Letzter nach Epiphanias

 

Exodus 3, 1-11

Eltern kann das ja manchmal nerven, wenn ihre Kleinen im ersten Forscheralter sind: die machen vornichts Halt, wollen einfach sehen und erstasten, was das Unbekannte vor ihnen ist. Von der Topfpflanze, deren Blätter man zu essen probiert bis hin zur Steckdose, die befingert wird: der kleine Forscher wird magisch angezogen von allem, was er noch nicht kennt. Mich berühren dabei immer neu die großen, staunenden Kinderaugen, wie sie das Unbekannte betrachten und es im wörtlichen Sinne „be-greifen“ wollen. Und dann das enttäuschte, verständnislose Gesichtchen, wenn die Eltern - manchmal gelassen, manchmal erschrocken oder zornig - sagen: lass das, Finger weg, das ist gefährlich für dich!

Mose ist kein kleines Kind mehr. Es geht ihm aber wie uns allen, wenn wir etwas Seltsames sehen: da brennt ein Busch lichterloh. Aber er verbrennt nicht. Die Flammen werden nicht schwächer und erlöschen am Ende. Was ist das nur? fragt er sich und muss noch näher ran an diese Naturerscheinung. Warum verbrennt der Busch denn nicht? – Mose regt mich an zu überlegen: ist mir das auch schon passiert, dass ich ins Staunen kam und nicht recht zuordnen konnte, was da vor meinen Augen oder in mir selbst geschah? Bei Mose können wir zuschauen, wie sich Gott unsere natürlichen Antriebe zunutze macht. Hier lockt er ihn heran durch die Neugier, die in jedem Menschen schlummert. Gott sendet Signale, unterbricht den gewohnten Alltag, weckt zu besonderer Aufmerksamkeit.

Und bei mir? Gibt es Erfahrungen, die mich ins Staunen brachten? Und wo ich erst im Lauf der Zeit merkte: Hoppla, da geht es ja nicht nur darum, dass ich etwas Interessantes erkenne und erforsche. Da geht es nicht mehr um ein „Objekt“, das ich erkennen will. Sondern da geht es um mich selbst. Im Kern meines Wesens. Bei mir sind es manchmal große Naturerfahrungen, die mich aufschließen können: da ist ja Gott gegenwärtig - das sind nicht nur Bergeshöhen und Wolkenspiel, Abgründe und faszinierende Wasserspiele. Da werde ich unwillkürlich leise, wie wenn da noch jemand da wäre geheimnisvoll und unsichtbar.

Plötzlich die Stimme: Mose, Mose! Ich selber hab noch nie eine Stimme von außen gehört, wenn mein Herz andächtig wurde. Aber mir wurde immer deutlicher im Lauf meines Lebens: es gibt so viel „Sprechendes“ um mich herum – wenn ich’s denn nur zu hören verstünde. Wenn ich nicht in meiner Alltagsgeschäftigkeit und all meinen Selbstgesprächen, was ich als nächstes noch tun muss, dran vorbeileben würde. Deshalb gefällt mir der Schafhirte Mose, wie er innehält, wie er sich stellt und sagt: Hier bin ich. – Ob er weiß, was er damit sagt? Mir jedenfalls fällt es ungeheuer schwer, ganz da zu sein. Ich konzentriere mich auf einen Menschen im Gespräch – und nebenher wandern meine Gedanken irgendwohin, vielleicht ausgelöst durch eine Bemerkung, die ich gerade von ihm höre. Ich will eine Aufgabe ganz zielführend erledigen, vielleicht eine Besprechung leiten, ein Team befähigen, dass es seine Sache gut macht: und prompt erlebe ich, dass sich die Lust zur Selbstdarstellung mit einmischt, wenn ich den Mund aufmache. Dass ich vielleicht witzig sein möchte oder gescheit oder wichtig – und schon bin ich nimmer ganz bei der einen Sache, um die es gerade geht. „Hier bin ich“ – das ist mir auch ein guter Wegweiser für mein Beten in der Stille: das möchte ich schaffen, Gott, einfach nur da zu sein – in mir vor Dir.

Wegen all solcher Schwierigkeiten und doppelten Botschaften meines Wesens finde ich es herausfordernd, streng und barmherzig zugleich, was Gott auf Moses „Hier bin ich“ erwidert: Nein, so ganz hier bist du noch nicht, gibt er ihm zu verstehen. Erde dich erst mal, zieh die Sandalen aus, komm auf den Boden. Und was auf heißem Wüstensand solch nackte Bodenhaftung bedeuten mag, können alle ermessen, die schon mal barfuß über heiße Steine am Strand gegangen bzw. gehüpft sind. Es kann einem heiß werden, wenn Gott ins eigene Leben eintritt und eingreift. Es kann etwas Unheimliches sein, sogar etwas, das wir als Unglück empfinden, das uns aus der Bahn wirft – Erfahrungen, in denen sich Gott verbirgt und offenbart zugleich: mein Leben muss sich ändern dadurch. „Mose verhüllte sein Angesicht, denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen“. In ihrer menschenförmigen Vorstellungsweise zeigt die Bibel, dass wir die Nähe des gewaltigen Gottes nicht aushalten. Dass wir auch Angst und Not empfinden können, je näher Gott uns kommt. Martin Luther drückt das mal so aus: Wenn der liebende Gott uns in seine Arme schließt, kann er dabei auch so fest zudrücken, dass uns die Augen überquellen und die Luft wegbleibt. – Kurzum: einen handlichen, für unser Wohlbefinden und Sicherheitsbedürfnis „brauchbaren“ Gott gibt es nicht. Der Gott, der hier den Mose beruft, und der uns alle ins Leben rief, weil er mit uns etwas Bestimmtes vorhat, dieser biblisch bezeugte Gott ist faszinierend – und zugleich erschreckend. Er lockt mich zum Staunen und heiligen Ahnen – und er hält mich auf Abstand und weckt mir Schauder und Ehrfurcht.

So im Innern umgepflügt wird Mose bereit, den Willen Gottes jedenfalls zu hören, zu vernehmen. Dass es noch ein weiter Weg sein wird, bis er diesen Willen auch in die Tat umsetzt, davon redet der Fortgang dieser großen Berufungsgeschichte. Darauf gehen wir heute nicht ein, sondern konzentrieren uns auf die Absicht Gottes, Heil zu schaffen, sein Volk aus der Knechtschaft zu führen: „Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen“, sagt die Stimme, die sich als Gott der Väter Abraham, Isaak und Jakob vorstellt. Bei allem „fascinosum et tremendum“, wie Religionswissenschaftler sagen - und damit das Lockende an Gott und seine erschütternde, ehrfurchtsgebietende Seite ausdrücken – der Gott der Väter, der Gott Jesu Christi begnügt sich nicht mit solch zwiegesichtiger Heiligkeit. Gott ist nicht nur Ausstrahlung, Energie, spirituelle Kraftquelle. Nein, Gott ist Wille durch und durch. „Dein Wille geschehe – nicht nur irgendwo im Himmel, sondern ganz konkret hier bei uns auf Erden“, lehrt Jesus beten (Matthäus 6, 10). Er weiß, was er damit sagt. Gott will, dass nicht nur ein paar besonders verdienstvollen Menschen geholfen werde. Nein, allen will er helfen und sie zum Leben führen (1. Timotheus 2, 4)! Und das beginnt er exemplarisch mit den ehemaligen Wirtschaftsflüchtlingen im reichen Ägypten, die seit Generationen dort die Drecksarbeit tun mussten. Darum sagt er zu Mose: Ich will dich! Ich will dich zum Pharao senden. Darum sagt er zu dir, zu mir: ich will dich! Weil ich dich liebe. So tief liebe, dass du immer freier wirst dadurch. Frei von Angst. Frei von Eigenwillen und Selbstdarstellungsdrang. Bis du ganz frei bist zum Dienst an den Menschen, die dich heute brauchen. Willst du dich stellen, dich mir zur Verfügung stellen? – fragt Gott bis heute. Und wartet und hofft auf unser ehrliches „Hier bin ich“. :)

Pfarrer Hans-Frieder Rabus