18. n. Trinitatis

 

Römer 14, 17-19

Was jetzt, Paulus?! Kennst du die Geschichte nicht, wo Jesus das Reich Gottes gerade mit Essen und Trinken vergleicht, mit einem großen Festmahl? (Lk 14, 15-23: Schriftlesung) Warum bist du so genussfeindlich? – „Weil ein Tischtuch ein ganz heikles Ding ist“, könnte der Apostel antworten. „Man kann gemeinsam darauf essen. Aber man kann es auch zerschneiden.“ – In der Tat war das Tischtuch zerschnitten zwischen verschiedenen Gruppen der römischen Gemeinde, an die Paulus schreibt.

Da ist die Hausfrau, die aus dem jüdischen Glauben heraus Christin wurde. Sie ist koscheres Essen gewöhnt: man isst bestimmte Dinge nicht, z.B. Schweinefleisch. Das überträgt sie auf ihren christlichen Lebensstil und kauft beim Metzger kein Fleisch. Denn egal ob Rind, ob Schwein, ob Geflügel, - es war zuvor auf den Altären für römische Götter gelegen, bevor die Reste der Opfertiere für den Verkauf freigegeben wurden. Ist also nicht koscher.

Und da ist der römische Geschäftsmann in derselben Gemeinde. Er hat schon immer dem Gott Merkur, dem himmlischen Fachmann für Kaufleute, geopfert. Eine ganz normale Verdienstausfallversicherung war das damals. Seit er Christ ist, opfert er zwar nicht mehr. Aber warum soll er seine Ernährung umstellen? Selbstverständlich wird für seinen Haushalt weiterhin Fleisch beim römischen Metzger gekauft.

Über solche Unterschiede beim Essen haben sich die Christen in Rom so richtig gezofft. Ihr seid engstirnig, bigott! – hat man den Fleischverzichtern vorgehalten. Ihr seid lasch und im Grund noch Heiden geblieben! - drehten die den Spieß um. – „Jetzt lasst doch diese Kindereien“, schreibt Paulus nach Rom. „Im Reich Gottes geht’s überhaupt nicht ums richtige Essen und Trinken. Sondern um Gerechtigkeit, um Frieden, um Freude – und das jeweils durchdrungen von Geist Gottes.“ – Wie kommt Paulus gerade auf diese drei Stichworte? Ich glaube, er ist ein sehr genauer Beobachter und weiß: Wir Menschen können gerade in religiösen Fragen so leicht engstirnig werden. Und schon ist die frische Atemluft, der befreiende Geist Jesu, futsch. Kaputtgemacht von seinen inbrünstigsten Nachfolgern. Noch kein Dschihad in Rom, aber die seelische Vorstufe dazu…

Nun, hier in Belgrad haben die Leute gewiss dringendere Probleme als ausgerechnet Menüfragen. Was ich aber aus der Diskussion mit Paulus lernen kann, das nenne ich spaßeshalber mal ESP. Sie wissen, das ist für Autos ein elektronisches Programm, das ein Schleudern und Umkippen verhindert. Der berühmte „Elchtest“ steht dahinter. ESP bei Paulus bedeutet „Evangeliums-Schutz-Programm“. Wodurch Christen aus der Kurve fliegen können, ist die Haltung: Ich will es ganz, ganz richtig machen. Dass das nicht aufgeht, hat mich meine Körnerfrau in der ersten Gemeinde unfreiwillig gelehrt. Ich nannte sie so, weil sie ganz konsequent Körnerdiät, Rohkost usw. gegessen hat. Und als ich sie am Krankenbett besuchte, hat sie mir vorgejammert: Ein Leben lang mach ich’s ganz richtig mit meiner Ernährung – und ausgerechnet ich krieg Magenkrebs. Warum ist das Leben so ungerecht, Herr Pfarrer? fragte sie.

Ich konnte ihren Kummer und auch ihren Zorn nachvollziehen. Und musste seelsorgerlich mit ihr die bittere Wahrheit aushalten: Ja, das Leben ist tatsächlich oft ungerecht. Auch wenn du alle Gebote hältst, alle heiligen Diätvorschriften befolgst, - „es richtig machen“ versichert dich nicht gegen Unglück. Versuch’s lieber mit Gerechtigkeit, rät da Paulus. Heute schränke ich dies Wort mal nicht nur auf die Tätigkeits-Seite ein: dass wir z.B. für wirtschaftliche Gerechtigkeit sorgen sollen. Sondern verstehe Gerechtigkeit als innere Wahrnehmung des andern, als Haltung, die das Leben fördert. Z.B. kann man Hühner artgerecht halten, oder leider auch artfremd; man kann ein Holz oder Metall materialgerecht bearbeiten  – oder sieht andernfalls schnell die Folgen. Ebenso muss man sein Handeln dem klug anpassen, wie die Dinge und vor allem die Menschen nun mal sind. Das ist Gerechtigkeit, für die Paulus plädiert. Flexibel eingehen auf die Situation, auf die konkreten Menschen, - immer aus dem Geist der Liebe. So wie es Jesus tat: er verhielt sich „kindgerecht“, als er die kleinen Rotznasen auf seinen Schoß klettern ließ, sie umarmte – und seine Jünger zurechtwies. Die wollten es „richtig machen“, indem sie sagten: „Weg mit euch Bengeln und Gören, unser Meister ist grad heilig drauf und hält wichtige Predigten, da darf man ihn nicht stören…!“ Jesus dagegen wollte diesen Kindern gerecht werden in Liebe.

Das zweite Stichwort „Friede“ zupfe ich nur an, dass es nachschwingt wie eine Saite. Sonst brauch ich bis morgen, es zu entfalten. Ich meine: eine Hauptquelle für Unfrieden war damals in Rom und ist in den Nahostkonflikten und in innerkirchlichen oder zwischenmuslimischen Richtungskämpfen bis heute dies: Die einen wollen frömmer sein als die andern. Sie sprechen deshalb den andern den Glauben, die Wahrheit, und leider oft auch das Lebensrecht ab. Wer nicht auf unsere Weise tickt, glaubt, lebt, ist ein Feind. Nein: das Reich Gottes packt die Verfeindungen an der Wurzel: wo Unfriede, Krieg, Terror ist, da ist nicht Gott, schärft Paulus ein. Da kannst du noch so fromm deine Gebete verrichten und deine Diätvorschriften einhalten.

Ein drittes Wort, das die Engführungen unserer Seele lösen will: Freude. Das Reich Gottes ist Freude. Die Evangelien quellen über vor Freude: den Hirten wird sie verkündigt in der Weihnacht, als Gott zur Welt kam. Die Frauen vor dem leeren Grab am Ostermorgen werden überwältigt davon. Freude, Gott wird abwischen alle Tränen – bis zur letzten Seite der Bibel, bis zur letzten Stunde der Weltgeschichte erstreckt sich diese Verheißung und dieses Gottesgeschenk: Große Freude, darum geht’s im Christentum. Freude am Reich Gottes. Freude durch Gottes Gegenwart trotz aller Lebenskonflikte. Freude miteinander, aneinander in seinen Gemeinden. Paulus durfte den „Freudenkiller“ überwinden, verlernen durch den Geist Christi: die Sorge, die ständig sagt: Das Leben ist ja so gefährlich. Pass auf und schau, dass du alles richtig machst!  Paulus ist mir ein Zeuge und ein Ermutiger: es lohnt sich, auf die Großzügigkeit Gottes zu setzen. Denn er hat uns aus göttlicher Freude erschaffen. Er wird uns mit allen Macken und Schwächen voll Erbarmen gerecht, - und schenkt uns Frieden, größer, tiefer als wir je fassen können. J

 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus