3. Advent

Lukas 3, 1-14

Warum nur erdet der Evangelist Lukas seine Geschichte in der Politik? Nennt lauter Herrscher seiner Zeit? Will er uns nötigen, dass wir erkennen: Wenn das Wort Gottes „geschieht“ zu einem Menschen, dann ist das konkret, nicht spirituell abgehoben? So dass heute unser Predigttext vielleicht so beginnen müsste: In der Zeit, als Populisten ihre Hassbotschaften ungestraft veröffentlichen konnten; in der Zeit, als sich die Gefängnisse eines Möchtegern-Sultans mit Regierungskritikern füllten; als mit Unterstützung eines modernen Zaren Krankenhäuser in Aleppo bombardiert wurden; in der Zeit, als die Völker Europas die Fundamente ihrer Staatengemeinschaft einzureißen begannen; als die westliche Vormacht ins Taumeln kam und einen Präsidenten wählte, der ihre eigenen Werte von Wahrheit, Respekt und Menschenwürde verriet… - in diese Zeit hinein „geschah das Wort Gottes“. Zu Johannes dem Täufer geschah es damals. Er war davon gepackt, musste wie ein Prophet warnen, mahnen, öffentlich zur Änderung der Lebensweise aufrufen. Im Unterschied zu manchen Propheten vor ihm hatte Johannes Erfolg mit seiner Bußpredigt: die Leute strömten massenhaft an den Jordan. Sie wollten durch die Taufe ein neues Leben beginnen. So packend aktuell war das Wort Gottes, dass bis heute von Johannes erzählt wird in den Evangelien. Lasst uns nachspüren, was das für Impulse sind, die da Menschenherzen in Bewegung bringen.

Das erste nenne ich: Ausmisten. Ich höre das heraus aus dem Jesajazitat: „Bereitet den Weg des Herrn“. Meist geht es nicht so pompös zu wie beim sprichwörtlichen Roten Teppich: dass man den Empfangsbereich sorgfältig fegt, dann den Teppich ausrollt, eine Militärkapelle auffährt und dem hohen Gast entgegenfiebert. – So klare Regeln gibt es leider nicht, wenn wir uns für Gott bereitmachen wollen. Der Kirchenvater Augustin sagt: Gott ist das, was noch intimer in mir ist als mein tiefster unbewusster Persönlichkeitskern. Deshalb gibt es keinen spirituellen Roten Teppich, den ich nur auszurollen brauche, und dann mache ich eine Gotteserfahrung. Nein, Gott kommt ganz individuell zu jedem Menschen. Sofern er Platz findet. Denn da beginnt unser Problem: Wir sind beschäftigt mit Beruf, Beziehungen, Besorgungen; wir sind in Beschlag genommen von Erfahrungen, schmerzlichen Wunden, Wünschen und Sehnsüchten – halt restlos ausgefüllt mit Leben sind wir. Dass mein brausendes Leben meist keinen Raum mehr lässt für Ungeplantes, Unerwartetes, das merke ich oft, wenn ich nur eine Weile still sein will: da schwirren die Gedanken, kommt Unerledigtes hoch und stellt den Innenraum meines Geistes voll wie ein Möbellager. – Deshalb: Ausmisten als erstes. Was darf jetzt Priorität beanspruchen, was muss warten, und was vor allem ist es gar nicht wert, dass ich ihm Aufmerksamkeit schenke? Wenn ich eine ebene Straße haben will, muss Schotter bewegt werden: Löcher aufgefüllt, in die ich regelmäßig tappe; Hürden abgetragen, die mir den Blick versperren. Wenn ich dabei von mir auf andere schließe, muss ich sagen: Die Hauptarbeit der Seele, die sich für Gott bereit machen will, ist das Ausmisten, das Wegschaffen von Lebens-Schotter. Bisher bin ich immer noch nicht fertig damit…

Den zweiten Impuls des Johannes nenne ich Aufmachen. Ich lese das ab aus den Fragen der Leute an ihn. Er hatte sie völlig undiplomatisch abgewatscht: Ihr Otterngezücht, woher nehmt ihr die Gewissheit, dass euer Lebensstil immer so weitergehen kann und nicht in einer Katastrophe endet? - dem künftigen Zorn Gottes, wie er das nennt. – Erstaunlich: die Leute lassen sich das bieten. Die lassen nicht den Rolladen runter und den Prediger links liegen. Nein, sie machen ihr Herz auf fragen: Was sollen wir tun? Und diese Frage geben sie über die Jahrhunderte an uns weiter. Was sollen wir tun, dass wir adventlich leben, also bereit für Gott, der da kommen will in Liebe? Johannes antwortet ganz personbezogen. Den Besitzenden sagt er: gewöhnt euch das Teilen an. Den Geldmenschen, in seiner Zeit waren das die Zöllner, sagt er: lernt eure Gier zu zügeln, denn Geld ist eine Droge. Den Machtmenschen, bei ihm die Soldaten, sagt er: Meidet Unrecht bei euren Einsätzen und nutzt eure Macht nicht zur Erpressung.

Diese fallspezifisichen Ratschläge regen mich an zu fragen: An welcher Stelle hab denn ich so meine Hänger? Meine Verführbarkeiten? Meine Reflexe, mich durchzusetzen und meinen Eigennutz, meine echten oder vermeintlichen Bedürfnisse über alles zu stellen? Das ist nicht so einfach, sich hier ehrlich etwas einzugestehen. Weil vieles schlicht zu unserer menschlichen Natur gehört und deswegen nichts moralisch Verwerfliches ist: dass ich Besitz habe und ihn verteidige. Dass ich Bedürfnisse und Wünsche habe. Dass ich Selbstbewusstsein, Stehvermögen habe und mich zur Wehr setze, wenn mir da jemand ans Eingemachte will. Das gehört zu einer gesunden Persönlichkeit. Trotzdem: In seinen drei Beispielen ruft Johannes nicht bloß zur Mäßigung auf: Übertrteibt’s halt nicht, ansonsten seid ihr ja schon ganz ok. Nein, dieser Vorbereiter für Christus sagt mir: Du, alle deine Bedürfnisse und Ängste und Vitalitätsimpulse – mach sie auf. Mach dich auf für Gott, der dich genau an diesen empfindlichen Regionen berühren will. Und vielleicht segnen. Aber vielleicht als Schritt dorthin auch: wehtun und Unsicherheit erzeugen. Der Apostel Paulus beschreibt dieses Hergeben unserer Lebensimpulse ins göttlich Unsichere hinein so: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2, 20). Unsere Taufe bildet das symbolisch im Voraus ab: da muss was untergehen, sterben, damit ich ganz aus Gott leben lerne und meine Seele geöffnet ist für ihn.

Das Dritte nach dem Ausmisten und Aufmachen ist das Ausprobieren. Da hört das Predigen auf und die Lebenspraxis beginnt. Was ist jeweils dran, wenn aus allem Gott mich meinen könnte? Ist sowas wie Mildtätigkeit geboten gegenüber jemand Armen? Ist Großherzigkeit dran, wenn mir jemand etwas schuldig geblieben ist? Geht es um klare Kante, Zivilcourage zugunsten Schwächerer, wenn an Stammtisch oder im Netzwerk die Hassmäuler sich austoben? Geht es einfach um Treue: dass ich mein Tagwerk tue so gut ich‘s kann, und damit das Gemeinwohl mehre? – Nehmt‘s als Fragen und Wahrnehmungshorizonte für den inneren Radarschirm einfach mal mit heute und probiert es aus – wann und wie Gott euch eben herausfordert. Zur Liebe. Und zum Heil. :)

Pfarrer Hans-Frieder Rabus