21. n. Trinitatis

 

Epheser 6, 10-17

 

Ich hab als kleines Kind wahrscheinlich vieles nicht verstanden, was in dem Abendlied vorkam. Aber fühlte mich geborgen, geschützt, wie von einer unsichtbaren Hülle umgeben: „Dies Kind soll unverletzet sein“ (EG 477, 8), sang die Mutter vor dem Einschlafen, und im Lauf der Zeit sangen wir Kinder die ganze Strophe mit. „Breit aus die Flügel beide, o Jesu, meine Freude, und nimm dein Küchlein ein. Will Satan mich verschlingen, so lass die Englein singen: ‚Dies Kind soll unverletzet sein‘.“ – Später war mir das zu kindlich: wollte ja kein kleines Küken sein, das unter dem Flügel der Glucke Schutz sucht. Und das mit dem Satan, der mich verschlingen will, das habe ich vor allem in der Jugendzeit, als die Mutter schon längst nicht mehr am Bett gesungen hat, und erst recht im kritischen Theologiestudium weit von mir geschoben. Soll doch an einen Teufel als dunkle Person glauben, wer das braucht: Fundamentalisten und andere unaufgeklärte Gemüter mit ihrem schwarz-weiß-Weltbild – ich wähnte mich da weit drüber…

Nachdenklicher wurde ich, als ich im Lauf des Lebens merkte: die Weltpolitik taumelt von einem Sumpf in den andern, und nichts wird draus gelernt: Vietnam – die Amerikaner versinken in einem Sumpf von Freiheitspathos und Schuld. Afghanistan 1 – nach zehn Jahren zog sich die Sowjetunion leise wieder raus, um nicht allzu beschämt dazustehen, während die Nato in der ganzen Zeit die einheimischen Islamisten gut aufgerüstet hatte. Irak - die öffentliche CIA-Lüge vor der UNO als Kriegsbegründung. Afghanistan 2 – erstmals wir Deutschen dort mit im Sumpf. Jugoslawien: wir in der EU haben zu lange weggeschaut, statt den Volksstämmen auf dem Westbalkan frühzeitig eine gemeinsame Friedensperspektive zu eröffnen. Syrien – alle haben schmutzige Finger, Freund-Feind ist inzwischen ununterscheidbar, und die armen Menschen vor Ort leben und sterben im Rachen der Hölle, wenn sie nicht schaffen zu fliehen. „Will Satan mich verschlingen…“ – es gibt Kräfte, die machen selbst aus guten Absichten, hier z.B. Menschen vor ihrem Diktator zu schützen, etwas Verhängnisvolles und Todbringendes: das Wort „diabolisch“ kommt mir in den Sinn. Denn „diabolos“ – daher unser Wort Teufel, „diabolos“ heißt „der Durcheinanderbringer“.

„Zieht an die Waffenrüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anschläge des Teufels“, sagt der Epheserbrief. Ihm geht es zuerst um den persönlichen Horizont dabei. Denn auch die sachbezogenste Interessenpolitik kommt aus Menschenherzen und wirkt sich immer aus auf unsere Seele: ob wir hoffnungsvoll in die Zukunft schauen oder deprimiert vor lauter Ausweglosigkeiten. Ob wir den Fanfaren der Angstmacher und selbsternannten Abendlandsverteidiger Gehör schenken, oder nüchternen Blick üben und Mut zur Menschlichkeit. Kurzum: unser Predigtabschnitt handelt von der christlichen „Ausrüstung zum Widerstand“. Und ist trotz der alten militärischen Bilder hochaktuell, indem er fragt: Was braucht’s, damit Christen den Schreiern, Hass-Schürern, Angstmachern, Gewaltaposteln widerstehen können? Ich greife drei Bilder heraus, wo uns die „Pfeile des Bösen“ in Brand setzen wollen:

Ein Einfallstor ist das tiefe Empfinden: „Die anderen sind schuld“. Dieser Mechanismus klappt bei kleinen Kindern, wenn sie streiten und zur Rede gestellt werden. Der klappt bei Populisten, die Überfremdungsängste oder Sozialneid schüren. Das klappt perfekt bei Völkern vor, während und nach eines Krieges. Da brauchen wir hierzulande nur vergleichen, was serbische und kroatische Zeitungen schreiben, wenn es etwa um Kriegsverbrechen aus den eigenen Reihen geht: Die andern sind schuld und haben angefangen…

Deshalb braucht ihr den Gürtel der Wahrheit, sagt der Epheserbrief. Nicht immer nur die andern sind schuld. Nein, es wohnt auch in dir. Als Person, als Gruppe, als Volk. Der Diabolos versucht im Trüben zu fischen. Er rührt den Schlamm niedrigster menschlicher Instinkte auf um zu verhindern, dass du dir selber ins Herz sehen magst und deine eigenen Anteile erkennst. Der Gürtel hält bei der antiken Soldatenrüstung alles zusammen: So werdet Freunde der Wahrheit, damit ihr am Ende nicht „ohne Hosen dasteht“ und beschämt klein beigeben müsst. Christen tragen den Gürtel der Wahrheit, und auf dem steht: auch du bist ein Sünder, aber einer, den Gott liebt.

Das nächste Einfallstor für die zerstörerischen Pfeile des Bösen: die Haltung „da kann man nichts machen“. Das ist die Haltung derer, die schweigen, wenn z.B. Bundeskanzlerin, Bundespräsident und unsere ganze Demokratie öffentlich beleidigt werden. Und wer kennt da nicht sein klopfendes Herz, wenn eine Situation Zivilcourage von mir verlangt? Der Epheserbrief dazu: Doch, man kann was machen. Hier im Beispiel kannst du den Mund aufmachen. Und auch wo du wirklich nichts ausrichten kannst – geht nicht, gibt’s nicht… Denn du trägst den Schild des Glaubens. Manchmal ist er dir zu schwer, ich weiß. Weil die Tatsachen eine so andere, gewaltvolle Sprache sprechen oft. Aber ergreife ihn immer wieder neu, den Schild des Glaubens. Komm, wo es dran ist, zu Montagsgebeten, trag deine Kerze der Gewaltlosigkeit wie damals in Leipzig. Eine schwache Ausrüstung zum Widerstand war das in den Augen der Stasi und der Scharfschützen. Aber sie hat die Pfeile des Bösen abgewehrt, - die Kerze, der Schild des Glaubens. Die Revolution in Deutschland verlief ohne Blutvergießen.

Die andern sind schuld. – Da kann man nichts machen. – Als drittes Einfallstor nenne ich das Bewusstsein: „Wir haben keine Macht“. Das beschreibt leider nur zu oft die Wirklichkeit von unterdrückten Menschen. Sie haben tatsächlich keine Macht. – „Aber Geist“, hält der Epheserbrief dagegen: Nehmt das Schwert des Geistes. Christen bekommen einen ganz besonderen Geist geschenkt: dass sie durch die Dinge, auch durch ihre eigene oft schlimme Lage irgendwie hindurchblicken können. Als gäbe es da noch mehr. Als hätte man was zu hoffen in hoffnungsloser Welt. „Wort Gottes“ nennt der Epheserbrief dieses Geistesschwert, das da unterscheiden hilft, was vom Diabolos ist und was von Gott. Und sagt damit: das ist nicht deine eigene Klugheit. Sondern das ist Christus, ganz nah bei den Leidenden. Christus, der das Wort genannt wird, der Logos. Weil er Gott zu den Leuten bringt, mitten in ihr Herz. So dass manche beten können entgegen aller Not: „Dies Kind soll unverletzet sein.“  :-)

Pfarrer Hans-Frieder Rabus