Heiliger Abend "Großwerden"

Lukas 2

Großwerden – das wollen alle. Mit meinen Enkeln singe ich öfters das Kinderlied: „Wir werden immer größer, jeden Tag ein Stück. Wir werden immer größer, das ist ein Glück! Große bleiben gleichgroß oder schrumpeln ein“ – und dann lachen die Kleinen lauthals, wenn Opi vor ihnen demonstrativ zusammenschrumpelt. Sie lachen und singen mit Begeisterung die Schlusszeile: „Wir werden immer größer, ganz von allein!“ Kleinsein, das will keiner. Denn da hast du nichts zu melden. Da bestimmen die andern. Darum:

Großwerden – das wollen alle! Nicht nur Kinder. In diesem Jahr hat der Drang zum Großwerden wunderliche, auch gefährliche Blüten getrieben. Da posaunen Despoten und Patrioten von Ost bis West dieselben Schlachtrufe hinaus: Wir machen unsere Nation groß! Wir machen sie wieder groß, so tönen sie. Als wollten vermeintliche Feinde ihre heilige Nation kleinhalten: der feindselige dekadente Westen z.B., die verächtlich gemachte EU, die nur Geld koste; die Weicheier von Sozialpolitikern, die mit ihrer Vorsorge gegen Armut oder Krankheit nur die freie Entfaltung von Banking & Business verhinderten. Und vor allem: die Fremden! Die Fremden sind’s, die uns kleinhalten. Da sind sich alle einig: die ehemaligen Kommunisten, die Kapitalisten, die Populisten, und auch die angemaßten Christen, die das „Christliche Abendland“ verteidigen wollen. Dabei oft nicht mal wissen, wie eine christliche Kirche von innen aussieht. Aber nein: die Fremden halten uns klein, fressen unsere Sozialleistungen weg, verhindern, dass wir unser Volk großmachen. Manche versuchen sogar, den jüngsten so schrecklichen Terroranschlag zu verallgemeinern: alle Fremden im Land seien gefährlich.

Was dabei rauskommt, wenn Menschen ganz, ganz groß sein wollen, sei’s als Einzelne, sei’s als Nation, zeigt das Weihnachtsbild, das ich dem Liturgieblatt beigelegt habe. Der Spanier Juan de Borgoña (Die Geburt Christi, um 1497 Kathedrale Cuenca, Beuroner Kunstverlag Nr. 2185) stellt die Geburt Christi nämlich in einen besonderen Rahmen: Es ist ein verfallenes Haus, ein Palast, eine Kirche vielleicht? Wer nur hat das Gebäude so ruiniert? Prächtige Marmorsäulen tragen ein Dach, das man mit Schilf-Reet ausbessern musste. Und der Ort, an dem üblicherweise der Größte platznimmt, die Apsis im Thronsaal – da sind die Mauern eingestürzt. Eine Ruine ist das. Sie gibt den Blick frei hinaus aufs Feld. Dort sind gerade Hirten. Geblendet vom Licht in der Nacht hören sie die Botschaft des Engels, symbolisiert durch das Spruchband in seinen Händen. Und diese Botschaft lautet: „Ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.“ – Ja, ihr habt recht gehört, ihr Möchtegern-Großen, die ihr das eigene Volk vergöttert, sagt der Engel: „allem Volk“ ist diese Freude zugesagt. Das gehört mit zur Grundausstattung des vielbeschworenen christlichen Abendlandes. Andernfalls ruiniert ihr es selber, euer Vaterland, euern Mutterkontinent, indem ihr seine Seele zerstört. Weil ihr euch Groß-Sein nur so vorstellen könnt, dass ihr andere kleinmacht.

Wie macht es dagegen Gott? Das sehen wir am Kind in der Krippe. Nicht mal Windeln hat es an, das arme Kerlchen. „Er liegt dort elend, nackt und bloß“, so haben wir zu Anfang gesungen. Obwohl Maria das Kind in Windeln gewickelt hat, stellt es der Künstler hier nackt dar. Warum? Er weiß offenbar, dass Gott das Kinderlied umgekehrt singt, und unsere erwachsenen Machtspiele als unausgegorene Kindereien bloßstellt. „Ich werde immer kleiner – das ist mein Glück!“ so singt Gott. Ich Schöpfergott will nahe sein meinen Menschen, meinen Geschöpfen, die ich so liebe. Hautnah muss ich bei ihnen sein. Deshalb bleibe ich nicht Geist oder Energie oder ferner, kosmischer Gestaltungswille. Nein, ich muss Mensch werden, ich muss verletzbar sein, so wie meine Menschenkinder. Die kommen mit nackter Haut zur Welt, zerfleischen sich oft in nacktem Hass. Das müssen Menschen in Berlin jetzt so schrecklich erleben. Aber Gott verzweifelt nicht und gibt nicht auf. Er hält fest am Gegenpol zum nackten Hass, und sagt: Meine Menschen können auch das, sich in nackter Liebe selbst vergessen und sich einem andern zum Geschenk machen. Einfach so. Weil es Liebe ist. Schenkende, selbstlose, mutige Liebe. Die stärker ist als Angst, Egoismus, Hass. Da muss ich hin, sagt Gott und zeigt es uns durchs Krippenkind: hin zu meinen Menschen. Will sie ziehen und formen durch meine Verletzbarkeit und Liebe. Immer tiefer muss ich sie locken und befreien von ihrem Hass, ihren globalen Sündenfesseln – sie herauslocken muss ich aus ihren Todesspiralen, hin zur Liebe.

Diese Entscheidung Gottes ist kein Pappenstiel. Das zeigt der Weg Jesu. Das herzige Krippenkind endet am Kreuz. Von allen verhöhnt: das hast du nun von deiner Gewaltlosigkeit und Liebe. Terror und Gewaltreligion ist mächtiger… Aber heute feiern wir Weihnachten, immer noch, nach zweitausend Jahren. Weil wir spüren: wenn Gott so tickt, sein Lied nach dieser Melodie der Liebe singt, dann gibt es Hoffnung. Dann können Menschen aufhören, ihre Welt zur Hölle zu machen. Dann wird sich das Schwache, das Sanfte und Friedliebende durchsetzen am Ende. Allen großtönenden Despoten und Patrioten und Terroristen zum Trotz. Schaut, deshalb strömen sie hin zum Krippenkind von allen Seiten. Einfältige Hirten. Hochgebildete Wissenschaftler, die dem Stern folgen. Sie nehmen uns mit zum Kind. Da ist für alle Platz. Für „alles Volk“. Ja, selbst für ausgewachsene Esel und richtige Rindviecher... J

Pfarrer Hans-Frieder Rabus