2017-04-02 Judika

Johannes 11, 1-4.17-27.40-45

 

Löst die Binden und lasst ihn gehen – das ist nicht nur ein Wort an die Umstehenden damals. Vielmehr sollen wir entbunden werden. Entbunden im Sinne einer Geburt: Der Mensch soll aus uns zur Welt kommen, der den Weg Christi mitgeht und sich von ihm ziehen lässt, ziehen durch den Tod ins Leben. Und entbunden sollen wir werden im Sinne der Befreiung: Dass unsere Fesseln gelöst werden. Sie hindern uns wie jene Leichenbinden den Lazarus, freie Schritte zu tun auf Jesus zu und in unser Leben hinein. So lasst uns behutsam miteinander schauen. Anschauen unsere mannigfachen Fesseln und die lösende Kraft dessen, der den Lazarus rief, um uns zu entbinden.

Das erste nenne ich: Binde um die Augen. Lazarus ist krank, lassen die Schwestern ausrichten. Er muss sterben, wenn nicht rechtzeitig Hilfe kommt. Diese drei Menschen, der Kranke und seine besorgten Schwestern, sie sind so etwas wie Urbild und Gefäß für unsere Nöte. Wir können uns gar nicht mehr vorstellen, wie bedrohlich damals schon leichtere Erkrankungen waren. Aber schwere Krankheiten führen auch uns ins Fragen: Warum muss mich das jetzt treffen? Hab ich etwas falsch gemacht? Krankheit engt unsern Blick und unser Gemüt ein. Unser Leib und unsere ärztliche Prognose wird unausweichlich Thema. Und das innerste Thema ist dabei der Tod. Wir wollen wissen: Was ist los? Und: Worauf wird es hinauslaufen mit mir?

Jesus provoziert hier „gnadenlos“: Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sagt er, sondern zur Verherrlichung Gottes und seines Sohns. Er dreht die Blickrichtung herum. Statt „Warum“ zu fragen und daraus Schritte zur Behandlung abzuleiten, fragt Jesus „Wozu?“ Wozu soll diese Krankheit dienen? Und verschwendet in unbegreiflicher Souveränität keinen Gedanken darauf, dass die „schönste“ Krankheit zu nichts mehr dienen wird, wenn der Kranke daran stirbt. Jesus nimmt die Kräfte des Lebens und des Vergehens in die Hände und macht aus Sorge, Schmerzen, Schweiß und Gestank, macht aus Seufzen und schwer Träumen und allem, was Kranksein heißt – etwas Ungeahntes: die Verherrlichung Gottes. Dass da Gottes Glanz und Güte sichtbar werde. Dazu dient in seinen Händen selbst Krankheit, Not und Tod. Unglaublich. Mir geht es damit so, wie wenn mir plötzlich eine Augenbinde oder eine dunkle Sonnenbrille weggenommen wird. Da kann ich vor lauter Licht nichts sehen. Aber Jesus tut’s uns keinen Millimeter darunter. Unsere Augenbinden, die uns nur unsern eigenen Horizont des Wirkens und Leidens sehen lassen, diese Binden löst er durch sein Wort. Das Wort von der Kraft Gottes, die aus allem, auch aus dem Notvollsten, eine Gestalt seiner Herrlichkeit machen kann und will.

Die zweite Betrachtung nenne ich: Knebel im Mund. Wir werden Zeuge, wie der sich lösen darf zu einem freien Wort von innen her. Marta ist uns hierfür eine bewegte Ikone. Die sagt eine ganze Menge zu Jesus. Doch der Knebel ihres Redens ist dies: Marta ist eingeschränkt wie wir alle durch die Fessel des Zeitablaufs. Es gibt ein Zu-Spät, daran erinnert diese Fessel ohne Erbarmen. Wenn du nicht rechtzeitig kommst, ist es zu spät. Du holst nichts mehr zurück, wenn es einmal geschehen ist. Deine Toten nicht. Deine Schuld nicht. Ebenso deine Erfolge nicht oder deine Liebe, wenn sie verging. Ein würgender Knebel, die Urgewalt der Zeit. Sie bestimmt auch noch die Weise, wie wir glauben und hoffen. Vorbei ist vorbei. Wir können uns nur ausstrecken, dass Gott irgendwann mal den Schaden heben wird, die Not wandeln, uns und unsere Toten auferwecken. Aber jetzt ist’s noch dunkel.

Ich bin die Auferstehung und das Leben – mit seinem Offenbarungswort entmachtet Jesus die Fessel namens Vergangenheit. Ich bin da, sagt Jesus in dem Moment, wo die gefräßige Zeit sagt: Der ist weg, und zwar für immer. Ich bin da. Deine Augen sind voller Tränen - Ich bin da, Marta. Dein Herz ist voll Sorge oder Trauer, du und du – Ich bin da. Dein Leib tut weh und kämpft um Genesung – Ich bin da. Ich bin die Auferstehung und das Leben mitten im Vergehen. Glaubst du das? –

Und Marta, diese kleine Frau mit dem großen Herzen, sagt DU. Du bist Christus. Du bist in die Welt gekommen, um sie aus dem Tod zu retten. Du Licht der Ewigkeit mitten in unserm Leben. Nur du. Marta lässt Christus ihr Ein und Alles sein mitten in Verlust und Trauer. Sie ist frei für das Geheimnis der Auferstehung. Nicht nur als Glaubenstatsache in ferner Vergangenheit oder Zukunft. Sondern Auferstehung als Lebenskraft. Du bist Christus, mein Leben.

Löst die Binden – das sagt Jesus nicht nur, sondern tut’s auch mit uns. Und macht sich bewusst auch noch an die Stöpsel in den Ohren. Nämlich unser Verschlossen-Sein gegenüber der leisen Stimme Gottes in unserm Leben. Auch unsere Endlichkeit, unser Tod, wo die körperlichen Ohren zu Staub werden und die Ohren der Seele, verstopft von Trauer und Todesfurcht, die Engel nicht singen hören können. Ich danke dir, Vater, sagt Jesus, dass nicht nur ich dich höre, sondern du mich erhörst. Liebende beide, hier Ohr an Ohr statt Mund an Mund, und allemal Herz in Herz.

Ganz im Hören auf Gott wagt Jesus den Ruf. Den Ruf zu toten Ohren: Lazarus, komm heraus! Genauer wiedergegeben: Raus mit dir und an meine Seite! Und es geschah so. Der Tote kommt Jesus entgegen, gebunden noch und schon entfesselt zu neuem Leben. Er wird ein zweites Mal sterben müssen. Insofern nennt der Evangelist Johannes solche Taten Jesu zu Recht ein Zeichen. Ein Wunderzeichen, und dennoch nur ein Zeichen. Das Größere ist nämlich bereits da, worauf das Zeichen verweist. Die Lebenskraft Gottes im Menschen Jesus, der sich unserer Vergänglichkeit unterwirft aus Liebe. „Löst die Binden und lasst ihn gehen.“ Ganz gründlich entbindet uns Christus, befreit uns von den Stricken des Todes. Die Augen. Den Mund. Die Ohren. Damit auch wir sehen, hören und mitgerissen werden ins Leben, jetzt schon. Und erst recht, wenn er zu mir und zu dir ins Grab hinein ruft: Komm heraus! :-)

Pfarrer Hans-Frieder Rabus