2017-03-05 Invokavit

Genesis 3, 1-21

Haben Sie das Wort „Sündenfall“ gehört in der Geschichte? Nein? – richtig, das kommt auch nicht vor. Die Bibel spricht das allererste Mal von Sünde bei Kain, als der seine Mords-Wut gegen den Bruder nicht mehr bremsen kann. – Aber all die Bilder der Kunst, alle Witze um Eva und den Apfel – unsere ganze kulturelle Lerngeschichte nennt doch diese Erzählung „den Sündenfall“… Dann müssen wir halt versuchen, ob wir miteinander was verlernen können. Damit unser Kopf und Herz frei wird, was vermeintlich Altbekanntes neu zu verstehen. Das schaffen wir natürlich nicht durch eine kleine Predigt allein. Der Stoff ist viel zu groß dafür. Die Wahrheit über die Tiefenkräfte unseres Menschenwesens, die diese Geschichte birgt, ist nicht auszuloten. Ich will darum heute nur die Fragen betrachten, die da gestellt werden. Fragen, die zugleich etwas über unsere innersten Antriebe und Nöte offenbaren.

Sollte Gott gesagt haben, ihr dürft nicht…? – das ist die allererste Frage, die überhaupt in der Bibel auftaucht. Zuvor ist alles fraglos und gut. Gottes Schöpfung und der Mensch in ihr mit allen Geschöpfen um ihn herum. Leben im Ja, in reiner Gegenwart. Das, was wir Sorge nennen, was wir an Missverständnissen und Ängsten kennen, was Risiken und Nebenwirkungen unseres Tuns sind, gar Fehlentscheidungen und Schuld – noch nicht mal hinter dem Horizont zu ahnen all das. „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“ (Gen 1, 31) – mit diesen Worten endet die erste Schöpfungsgeschichte. Und wenn es jetzt weitergeht damit, dass das Fragen und Hinterfragen in die Welt kommt, das Bezweifeln und Lügen und die Schuld anderen zuweisen, - wenn dies alles am Beispiel eines mythischen ersten Menschenpaars erzählt wird, dann meint das nicht ein fatales Geschehen in der Altsteinzeit irgendwann. Sondern das Nacheinander des Erzählens gliedert auf, was alles zugleich in uns Menschen schlummert. Damit wir uns selbst vor Gott erkennen.

Der Schlange wird diese Frage in den Mund gelegt. Sie hat im Unterschied zu anderen Tieren eines gemeinsam mit dem Menschen: Sie ist nackt, nackter sogar als der Mensch: nicht mal Haare auf dem Kopf und an der Scham. Doch sie verkörpert eine Kraft, die bis heute die Welt umtreibt. Die Schlange hat weniger an, aber mehr drauf als alle andern… Sie weckt im kindlichen Menschen die Kraft des Zweifels. Was hat Gott wirklich gesagt? Wie finden wir überhaupt raus, was wahr ist und verbindlich? Dass diese Frage-Kraft den Menschen zugleich aus einer Welt fraglosen Vertrauens herauskatapultiert, das können wir als Folge, als Tragik und auch Chance hier erspüren. – Die Frau antwortet: natürlich dürfen wir alles essen, nur von dem einen Baum nicht. Gott ist nicht neidisch und geizig, vertraut sie. „Magst du wirklich innehalten an einer Grenze für dein Begehren und Wollen, du Mensch?“, - es ist nicht außen, die böse Schlange, die so zündelt. Es ist in uns Menschen selbst. Von Anfang an. Weil unser Wissensdurst nicht Halt machen kann, dringen unsere Sonden bis zu Planeten und Sternen vor und bis in die innersten Zellkerne hinein. Eine fantastische Begabung das! Weil unser Lebensdurst keine Grenzen kennt, hat menschliche Gier den Globus im Griff, verheert die Umwelt, will Grund-Lebensmittel wie Wasser privatisieren und Geld draus machen, kennt in Kriegen und Gewalttaten keine Grenzen der Grausamkeit und weiß die grenzenlose Menschengewalt nicht zu beenden.

Ein Glück, dass Gott seine „Krone der Schöpfung“ nicht gnadenlos überlässt dem selbsterweiternden und selbstzerstörenden Kräftespiel des Lebens! Er wettert nicht machtvoll dazwischen und macht den Menschen zum unfreien Untergebenen, der halt kuschen muss vor dem Chef. Sondern Gott fragt! Adam, das bedeutet: Mensch, - Adam, wo bist du? Mit dieser Frage will Gott den aufrechten Gang wecken. Aufrecht, aufrichtig leben, heißt: Gott rufen hören. Antwort geben, verantwortlich sein, sich selbst im Spiegel sehen und Gott ins Gesicht. Dass es nicht so einfach ist, bis wir Menschen den Mut finden, Verantwortung zu tragen für unser Tun, das zeigt diese Szene wie in Zeitlupe: Wo ich bin, Gott? Ich muss mich verstecken. Muss mich bedecken. Die Folgen meines Tuns unter den Teppich kehren. Die Schuld anderen zuweisen. Denn die nackte Wahrheit macht mich fertig. Ich brauche ein Fake-Selbst, ein geschöntes Ich, das sich besser darstellt, als es ist. Und den Rest versteckt. Vor mir selbst. Vor dir, Gott. Und vor den Menschen. Muss un-aufrichtig leben immer neu, sonst halte ich es nicht aus.

Kommt jetzt das göttlich-vorwurfsvolle „Siehste“? Das hast du davon, wenn du nicht auf mich hörst? – Ich finde es bewegend, wie sich Gott gerade nicht distanziert. Er bleibt unbeirrt nahe, bleibt im Gespräch. Jetzt die Frau – die dritte der Fragen: Warum hast du das getan? Dir hab ich doch das Leben und seinen Fortgang anvertraut: „Eva“ wird dich dein Adam nennen, denn dieser Name bedeutet ja „Leben“. Warum hast du das gebraucht, immer mehr zu wollen, obwohl in dir doch Leben ist und um dich herum die Fülle? – Eva antwortet im selben Menschheitsmuster: Die Schlange ist schuld! Sie hat mich betrogen. Und das meint: Meine Lust und Begehren haben mich getäuscht. Bin trügerischen Wünschen aufgesessen. Wollte leben ohne Grenzen. Wollte sein wie du, unendlicher Gott. Konnte nicht sehen, nicht ahnen: Gerade indem ich mir alles nehmen will und keine Begrenzung respektieren, nehme ich mir – alles. Nehme ich mir - das Leben. Der Tod, diese atmende Schwelle zwischen Leben in deiner Gegenwart und Aufgehoben-Sein in Gott, - unser Tod wird zur nackten Grenze, so schmerzlich, so unüberwindbar. Du lieber Gott, was hab ich getan! Was musste ich entdecken! Was tun wir Menschen doch, die nichts anderes wollen können als „Evas-sein“, als ganz und gar zu leben! Und ernten Vertrauensverlust, Angst und Scham. Erleben Mühsal im Arbeiten, Brüche in unsern Beziehungen, Kampf ums Dasein – nackte Gesetze der Evolution.

„Ich geb euch nicht schutzlos preis euerm Lebenswillen und eurer Lebensnot“, sagt Gott. „Ich mach euch Kleider“. Diese urtümliche, bergende Geste durchzieht fortan die ganze Bibel und trägt unser Leben bis heute. Angefangen beim Taufkleid, mit dem wir Christus anziehen dürfen (Gal 3, 27; Rö 13, 14) als Einladung zum Vertrauen in allem Kampf. Bis hin zu den weißen Kleidern der Erlösten vor Gottes Thron (Offb 7, 9): Gott hört nicht auf, uns, die wir uns selbst verfehlen, zu bergen im Mantel seiner Liebe – auch jenseits von Eden. :)

Pfarrer Hans-Frieder Rabus

Lied EG-EKR 681 (EKWü 665): „Gelobt sei deine Treu, die jeden Morgen neu uns in den Mantel deiner Liebe hüllt“