Reformationsfest

Römer 10, 5-10

Warum Luther die Bibel übersetzt

Wenn ich hinter Mauern eingesperrt wäre und plötzlich ganz viel Zeit hätte, aber keinen Smartphone-Empfang: was würde ich tun? Mich langweilen, Lesen, Schachspielen lernen, depressiv werden? Martin Luther kam auf eine andere Idee, als er im Frühsommer 1521 plötzlich aus dem Verkehr gezogen war: Ein Überfall im Thüringer Wald, heimlich von seinem Kurfürsten eingefädelt, um ihn vor Verfolgung zu schützen. Auf der Wartburg bei Eisenach blieb Luther mehrere Monate versteckt. Musste sich die Mönchstonsur zuwachsen lassen und einen Bart um die Wangen. „Junker Jörg“ wurde er angeredet – ein unbekannter Edelmann.

Was würde ich tun, um solche Einsamkeit auszuhalten? Luther hatte die Idee seines Lebens: Wie in einem Rausch übersetzte er das Neue Testament in elf Wochen runter. Und zwar nicht wie damals üblich, aus der lateinischen Bibel, der Vulgata. Sondern aus der Ursprache, dem griechischen Neuen Testament. Erasmus von Rotterdam hatte es sechs Jahre zuvor als Buch herausgegeben, und Luther konnte sich ein Exemplar besorgen lassen.

Ich weiß nicht, ob das schon länger sein Plan war. Ich glaube eher, Luther kam auf diese Idee, weil die Leute so durstig waren. Sein Weg nach Worms zum Reichstag hatte einem Siegeszug geglichen: in jeder größeren Stadt, durch die er kam, musste er predigen, den Leuten die frohe Botschaft verkündigen. Man muss ihm seine Worte von den Lippen getrunken haben. Offenbar spürten die Leute: das ist so befreiend, was dieser Mönch sagt von Gottes Liebe, das tröstet und macht von Herzen froh! Luther merkt, was es mit den Leuten macht, wenn das Evangelium wirklich bei ihnen ankommt. Also will er dafür sorgen, dass das verlässlich geschehen kann. Dass das Wort Gottes direkt ankommt. Nicht verborgen unter kirchlichen Zeremonien, Ablassgeschäften, lateinischer Geheimsprache bei der Messe. Mit unserm Predigttext gesprochen: Man muss nicht zum Himmel fahren oder in unbekannte Tiefen eintauchen, wenn man Gott sucht. Nein, „das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und deinem Herzen“ (V. 8) Davon war Luther getrieben.

Damit haben wir zwei von drei Gründen und Zielen angesprochen, die Luther nicht mehr losgelassen haben bei seinem Lebensprojekt: die Bibel zu übersetzen. Nämlich: Hin zu den Quellen. Und: Hin zu den Leuten. September 1522 ist sein neues Testament im Druck erschienen, war sofort ausverkauft und musste im Dezember nachgedruckt werden. Dann immer wieder, bis 1534 die ganze Bibel übersetzt war. Sein Freund Philipp Melanchthon und ein ganzes Team hatten Luther dabei geholfen. Sie alle folgten dabei zuerst dem Ziel:

Hin zu den Quellen. Das war der Aufruf des Humanismus. Am besten schaust du die früheste Handschrift an, wenn du wissen willst, wie es ursprünglich heißt. Beim neuen Testament also die griechischen, und beim alten die hebräischen Handschriften. Damals war eine richtige Entdeckungszeit von antiken Schriften. Denn als die Türken Konstantinopel erobert und das byzantinische Reich zertrümmert hatten, waren viele hochgebildete Leute mit ihren Büchern in den Westen geflohen. Das gab den Wissenschaften einen gewaltigen Schub. „Hin zu den Quellen“ bedeutet etwas anderes als „blind alles glauben“. Luther traut den Leuten zu: wenn man sie das Lesen und Verstehen lehrt, werden sie mündig in ihrem Glauben. Sie sind nicht mehr so auf die kirchlichen Autoritäten angewiesen. Sie wollen sich nichts vormachen lassen. „Das Gotteswort ist dir nahe“ – Luther nimmt das ganz ernst. Es kommt als geschriebenes Wort der Bibel aus großer zeitlicher Ferne. Und wird als gelesenes, gesprochenes, gepredigtes Wort ganz Gegenwart. Wird eine Kraft, die das Herz bewegt. Mit Luther halten wir bis heute fest: die christliche Kirche muss hin zu den Quellen ihrer heiligen Schriften. Damit man die recht verstehen kann. Fragen, Zweifel, Kritik um der Wahrheit willen darf niemals verboten werden, wenn es um Heiliges geht. Das Gotteswort muss ganz ohne Vorbehalt ankommen dürfen im Herzen des Einzelnen. Er soll es nicht nur „gehorsam schlucken“.

Hin zu den Leuten. Das hat Luther nicht von anderen übernommen. Sondern das war seine ureigene Liebe zu den Menschen, war seine gigantische Sprachkraft. Es gab schon vor ihm deutsche Bibelübersetzungen. Die hatten aber eine komplizierte Sprache, weil sie mit deutschen Worten das elegante Latein nachbilden wollten. Luther will beim Übersetzen einem anderen Maßstab gehorchen. Er will so schreiben, wie die Leute reden. Das drückt er so aus: „Man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den einfachen Mann auf dem Markt danach fragen und denselben auf das Maul schauen, wenn sie reden, und danach übersetzen. So verstehen sie es dann und merken, dass man deutsch mit ihnen redet.“ Hin zu den Leuten will das Wort Gottes. Durch die Bibel. Durch verständliche Predigt. Durch deutsche Lieder, die Luther dichtet – und dabei oft alte lateinische Gesänge überträgt. Durch inneres Wiederholen und Meditieren der äußeren Bibelworte. „Die Heilige Schrift musst du treiben und reiben (zwischen den Fingern) wie ein Kräutlein“, sagt Luther: dann wird der Duft frei. Dann kommt das unfassbar heilige Wort Gottes zu dir. Lässt sich oft nicht „begreifen“ von deiner Vernunft. Aber will sich bergen in dir und dich mit göttlichem Aroma erfüllen. „Das Wort ist dir nahe, kommt immer näher, bis zum Grund deines Herzens.“ Das hat Luther erfahren, als er über dem Römerbrief brütete und über der Gerechtigkeit Gottes rätselte, die ihm so Angst machte – und ihn so befreit hat. Ganz nah das Wort – zu dir, zu mir.

Und der dritte Maßstab, das dritte Ziel? Für Luther heißt es zeitlebens: Hin zu Christus. „Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet“, - übersetzt Luther den Paulus. In Christus hat sich für den Reformator Gott selbst anschaulich gemacht. In Christus liegt der Grund für die innere Befreiung von Angst und Sünde, die Luther erfuhr. Christus ist ihm der Maßstab beim Übersetzen und Auslegen der Bibel. In atemberaubender Freiheit stellt Luther mit diesem Maßstab die Reihenfolge der Schriften des Neuen Testaments um – bis heute steht der Jakobusbrief in der Lutherbibel weiter hinten als in der traditionsgebundenen Einheitsübersetzung. Seine Kritik an diesem Brief ist, dass er nicht genügend den befreienden Geist Christi zum Leuchten bringe, sondern eher eine gesetzliche Moral. „Was nicht Christus lehrt, das ist nicht apostolisch, wenn es gleich Petrus oder Paulus lehrte. Und umgekehrt: Was (den Herrn) Christus predigt, das ist apostolisch, wenn es gleich Judas, Hannas, Pilatus und Herodes täte.“ – Ganz diesem Christus hat sich Luther an den Hals geworfen und ausgeliefert. Diese Bindung hat ihn unendlich frei gemacht – und zum Werkzeug des Wortes Gottes bis heute. :-)

Pfarrer Hans-Frieder Rabus