2016-05-29 1. n. Trinitatis

1.Johannes 4, 16-21

„Herr Pfarrer, Frau Soundso ist sterblich“, hat mir die Gemeindeschwester gesagt am Telefon. Ich hab mich bedankt für die Information und gedacht: Na, sterblich sind wir ja alle. Besuchst halt die Frau mal, auch wenn es dir gar nicht reinpassen will in den Terminkalender. Als ich nach ein paar Tagen immer noch nicht bei ihr gewesen war, kam der Anruf: Sie war gestorben, und jetzt ging es darum, die Beerdigung vorzubereiten. – Das ist mir reingefahren in die Knochen, kann ich Ihnen sagen! Ich hatte unwiderruflich versäumt, die Frau noch lebend kennenzulernen, die ich jetzt zu beerdigen hatte. Ich war gepolt gewesen nach dem Muster: nochmals eine Dienstpflicht zusätzlich. Schieb das mal so, bis es dir in den Kalender passt. Ich hatte nicht erkannt, dass es der Gemeindeschwester um etwas anderes gegangen war als um die Serviceleistung eines Pfarrers. Sie wollte mich und diese Sterbende zusammen mit ihren Angehörigen in eine Beziehung bringen. Sie wollte ermöglichen, dass miteinander gesprochen werden konnte, zugehört, getröstet, ja, gesegnet für den Weg zur Ewigkeit. Ihr war aufgrund ihrer eigenen Spiritualität und der beruflichen Erziehung in ihrem Diakonissen-Mutterhaus ganz selbstverständlich: Liebe braucht Strukturen. Wenn wir Menschen uns nur auf unsere spontanen Gefühle verlassen, fällt vieles unter den Tisch, was das Leben mit Nähe, mit Wärme, mit Liebe erfüllen könnte. Mir als jungem Pfarrer war das eine Lehre damals. Wenn meine geschätzte Gemeindeschwester in ihrer diskreten Art mal wieder sagte: die oder der ist „sterblich“, wusste ich: das darfst du nicht auf die lange Bank schieben, wenn du nicht zu spät kommen willst.

Liebe braucht Strukturen. In meinem Beispiel: dass wir uns in einer Kirchengemeinde gegenseitig unterstützen in der Wahrnehmung: wo ist ein Mensch – oder auch eine ganze Gruppe von Menschen – bedürftig und darf nicht einfach übersehen und hängengelassen werden? – Was Johannes in seinem Brief hier schreibt, will dazu dienen, dass christliche Liebe Strukturen bilden kann: vor allem Charakterstrukturen, persönliche Herzensprägungen. Die sind nach Johannes Grundlage für die konkreten Dienste der Liebe in einer Gemeinde. So lasst uns genauer hinschauen und fragen: Was braucht es, damit Liebe zur Struktur wird und nicht nur von dem Gefühl der Sympathie oder des Mitleids lebt, das so flüchtig sein kann? Wie wird vielmehr Liebe zur Lebenshaltung in einer Gruppe, einer Gemeinde?

Wenn ich recht sehe, wollen da drei Kräfte zusammenwirken: feste Grundlage, mutiges Herz, nüchterner Blick. Das zusammen hilft, dass wir bereitwilliger werden zu tatkräftiger Liebe, zur Solidarität mit denen, die’s brauchen. Mit der Grundlage unserer Liebesfähigkeit beginnt der Abschnitt: „Gott ist die Liebe; er hat uns zuerst geliebt“. – Das ist was, das rutscht mir immer wieder weg im Tageslauf: die Aufmerksamkeit dafür, dass ich von Grund auf geliebt, getragen und beschenkt bin von Gott. Obwohl es mir feierlich auf den Kopf zugesagt worden ist bei meiner Taufe, als der Pfarrer mich gesegnet hat und verkündet, als spräche Gott hörbar zu mir: „Ich habe dich, Hans-Frieder, bei deinem Namen gerufen; ich kenne dich; du bist mein geliebter ‚Schatz‘.“ Nun, als Baby konnte ich mich daran nicht so erinnern. Und vielleicht ticken wir alle so wie jene Frau, die ihren Mann in einem zärtlichen Moment fragte: Liebst du mich? – und er antwortete: Na klar, hab ich dir doch damals gesagt beim Heiratsantrag. - So ganz zufriedenstellend war diese sachlich-männliche Antwort wohl nicht... Liebe braucht Wiederholung und Bestätigung. Gerade im Alltag. Mir hilft dazu, wenn ich das Selbstverständliche nicht als selbstverständlich nehme: dass ich zu essen habe, dass die Natur so großartig sein kann, dass Menschen so schön sind, dass es Kinder gibt und Musik und Kunst und Sport. Dass ich einen Psalm lesen kann, der mir Worte gibt fürs schwer Ausdrückbare, fürs Heilige. Dass mir ein Mensch vorlebt, wie das geht mit der Liebe: Jesus. Egal wie: Hauptsache, ich lasse mich immer wieder zurückführen aus meiner Alltags-Gedankenlosigkeit zum Wunder der Liebe Gottes.

Vom mutigen Herzen spricht Johannes als nächstes: „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus“. Schielen auf mögliche Strafe, Etwas-Falsch-Machen, Gericht - ich hör das so: Maßstäbe, die von außen angelegt werden; Menschen, die andern nach dem Mund reden oder sich nach der Mehrheitsmeinung richten, wen wir denn lieben wollen in unserm Land, und wen alles wir ablehnen – solche Fremdmaßstäbe fressen unsere Liebesfähigkeit von innen her auf. Das gilt schon für partnerschaftliche Liebe: die stirbt, wenn man sich nicht zueinander bekennt – egal, ob es Eltern, Freunden, oder auch der Kirche gefällt oder nicht. Furcht ist nicht in der Liebe. Und es gilt in unsern aufgeheizten Zeiten besonders im Hinblick auf Fremde im Land, dass es den Mut zum Nein aus Liebe braucht: Nein, wir schüren die Ängste nicht mit, wie die Populisten unter uns. Nein, wir machen den Mund auf, wenn die Stammtische ganz genau sortieren wollen: wer gehört zu Deutschland, und wer nicht? – Es ist riskant, zu lieben. Das haben Christen in allen Jahrhunderten erfahren. Aber mit weniger geht’s halt nicht, wenn es denn christliche Liebe sein soll, und nicht nur „Vetterlesliebe“. Jesus hat sich auch riskiert – ganz und gar. Im Heiligen Abendmahl feiern wir das. Es ist Brot, Stärkung der Liebe.

Das dritte nach der Grundlage und dem Mut ist der nüchterne Blick. Ich hör das heraus, wo Johannes sagt: „Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“. Warum muss er das extra betonen? Das Bleiben, die Beständigkeit? Offenbar keine „happy-end-Liebe“, die auf Wolken bettet. Es geht um den langen Weg, um Enttäuschung, auch mit Menschen, die man liebt, um die Kraft, die Liebesfähigkeit immer wieder zu erneuern. In der Liebe bleiben, auch wenn diejenigen, für die ich mich einsetze, sich gerade gar nicht liebenswert aufführen. Gute Lehrer kennen diese Herausforderung im Hinblick auf schwierige Schüler. Gott selbst kennt diese Herausforderung, weil seine geliebte Menschheit oft dermaßen dem Hass huldigt statt der Liebe. Aber Gott bleibt bei uns, um uns, in uns. Darauf hat er sich festgelegt. Zum Zeichen dafür heißt Jesus in den Evangelien „Immanuel“. Das Wort bedeutet: da geht kein hundertstel Millimeter zwischen Gott und Mensch – so nah ist er uns: „Gott ist bei uns – am Abend und am Morgen“ – und lädt mich in seine offenen Arme ein: dass an seinem Herzen mein so wackelig liebendes Herz sich jeden Tag auflädt wie eine Batterie und gestärkt wird, die Menschen in Gottes Namen so zu lieben, wie sie nun mal sind. :-)

Pfarrer Hans-Frieder Rabus