20. n. Trinitatis

Markus 1, 29-39

Ich weiß jetzt nicht, wen ich hier besser verstehe: die Leute aus Kapernaum oder Jesus. Wenn einer solche Heilungsgaben hat wie Jesus – ist es da ein Wunder, dass die Leute zu ihm kommen mit all ihren Krankheiten und Nöten? Es geht zu wie in der Praxis eines beliebten und erfolgreichen Arztes: volles Wartezimmer, lange Fristen, bis du überhaupt einen Termin in der Sprechstunde kriegst, - und dankbare Patienten, die von ihrer Krankheit und ihrer Heilung weitererzählen. Prompt machen sich immer noch mehr Menschen auf den Weg und hoffen, dass Jesus auch ihnen hilft. Ein Riesenauflauf war das vor dem Haus, in dem Jesus war: die Straßen und Plätze der Stadt Kapernaum werden zum Wartezimmer für Kranke. Ich kann die Leute voll verstehen: wer krank ist, sucht doch dort Hilfe, wo er sie kriegt.

Aber wenn ich mir Jesus anschaue, kann ich auch ihn verstehen. Es wird ihm einfach allmählich zu viel. Das war ja eher Zufall gewesen, dass die Schwiegermutter des Petrus bei seinem Besuch krank war, und dass er ihr so schnell helfen konnte. Vielleicht konnte Jesus gar nichts dafür. So wie es mir geht, wenn ich in einem Kummer oder Lebensproblem mit einem verständnisvollen Menschen sprechen kann. Manchmal hab ich da schon hinterher gesagt: jetzt geht es mir viel besser. Und der andere denkt vielleicht: ich hab doch gar nichts gemacht; hab doch nur mitgefühlt und zugehört.

Die Leute sehen also in Jesus einen Arzt. Zu ihm wollen sie auf jeden Fall in die Sprechstunde. Am besten soll er in Kapernaum bleiben und eine Praxis aufmachen. Mit Räumlichkeiten dafür würde man ihn sicher unterstützen. – Doch Jesus sieht sich nicht als Arzt in unserem Sinn. Er geht weg, leise, ganz früh am Morgen. Braucht er einfach Erholung, einen freien Tag? Will er auf andere Gedanken kommen, nachdem er so viel Not und Elend sah?

Nein, Jesus geht in die Einsamkeit, um zu beten. Was mag er da wohl mit Gott besprochen haben? Hat er manche der Kranken, die ihn besonders beelendet haben, nochmals vor Gott angeschaut? Wir würden das heute „Coaching“ nennen: nochmals mit Abstand auf das draufschauen, was ich tu und was das mit mir macht, und es mit anderen Fachleuten besprechen. Dadurch kann ich das, was ich tu, noch besser tun. Vielleicht noch mehr Leute noch erfolgreicher heilen, wenn ich mir Jesus anschaue.

Doch schnell ist Schluss mit der Einsamkeit: Petrus und die anderen Jünger kommen und machen ihm fast Vorwürfe: Wo bleibst du denn? Man braucht dich doch so! Du kannst doch die Leute nicht hängen lassen, wenn sie sich solche Hoffnungen machen. Heute wär das etwa so, wie wenn man sagt: die Kirche muss doch allen helfen. Sie muss das tun, was die Leute von ihr verlangen. Wozu braucht man denn die Kirche sonst, wenn nicht als Sozialhilfe an den Stellen, wo der Staat nicht so recht ran will?

„Wir gehen jetzt woanders hin“, sagt Jesus. Das ist dicker Tobak. Alle wollen was von ihm – und er geht einfach!? Da braucht’s aber gehörig Mut und Stehvermögen. Und es braucht Klarheit, was seine Aufgabe wirklich ist. Diese Klarheit hat Jesus offenbar im Gebet und Gespräch mit Gott gefunden. Wozu bin ich wirklich da? Wenn ich das weiß, dann kann ich auch dazu stehen.


Evtl. kleines Gespräch mit Kindern:

  • Kennt ihr das auch: manchmal muss ich zu viel gleichzeitig tun? Alle wollen was von mir!

  • Was macht ihr dann? Noch mehr, noch schneller… ?- Oder ein bisschen so wie Jesus: der geht einfach raus und kriegt Abstand.

  • Überlegt mal: was tu ich gern, damit ich wieder „zu mir komme“: spielen, Ferngucken, Unsinn machen, mit Mama/Papa kuscheln… usw.

  • Wer schlägt im Gesangbuch auf: Lied 391, 2? – Die erste Zeile ist so, wie wenn ihr aus dem, was da drückt, kurz rausgeht mit Jesus… („Soll’s uns hart ergehn, lass uns feste stehn!“)


Was können wir Erwachsenen tun, wenn uns allzu viele Erwartungen und Aufgaben drücken?

Was uns Jesus heute zeigt, bringe ich auf die Stichworte:

Spüren – sich ausrichten – sich loslassen

Spüre bei dem, was du tust, immer auch in dich selber hinein. Bist du noch in der Balance? Bist du fremdgesteuert? Stimmt deine Aufgabe noch für dich? – Am besten täglich „rausgehen“ für eine halbe Stunde: meditieren, beten. So üben wir das innere Spüren (Hinweis auf Exerzitien im Alltag nächstes Frühjahr)

Frag dich, egal, ob dir Beten als inneres Gespräch mit Gott zugänglich ist oder nicht - frag dich, wenn’s mal wieder ganz eng und zuviel wird: Wozu bin ich eigentlich da? Hier an diesem Ort, in dieser Aufgabe, in diesen nahen Beziehungen und Konflikten? Kann das fließen, sich schenken, gelebt werden, was mich ausmacht in meinen Kompetenzen und meinem Wesen? Da erkennen wir bei uns manches selber; vieles indirekt, durch Reaktionen anderer Menschen, - aber so ganz und gar wissen wir nie über uns Bescheid.

Wenn mir manches wieder neu unklar ist, versuche ich es wie Dietrich Bonhoeffer: den hat vieles bedrängt, innere Zweifel und Ängste, die äußere Lebenslage als Gefangener: braucht ihn Gott und wird ihn retten? Wird er seine Pläne doch nicht ausführen können, weil so viel dazwischen kommt – einschließlich der Gefahr, dass man ihn umbringt? Wenn sich da wieder alles in ihm gedreht hat und er keine Antwort wusste, dann hat Dietrich sein Herz über all die Unsicherheiten hinübergeworfen zur Treue Gottes und gesagt: „Wer ich auch bin, - du kennst mich und liebst mich. Dein bin ich, o Gott!“ :-)

Pfarrer Hans-Frieder Rabus