4. nach Epiphanias

Matthäus 14, 22-33

Bei meinen Kindern konnte ich sowas Ähnliches erleben, als sie das Gehen gelernt haben: da stand das Kerlchen, hatte sich aufgerichtet an einem Stuhl, und wollte zu mir herüber. Aber traute sich nicht so recht. Sollte es sich nicht lieber dem sicheren Halt des Wohnzimmerbodens anvertrauen und auf allen Vieren krabbeln? Aber dann ging ich in die Hocke, auf Augenhöhe mit dem kleinen Menschlein. Breitete die Arme aus, lachte es an und sagte: „Komm!“ – Und es schaute mich an, wackelte los mit tapsigen Schrittchen, und bevor es fallen konnte, fing ich es auf, - nein: das Kind warf sich beim Fallen in meine Arme. Mit Lust haben wir das Spiel wiederholt. Gehen lernst du, wenn dich Augen ziehen. Wenn dich Arme erwarten. Wenn sich die Zuversicht festigt: Beim Fallen werde ich aufgefangen.

Bei Petrus, als er das „geistliche Gehen“ lernen sollte, waren Fallhöhe und Meerestiefe unendlich größer und beängstigender. Nicht nur ein Kleinkinderabstand bis zum Fußboden. Sondern Abgründe, Wellen, Sturmwinde des Lebens. Eine unheimliche Geschichte, trotz happy end. In der Nacht sind die Jünger am Rudern. Als wären Wellen und Gegenwind allein nicht genug. Die Nacht – sie steht mir für dunkle Zeiten in unserm Leben. Die können ganz plötzlich anbrechen. Wenn dir ein lieber Mensch genommen wird. Wenn der sichere Boden einer Festanstellung nicht mehr trägt, weil der Betrieb dichtmachen muss oder dich wegrationalisiert. Wenn dein Körper, auf den du dich jahrzehntelang verlassen konntest, nimmer mitmacht und ernste Symptome dich bedrohen. Wenn dir mitten in einer erfolgreichen Karriere allmählich Lust und Kraft ausgehen, weil das, was dich fordern und erfüllen konnte, allmählich fade schmeckt oder dich überfordert: wie dann weiter? Nacht. Da weißt du nicht, wohin soll ich mich jetzt bewegen? Wo ist das rettende Ufer? Wir Deutschen können so dankbar dafür sein, dass wir ein gutes Sozialsystem haben und uns um medizinisch-therapeutische Versorgung in der Regel keine großen Gedanken machen müssen. Wir sind versichert gegen solchen Gegenwind. Aber wenn du in einem andern Land lebst? Wenn du gar auf der Flucht bist vor Armut und Krieg? Wenn eine neue Regierung anfängt, durch neue Gesetze und Verordnungen den festen Boden unter deinen Füßen wegzuziehen?

Und – es ist Jesus selber, der die Jünger in diese dunkle Situation bringt! Richtig gedrängt hat er sie, schon mal vor ihm über das „galiläische Meer“, den See Genezareth zu fahren. Unmittelbar zuvor erzählt uns der Evangelist von der wunderbaren Speisung der Fünftausend. Ein völlig anderes Signal. Nämlich: Gott sorgt für dich. Das Wenige, das die Jünger an Nahrung bei sich hatten, machte alle satt. Jetzt aber ist nichts mehr mit Fürsorge eines liebevollen Gottes. Nein, in der Nacht sind sie schwer am Rudern, die Jünger – allein! Jesus war auf einen Berg gestiegen um zu beten. Hätte er nicht besser mitrudern sollen, statt sich rauszunehmen aus dem Team?

Dass manchmal Beten besser ist als wild herumrudern, zeigt mir die Geschichte bildhaft: Für Jesus scheint beten eine „Entsorgungsmaßnahme“ zu sein: er legt in der Einsamkeit die schweren Sorgensteine in Gottes Hände. All den Jammer der vielen Menschen, den er mitfühlt; all das Rätselhafte des Lebens, das man nicht verstehen kann; all die Sorgen vielleicht um seinen eigenen Weg, der im Gegenwind der Mächtigen enden wird, - am Kreuz: alle Sorgensteine in Gottes Hände! Du bist der Vater. Du bist der Retter. Du bist Ursprung und Ziel.

Dieses betende „Sein-Herz-Entsorgen“ macht Jesus leichter. Hier gar so leicht, dass er übers Wasser geht. Hin zu den Jüngern in ihrer Bedrängnis. Die schreien vor Entsetzen. „Ich bin’s“, beruhigt sie Jesus. Manchmal wünsche ich mir es auch so deutlich: dass Jesus in allem Unerklärlichen und Gespenstischen des Lebens mir sagen möchte: Sei getrost, ich bin’s. Dass er sich mir offenbart. Dass sich in ihm Gott selbst mir zeigen möge im Leben. Gott, dessen dunkler Name doch genau so lautet: „Ich bin, der ich bin. Ich werde sein, der ich sein werde“. (Ex 3, 14) Ich bin für dich da. Auch in der Nacht. Ohne dass du mich je begreifen kannst.

Groß an Petrus finde ich, dass er prüfen und unterscheiden will: Bist du’s wirklich? Oder ein Nachtgespenst, aus Angst geboren? Und dass er bereits weiß: Ob es Gott ist, das kannst du nie theoretisch herausbekommen. Sondern nur praktisch, mit deinem ganzen Lebenseinsatz. Indem du über Bord gehst. Die Grenzen deiner Vernunft hinter dir lässt, die Schranken deiner Lebenserfahrung übersteigst – hier bei Petrus: dich aufs Wasser wagst. Und nicht durch eine Gottestheorie im Voraus weißt: wird es mir zum Wasser des Lebens, oder gehe ich drin unter? Im Wasser. In Meerestiefen. Im abgründigen Gott?

Komm her! sagt Jesus. Zu Petrus. Zu dir und mir in unsern Sturmesnächten. Komm her! – Und Petrus geht, geht mir voran, wie das kleine Kind auf den Vater zu, so seinem Jesus entgegen. Und kann gehen! Ein paar unsichere Schritte. Kann wahrhaftig gehen – gehalten nur von der Kraft der Augen, die sich treffen. Gehalten vom Blick der Liebe und von dem Wort, das ihn einlädt: Komm! – Und sobald Petrus rausrutscht aus dieser magnetischen Gotteskraft der Augen, die einander begegnen, sobald er die Zielspannung, die geistliche Fokussierung auf Jesus hin nimmer halten kann, siegen Wind und Wassertiefen, - und er bricht ein. Wie wir alle immer wieder einbrechen mit unseren kleinen Schrittchen Glauben, die wir zu tapsen vermögen. Und wenn uns Jesus mal wieder auffängt und hält nach einer schweren Nacht - er sagt das nicht vorwurfsvoll: „Warum hast du gezweifelt?“ Nein, der Evangelist wählt hier ein Wort, das im Ursprung bedeutet: gleichzeitig nach zwei Seiten hin tappen wollen. Also die Zentrierung verlieren, die Ausrichtung nimmer halten können, weil der Blick abgeirrt ist auf die Wellen. – Immer wieder wird das Jesus tun, nach mir greifen, mich halten im Sinken. Damit meine Augen es lernen, seinen Blick zu erwidern und darin Halt zu finden im Grundlosen. Und damit meine Seele sich übt, im wahrsten Sinn „aus Zuversicht“ zu leben. :)

Pfarrer Hans-Frieder Rabus