2017-02-26 Estomihi

Lukas 10, 38-42

Sie war eingespurt auf den Weg einer Maria. Knapp sechsjährig kam sie ins Kloster: die Mutter war gestorben und der Vater, ein armer Landadeliger, musste die Kinder irgendwie versorgen. Wie alle Klosterschülerinnen damals lernte sie Lesen, Schreiben, Singen, Latein. Ihre Tage waren neben dem Unterricht gegliedert durch Gebetszeiten, Sticken, Gartenarbeit. Sechzehnjährig legte sie die Profess ab: gelobte, als Nonne sich ganz Jesus hinzugeben in Armut, Ehelosigkeit, Gehorsam. Ein Lebensentwurf wie tausende damals. Ein Mensch, der sich anschickt, nichts anderes zu tun, als „Jesus zu Füßen zu sitzen“.

Will die Geschichte von Marta und Maria darauf hinaus? Dass Jesus die geschäftige Hausfrau Marta tadelt: du machst zu viel Wirbel und lässt dich fressen von deiner Arbeit. Und dass er das Seelchen Maria lobt, die still und fromm seinen Worten lauscht… - Ja, so hat man es lange Jahrhunderte ausgelegt in der Kirchengeschichte. Hat die beiden Schwestern als gegensätzliche Lebensmodelle gesehen: auf der einen Seite Menschen mit weltlichen Berufen, die arbeiten, dass es kracht: vita activa nannte man das. Und auf der andern Seite die Leute im Kloster, die sogenannten „Geistlichen“: die trafen sich Tag und Nacht zu Stundengebeten in der Kirche, fuhren fort mit Schweigegebeten in ihrer Zelle, ließen sich je nach „Geschäftsmodell“ von Laienbrüdern versorgen, die die Klostergüter bestellt haben, oder als Bettelmönche von den Bürgern der Stadt aushalten durch Spenden, Stiftungen, Vermächtnisse: vita contemplativa nannte man das, ein Leben in der Gottesbetrachtung. Das galt als höherwertig. – Hat es Jesus so gemeint?

Unsere Nonne, inzwischen vierundzwanzigjährig, sagt: nein! So kann es Jesus nicht gemeint haben, dass der Marthadienst, die notwendige Arbeit zum Lebensunterhalt etwas sei, das nichts mit Gott zu tun habe. Ihr späterer Ehemann brachte das auf die Formel: „Wenn der Bauch der Studenten lauter knurrt als der Redner spricht, muss man was essen!“ Zur Frau herangereift, hat Katharina, so hieß diese Nonne, mit Kameradinnen einen Plan ausgeheckt: heimlich das Kloster verlassen – darauf standen schwere Strafen – und versuchen, sich mit seiner Hände Werk zu ernähren. Denn manchmal haben Familien ihre entlaufenen Nonnentöchter verstoßen, damit sie keine Probleme mit der Kirchenaufsicht bekämen. Die Freiheitsideen dieser jungen Frauen und der Mut, sich in eine ungesicherte Zukunft zu wagen, waren inspiriert von den Schriften und dem Beispiel eines gewissen Martin Luther. Der hatte der deutschen Sprache das schöne Wort „Beruf“ geschenkt – und das ist was völlig anderes als die amerikanische Bezeichnung „Job“, die eher eine beliebige Tätigkeit meint, - Hauptsache, Geld springt dabei raus. „Beruf“ hat für Luther mit „Berufung“ zu tun: es ist Gott, der uns Menschen die Lebensaufgaben eröffnet. So werden wir in unserer Berufstätigkeit auch nicht tricksen, falsche Preise machen, schlampig arbeiten: denn wir sind in unserm Beruf auch Gott verantwortlich. Aus diesem Luthergeist speist sich noch das spätere Qualitätssiegel „made in Germany“: Produkte, die in hoher Verantwortung hergestellt sind.

Zurück zu Katharina. Versteckt, zwischen oder in leeren Heringsfässern, ließen sich zwölf junge Frauen im Planwagen aus dem Kloster schmuggeln und neun davon „schlugen in Wittenberg auf“ - ein plötzlicher Segen für den Heiratsmarkt im Universitätsstädtchen. Luther war auch ganz erfolgreich beim Vermitteln von Unterkunft, Spendengeldern, Partnern. Nur eine blieb übrig, die er bei seinem Freund, dem Maler und Apotheker Lukas Cranach untergebracht hatte. Ein Nürnberger Student, der sie liebgewann, durfte seinen Eltern keine entlaufene Nonne als Braut heimbringen. Einen Pfarrer, der willig gewesen wäre, verschmähte Katharina von Bora mit den Worten: „Zu dem habe ich weder Lust noch Liebe. Lieber wollte ich Luther selbst oder Armsdorff (einen seiner Mitarbeiter) heiraten.“ – Zuneigung? Oder einfach das kleinere Übel…?

Schließlich gab sich Luther einen Ruck, obwohl er eigentlich mit seinem baldigen Tod als Ketzer auf dem Scheiterhaufen rechnete und eine Ehe nicht auf dem Plan hatte. Als die Weltordnung zu bröckeln begann, oben und unten in Aufruhr gerieten, im Jahr der Bauernkriege (1525), heiratete der Reformator seine Katharina. – Steilvorlage für seine Feinde, die den entlaufenen Mönch mit seiner Nonne als Hurenbock verschrien. Und Beginn einer Weltpremiere: die beiden erfanden das evangelische Pfarrhaus. Das wurde zu einem „Markenkern“, der über Jahrhunderte Geist, Kultur und Wirtschaft protestantischer Länder beeinflusst hat. Wir in Zemun müssen nur aus unserer Kirche über die Straße gehen zum ehemaligen Pfarrhaus: Als Pfarrer Samuel Schumacher vor etwa hundert Jahren hier mit seiner Frau Christine geborener Busch aus Beschka wirkte, ging in unserer Stadt das Sprichwort um: „Im Semliner Pfarrhaus kehrt jeder Handwerksbursche von Berlin bis Konstantinopel ein, - und kaum einer geht leer von dannen.“

Bring mal einem zweiundvierzigjährigen gelernten Mönch bei, wie Ehe geht! Der reibt sich die Augen und sagt: „Im ersten Jahr des Ehestandes hat einer seltsame Gedanken. Wenn er über Tisch sitzt, so denkt er: vorhin warst du allein, jetzt aber bist du beieinander. Im Bett, wenn er erwacht, sieht er ein paar Zöpfe neben ihm liegen, die er vorher nicht sah.“ Katharina erweist sich als kräftige Martha in Haus und Anwesen: es war ja das ehemalige Augustinerkloster, in dem Luther als einziger wohnen blieb. Sie verbrennt erst mal die Strohsack-Matratze, auf der ihr Gatte wohl Jahre genächtigt hat ohne sie zu wechseln. Schaut, dass Geld reinkommt zum schmalen Professorengehalt, denn der Bestseller-Autor Luther nimmt kein Honorar für seine Schriften: so werden die Klosterzellen an Studenten vermietet, samt Verpflegung – täglich gilt es im Schnitt vierzig, fünfzig Mäuler zu stopfen: die eigenen sechs Kinder, Gäste, Uni-Lehrer, Studenten, Pflegekinder, Dienstboten, Tagelöhner – zum mittelständischen Unternehmen samt eigener Bierbrauerei wächst ihr Hausstand heran, und Katharina ist die Geschäftsführerin.

Und zugleich hat sie Qualitäten der Maria aus unserer Geschichte: ist offen fürs Wort Gottes. Sitzt nach Tisch als einzige Frau mit in der Runde, - ich nenn es mal: zu Jesu Füßen und auf Augenhöhe mit ihrem Mann. Das wissen wir aus den sogenannten Tischreden Luthers, die manche Studenten mitgeschrieben haben. Sie hört, wenn die Gespräche um hohe Theologie oder praktische Lebensfragen kreisen – und redet mit! Auch beim damaligen Akademiker-Kauderwelsch, dass du den Satz auf Deutsch anfängst und in Latein beendest. Die Studenten geben ihr den Spitznamen „Doctorissa“ – eine Frau, die mitdiskutiert, das geht doch nicht! wollten sie damit ausdrücken. Und ihr Gatte vermisst sie auf seinen Reisen und schreibt in Liebe und Respekt: „Meinem freundlichen lieben Herrn, Frau Katherin von Bora, Doctor Lutherin. Lieber Herr Kethe. … Ich füge Euch und Euer Gnaden untertäniglich zu wissen, dass mirs hier wohl gehet. Ich fresse wie ein Böhme und saufe wie ein Deutscher. … Martinus Luther. Dein hertzliebchen.“

Sein handgeschriebenes Testament liegt in unserer Nachbarstadt donauaufwärts: im Evangelischen Landesmuseum zu Budapest. Entgegen den damaligen Rechtsvorschriften setzt er Katharina als seine Alleinerbin ein und bestimmt sie zum Vormund der Kinder. In dieser Frau hat Luther eindeutig „das gute Teil erwählt“. (Lukas 10, 42) :)

Pfarrer Hans-Frieder Rabus