Ewigkeitssonntag

Offenbarung 21, 1-7

Trostbilder – Mütter wissen, wie wichtig die sind, und Therapeuten ebenso. Wenn wir tief versehrt sind in unseren Seelen, brauchen wir Bilder heilen Lebens. Für Kinder können das Märchen sein, wo am Ende der verspottete kleine Däumling - sein Glück macht! Wo die schwachen sieben Geißlein - gerettet werden und der verschlingende Wolf am Ende im Brunnen untergeht. Wenn Menschenseelen nicht wissen, wohin mit all ihrer Angst, Scham, Wut und Ohnmacht, in die sie gestürzt wurden durch schlimme Erfahrungen, brauchen sie als erstes Geborgenheit, einen sicheren Ort. So wie manche Flüchtlinge eigentlich nur das suchen in Europa: einen sicheren Ort, wo sie nicht mehr mit dem Tod bedroht sind. – Doch garantieren kann das niemand. Einen absolut sicheren Ort vor der letzten Gewalttat, dem Tod, gibt es nicht.

Umso tiefer spricht mich der Seher Johannes an mit seinem Trostbild. Ein neuer Himmel, eine neue Erde. Nachdem auf unserer alten Erde so elend viel Blut fließt und Tränen. Lasst uns ein wenig herumgehen in diesen Bildern, die sich überlagern, weil eines allein es gar nicht ausdrücken kann. Solch unvorstellbar „sicheren Ort“, den Gott schenkt und schafft.

Die Wellen – vergessen! So das erste Bild. Das Meer ist nicht mehr. Sie fragen vielleicht: Was soll daran schön sein? Vielleicht bekommen Sie gerade dann innere Friedensbilder, wenn Urlaubserinnerungen aufsteigen an ein wunderbar gekräuseltes warmes Meer? – Die Bibel sieht im Meer dagegen das Unheimliche: Das kann sich im Leben plötzlich auftürmen zu meterhohen Wellen, die über dir zusammenschlagen. Du wirst geschüttelt, du bist am Untergehen, der Atem wird dir heute noch knapp, wenn du nur drandenkst… – komm, sagt der Seher Gottes, du darfst das jetzt vergessen! Alles, was dich hinunterziehen will und verschlingen – es ist nicht mehr. Welche Aussichten! Leben ohne Abgründe des Bösen, ohne Sümpfe von Angst und Schuld, ohne Wellen der Gewalt – nur mehr leben!

Anstelle des Meeres von Leid, Not, zerbombten Städten – eine Stadt, die von oben kommt! So das nächste Bild. Anstelle all der Irrgärten von Trauer und Einsamkeit, durch die manche hindurchmüssen im Leben, - offene Straßen und Plätze. Stadt: da triffst du Leute, da hast du Wohnrecht, das spielt Lebensmusik, und wie! Von oben herab kommt diese Stadt, von Gott aus dem Himmel. Eigenartige Vorstellung. Wir ahnen vielleicht, warum, wenn wir die biblische Gegengeschichte danebenhalten: Was daraus wird, wenn Menschen von unten hinauf ihre Städte bauen, zeigt die Stadt Babel mit ihrem Turm. Das ging ordentlich schief. Und seither immer wieder, vom zerstörten Jerusalem aus der David-Salomo-Zeit, über die Ruinen des alten Rom bis hin zu den so schrecklich zusammenstürzenden Twin-Towers in New York. Menschen sind nicht nur Städtebauer, sondern zugleich die größten Zerstörer. – Doch was von Gott herabkommt zu uns, ist nichts als Liebe, - das Stichwort „Braut“ verrät’s: Liebe und Schönheit neigen sich herab.

Und ich staune: Dass sich Gott diese für ihn typische Bewegung einfach nicht nehmen lässt - bis zuletzt! Seine Herabneigung, seine nicht endende erbarmungsvolle Liebe. Die hat ihn ja schon bewegt, Mensch zu werden, sich herabzuneigen in unser armes Fleisch und Blut. (EG 23, 2) Diese Zu-Neigung lässt den Vater seinem gebeutelten Sohn, der schuldbewusst heimkehrt, mit offenen Armen entgegenlaufen (Lukas 15). Und jetzt die Braut, die Stadt, das neue Jerusalem – in derselben Bewegung aus dem Himmel herab. Zuneigung Gottes wortwörtlich. Damit auch noch der getretene Mensch ganz unten hoffen und vertrauen soll: Bis in meine Tiefe herab kommt Gott. Selbst in die traumatisierten verschlossenen Kammern meiner Seele, hinunter in meine Abgründe und Verzweiflung kommt Gott. Damit in seinen bergenden Armen alles angeschaut und ausgesprochen und im Licht erlöst werden kann in dieser Stadt, wo sich die Labyrinthe und Irrwege unseres Lebens ordnen zu gangbaren Straßen.

Einer wohnt in dieser Stadt, der durchdringt alle Straßen und Plätze, ist einfach da: Gott selbst. Kein Tempel oder Königspalast, - nein, die „Hütte Gottes“ ist nah bei den Menschen. Das Wort meint sogar: Zelt. Leben mit Gott – auf Tuchfühlung. Was sind das für Aussichten! Die Mauern, Trennwände aufgehoben zwischen Menschenwelt und Gottes unzugänglicher Heiligkeit. Unsere unbeholfene Einteilung in „Diesseits“ und „Jenseits“ – weggewischt, überholt. All die Rätsel unseres Lebens, wo wir mit dem Kopf und unsern Fragen immer wieder schmerzlich auflaufen wie an eine Wand – gelöst; erlöst. Gott wohnt im Zelt, auf Zuruf erreichbar. Die Schmerzen um unsere Verstorbenen; dass wir Menschen vermissen und sie nicht mehr erreichen; Schmerz auch über eigene dunkle Seiten, Missverständnisse, Lebensfehler, die nicht mehr zu ändern sind: Überwunden durch den, der da ist, der alles durchdringt, für alle Raum hat in seiner Stadt. „Seine Völker“ werden sie sein, für alle wird er Gott sein ganz nah. So werden in dieser Stadt auf Tuchfühlung leben Israelis und Palästinenser, Serben und Kosovo-Albaner, Amerikaner und Russen, Deutsche und Zuwanderer. Und werden einander verstehen und lieben, hingeschmolzen in Gottes liebender Nähe.

Wundert es Sie noch, dass Gott zur Mutter wird im nächsten Bild? Eine Mutter, die sich nicht zu gut ist, ihre Hände nasszumachen mit unseren Tränen. Abwischen wird er die von unsern Augen – wie zart, wie nah, wo gibt es noch einen solchen Gott außer ihm? Und dieser ungeheure Satz: „Der Tod wird nicht mehr sein“, und alles Leiden und Wehgeschrei ist zuende. Denn er macht alles neu, dieser schöpferische Gott, verliebt ins Leben.

Ach wär ich da! Bei ihm. In seiner Stadt. Wo Lebenswasser sprudelt für jeden umsonst. Am sicheren Ort. Von Gottes Liebe bereitet und geschmückt. Damit wir in Tagen der Trauer und offenen Wunden drüber hinausschauen können. Und dadurch Jasagen zum Leben in all seiner Kostbarkeit, seinem Vergehen, seinem Schmerz. O wär‘n wir da! – Aber wir müssen zurück aus diesen Bildern, zurück in unsere eigenen, vielleicht bedrängten Verhältnisse. Und sehen vielleicht heute Abend wieder in den Nachrichten, wie brutal es zugeht in Städten, die den Namen Babylon verdienen, und in Ländern, die für Menschen keine schützende Heimat mehr sind, sondern im wörtlichen Sinne Ausland. Denn dieses Wort bedeutet im Mittelhochdeutschen: Elend.

Zurück gehen wir nachher – aber als Menschen, die vorwärtsgehen. Ich hatte mich in den Bergen mal so richtig im Nebel verlaufen. Wusste einfach nicht: auf welcher Seite muss ich rauf, um über den Pass zu kommen. Da riss der Nebel plötzlich auf und ich sah den Übergang oben im Sonnenlicht. Das riss mich richtig herum von meinem Suchen und Tapsen: da geht’s hin, da will ich rauf! – Noch viel mehr zieht mich das Bild von Gottes leuchtender Stadt. Zieht mich durch die Nebel meines Lebens. Da hinauf will ich! Wo Gott selbst die Tränen abwischen wird. Da will ich hin, wo am Ende all meiner Wege und Irrwege nur noch eines meine Augen überquellen lässt: ewige Freude. :-)

Pfarrer Hans-Frieder Rabus