5. n. Trinitatis

1. Korinther 1, 18-25

Man nannte ihn einfach „Weiher“, den kleinen Wald-See beim Dorf meiner Großeltern. Da gingen wir Kinder oft hin in den Sommerferien. Und in diesem Weiher habe ich Schwimmen gelernt. Zwischen Schilf, quakenden Fröschen, tanzenden Libellen und nach Insekten schnappenden Fischen. Schwimmschulen gab es damals noch nicht. Man wuchs als Kind halt solange heran, bis der Mut mitgewachsen war, es auszuprobieren. Ich war da nicht sehr mutig. Hielt immer einen Fuß auf den Boden, um Sicherheit zu haben. Und ließ mir von der riesigen Weide helfen, die am Ufer stand. Die großen Jungs schwangen sich an einem langen Seil, das an einen ihrer Äste gebunden war, weit über den See hinaus und ließen sich ins Wasser plumpsen. Ich kleiner Junge konnte mich an den zähen Weidenzweigen festhalten, die ins Wasser hingen. Die gaben nach, ersparten mir nicht das Strampeln im Wasser. Aber sie gaben auch genügend Halt, so dass ich die Angst vorm Untergehen überwand. Schließlich musste ich nicht mehr auf dem festen Boden Halt suchen mit dem Fuß – konnte mich tragen lassen vom Wasser: ich hatte Schwimmen gelernt!

Viel länger brauchte ich, um zu merken: Religion ist wie Schwimmen-Lernen. Im Studium haben mich Philosophen interessiert, die mir systematische Erkenntnis von Gott und der Welt zu versprechen schienen: Platon, Aristoteles, Hegel; auch Theologen wie Anselm von Canterbury oder Karl Barth, die es wagten, in aller Ehrfurcht den geheimnisvollen Gott irgendwie in ein System des Verstehens zu bringen. Die Bibel – ich muss es zugeben – war mir lange Zeit eigentlich zu „unsystematisch“. Geschichten, Zufälligkeiten, Mythen, Wundersames, Visionäres, - nicht so recht auf einen Nenner zu bringen das alles. Kurzum: Ich war und bin wohl bis heute einer von denen, die Paulus hier „Griechen“ nennt: also Menschen, die es mit dem „Logos“ halten wollen, der Logik, dem klaren Denken und Schlussfolgern. Die keine Denkverbote leiden können, sobald Religion anfängt. Einer, der was unterm Fuß oder in der Hand haben will beim Glauben. Der es be-greifen will. Damit bin ich wohl nicht der einzige in unserer Zeit, wo Wissen und technisches Können unser Leben durch und durch prägt – und Sicherheit verspricht.

Genau mir als Freund des Verstehens und der Kontrolle grätscht Paulus so richtig quer rein mit seinem „Wort vom Kreuz“. Torheit nennt er es – und hat damit Recht. Man kann es nicht verstehen, dass dieser Tod eines Unschuldigen etwas mit unserer Erlösung von allem Bösen, von Schuld und Tod zu tun haben soll. Der Koran muss es leugnen, dass Jesus überhaupt gekreuzigt worden sei. Die Juden um Paulus empören sich (das Wort „Skandal“ steht da sogar im griechischen Urtext): mit einem, der den Verbrechertod stirbt, sollte Gott seine neue Welt bauen, in der der Tod nicht mehr das letzte Wort hat?! Ein Buddhist wird „wissend“ nicken und sagen: Klar, Leben ist Leiden und schafft Leiden, solange du am Körper festhältst und an deiner Individualität, die immer von irgendeinem Durst, einem Begehren getrieben ist. – Aber Paulus hat die Stirn, dem allem entgegenzutreten: Das Wort von Christus, dem Gekreuzigten, diese Torheit und Skandal-Vorstellung unter den Weltreligionen, ist eine Kraft, unvorstellbar groß. Verwandelnd. Tragend.

Pfarrer Hans-Frieder Rabus