruft: Kommt, ich geh euch voran. Brecht auf aus euren Gewohnheiten und Absicherungen. Lasst das Mobiliar eurer Erfahrungen, Ängste und Wunden hinter euch. So werdet ihr mich sehen. :-)

Pfarrer Hans-Frieder Rabus