2. So. n. Epiphanias

Exodus 33, 17b-23

 Da war ein ziemliches Durcheinander gewesen um Mose. Mit Gottes Hilfe hatte er das Volk aus der Sklaverei geführt. Der Weg in die Freiheit ging durch die Wüste. Prompt hielten die Leute diese Durststrecke nicht aus. Man wollte die sprichwörtlichen „blühenden Landschaften“ schon in wenigen Jahren sehen. Langen Atem aufbringen bei so komplexen Fragen wie Freiheit, Menschlichkeit, Verantwortung und Gottvertrauen? – Fehlanzeige! So ist das mit dem Goldenen Kalb passiert: die Leute sind um eine Leitfigur herumgetanzt, die ihnen schnelle Lösungen und volle Taschen versprach. Wir sind das Volk, haben sie geschrien und sich nicht darum geschert, wie kurzatmig die Twitterbotschaften daherkamen: heute so – morgen das Gegenteil davon. Der Katzenjammer nach diesem Tanz um populistische Leitbullen war groß damals. Gott hatte unmissverständlich gezeigt: wer Bauch und Bauchgefühle zum Maßstab macht für Freiheit, der wird jeden Morgen neu zittern um seine Börse, statt sich sicher zu fühlen und frei. So saß Mose in der Klemme: der Anführer - abgesägt vom Volk, das seinen achtsam-hörenden Führungsstil satt hatte. Der Gottesfreund – deprimiert, ratlos. Wie soll es weitergehen? Gibt es Anzeichen? Stärkung der Zuversicht, dass Gott auch in unserem menschengemachten Durcheinander am Wirken bleibt? „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ bittet Mose. Ich brauch neue Klarheit; ich muss dich spüren können in meinem Leben, Gott!

„Mich selbst, - unmittelbar spüren?“ fragt Gott zurück. „Das geht nicht. Es würde dich erdrücken, so viel Gott.“ Worum es geht in der Bitte des Mose und in der von mir ausgemalten Antwort Gottes? Wir nennen es mit dem Fremdwort „Präsenz“. Die hebräische Bibel nennt es „Kavod“. Das bedeutet wörtlich „Gewicht“. So wie wir von einer „gewichtigen Persönlichkeit“ sprechen, und meinen dabei nicht Kilogramme, sondern: die muss man unbedingt ernst nehmen, ihrem Einfluss kannst du dich nicht entziehen, was sie sagt, hat Gewicht. Die Serafim an Gottes Thron meinen seine Kavod, wenn sie die Worte singen, die wir im Sanctus der Messe ihnen nachbeten: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll!“ (Jesaja 6, 3) Voll von Kavod.

Gott direkt im Leben spüren, das geht nicht, lernen wir hier bei Mose. Seine heilige, erschütternde Gegenwart würde uns blenden, verzehren, vergehen lassen – so atemberaubend groß und nah, gewaltig und schön ist Gott. Doch wir wollen der Antwort nachsinnen, die Mose hinter diesem Nein der Unfasslichkeit Gottes empfängt. Da nennt ihm Gott seinen Namen und Wesen in einer fassbaren Weise, nämlich: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“ – Na, so ganz fass ich das auch nicht. Weil Gott zweimal dasselbe von sich sagt. Ist es eine „Tautologie“, wie die Sprachwissenschaft Aussagen nennt, die nichts Neues bringen, weil nicht das Eine durch etwas Anderes genauer beschrieben wird? – Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig… Mose ist am Schlingern. Weiß nicht, wie es weitergehen soll. Wie er weitergehen soll mit dem Volk, das ihm aus dem Ruder läuft. Auch ich war im Leben schon manches Mal fertig. Und zu Beginn eines neuen Jahres spüre ich besonders: eigentlich muss ich den Weg sehen können, der vor mir liegt. Im persönlichen: wie es nach schweren Erfahrungen oder Krisen weitergeht. Ob ich gesund bleiben werde. Ob Beziehungen mich tragen – oder fallen lassen. Möchte auch im Blick auf das Durcheinander in Europa, in der ganzen Welt etwas bekommen, das meiner Sorge wehren kann: wird das halbwegs geordnete Miteinander der Völker aus dem Ruder laufen? Werden sich Großmäuler, Selbstdarsteller, Machtmenschen durchsetzen und wird die Kriegsgefahr dadurch noch steigen?

„Ich steh euch Menschen für Gnade, immer neu“, sagt Gott. „Mein Gewicht, meine Ehre ist Barmherzigkeit, ist unbedingte Liebe und Treue zu euch Menschenkindern.“ – Was das bedeutet, darf Mose hier auf anschauliche und anrührende Weise erleben. „Du willst mich spüren, armer Mose, du zerbrechliches und kostbares Menschengeschöpf? – Komm, stell dich hierher, in einen Felsspalt am Berg Sinai. Ich halte meine Hand über dir, zum Schutz und Trost, während mein Feuer und Gewicht und Herrlichkeit durch Welt und Wüsten stürmt und auch dir stürmische Zeiten nicht erspart. Meine Hand ist über dir: du wirst vom behutsamen Gott vor dem allzu wuchtigen und dunklen Gott geschützt. Bekommst Raum, Schutz, wenn’s eng wird in deinem Leben.

Hinterherschauen darf Mose. Das ist mir auch schon öfters so gegangen: in der Krise selbst war ich verbiestert oder verzweifelt. Konnte mir nicht vorstellen, wie es weitergehen soll. Wenn eine Trennung unausweichlich war. Wenn ich eine Absage bekam genau da, wo ich dachte: das ist meine Stelle, das wird mein Weg. Hinterher, da hab ich manchmal gemerkt: Wow, da kam ja neuer Segen, neues Leben, neue Freunde, mit denen ich nicht gerechnet hätte. Es ging nicht nur „irgendwie“ weiter mit mir. Nein, das könnte Gott gewesen sein bei mir. Und er hat nicht gespart mit seiner Güte. Auch wenn es mir als das krasse Gegenteil vorkam, solange ich drinsteckte in der Klemme. – Nehmen wir’s als Mutmach-Geschichte, was wir heute von Mose hören. Klar, wir wollen sehen, wie es weitergeht mit uns im neuen Jahr. Wollen spüren, dass Gott erkennbar mitgeht. Habt Vertrauen, sagt uns die Mose-Geschichte, auch wo es eng ist und der Weg dunkel. Es könnte die Hand Gottes sein über dir. Hinterherschauen, das ist alles, was wir tun können. Gott hinterherschauen, wie er uns vorausgeht in seiner Gnade. So wagt euch Schritt für Schritt auf eure Wege – und tauscht euch hinterher, z.B. an Silvester mal aus: wie gnädig und gegenwärtig Gott euch doch gewesen ist in diesem Jahr. :)

Pfarrer Hans-Frieder Rabus