Tinitatis

Römer 11, 33-36

 

Manchmal werde ich unwillkürlich leiser als sonst oder gehe auch beim Wandern wie auf Zehenspitzen. Das passiert mir, wenn etwas besonders schön ist, ein Weg in den Bergen, ein Feld mit wildem Mohn, ein Sonnenuntergang. Manchmal werde ich fast andächtig, wenn ich Menschen sehe in der Stadt: kleine Kinder auf dem Spielplatz, so putzig, anmutig und voller Leben. Ein Liebespaar auf der Parkbank, hingegeben einander, alles um sich vergessend. Ein alter Mensch, gebeugt, mit Einkaufstasche: - so viel Würde, soviel Lebens-Tapferkeit, soviel Leiden vielleicht auch, wenn man all die Runzeln im Gesicht zu lesen verstünde. Welch eine Tiefe ist doch in den Dingen, in uns Menschen zumal. Wie wenn um alles eine geheimnisvolle Aura schwebte, wie wenn immer noch mehr anwesend wäre, als was meine Augen von außen erkennen.

Paulus, bei dem wir heute in die Sehschule gehen, scheint richtig angerührt und voll ehrfürchtigem Staunen. Wir spüren seinen Worten ab: das ist hier nicht der scharfsinnige Gelehrte, auch kämpferische Kritiker von Irrmeinungen, wie wir ihn sonst kennen. Dem Paulus gehen die Worte aus; er fängt fast an zu singen. Irgendwas läuft gerade über in ihm. Wollen wir das „Gott“ nennen, was da in ihm überläuft? Wo seine Seele und all seine Worte hier spürbar zu klein sind, um zu fassen, was ihn erfüllt?

Was bringt ihn so zum Staunen und Loben? Es sind die Wege und Umwege Gottes im Menschenleben. Genauer gesagt: die Wege und Umwege Gottes, die er mit seinem erst-erwählten Volk Israel geht. Paulus kann sich nicht abfinden damit: warum wurde Jesus von den allermeisten Juden, vor allem von ihrer Führungsschicht verstoßen, so dass er am Kreuz enden musste? Und warum lassen sich die heidnischen Städter im römischen Reich viel leichter ansprechen von der Frohbotschaft, die Paulus verkündet, so dass sie an Jesus glauben, - den sie nie sehen konnten? Hat Gott seinen Bund mit Abraham aufgekündigt und sagt: mir reicht’s mit euch Juden, ich such mir andere Völker? - Aber Gott kann doch nicht untreu sein in seiner Liebe, so wie wir Menschen manchmal die erste Liebe verlassen!

Nun, das ist bei aller Ergriffenheit des Paulus eben sein Problem, nicht unser persönliches. Es wurde freilich zum Problem der christlichen Kirche: die hat an mittelalterlichen Kathedralen gerne die „Synagoge“, das meint: die Juden, dargestellt als traurige Frauenfigur, blind, eine Binde über den Augen, einen zerbrochenen Stab in der Hand. Und ihr gegenüber, lachend, triumphierend, eine Krone auf dem Haupt die Figur der „Ekklesia“, das meint die Kirche. Das war die Saat zur christlichen Judenfeindschaft: die hat sich leider immer wieder in Ausgrenzung und Verfolgung von Juden ausgetobt. Paulus konnte das noch nicht wissen. Es hätte ihm das Herz umgedreht. Denn er verkämpft sich doch wie kein anderer unter den Aposteln dafür, dass Juden und Christen von demselben Gott berufen sind und geliebt. – Ich will jetzt seine komplizierte Gedankenkonstruktion nicht nachzeichnen, die er seitenlang unmittelbar vor unserm Textabschnitt entfaltet. Sie läuft darauf hinaus: Christen als ehemalige Heiden haben sich ebenso wie die Juden gegenüber Gott versündigt – nur auf unterschiedliche Weise: umso mehr schließt Gott sie alle in sein Erbarmen ein. Er macht aus dem, was schiefging, einen Weg. Einen Weg zum Heil, zum Leben. Darum kann Paulus nur noch staunen und Gott loben.

Mir ist daran wichtig: Umwege, Fehler, Sünde sind offenbar für Gott kein Hindernis. Im Gegenteil: manchmal kommt ein Mensch erst dadurch, dass ihm etwas zerbricht, in eine lebendigere Beziehung zu Gott und sich selbst. So lasst uns nachsinnen: ist mir das auch schon passiert im Leben? – dass mir etwas so richtig in die Brüche ging; dass ich durch einen schweren Schlag aus der Bahn geworfen wurde; dass ich einen Fehler gemacht habe und an Menschen schuldig wurde? Ja? Auch bei Ihnen solche Zonen im Lebenslauf? – Und - wie ging es weiter? Ging es denn weiter? Wurde gar etwas Neues draus, auf das Sie von allein niemals gekommen wären? Vielleicht unter Angst und Not ein neuer Lebensschritt, wenn man z.B. den Partner verliert oder den Arbeitsplatz oder die Prüfung auch im zweiten Anlauf nicht schafft? – Ich durfte erleben, als ich in einer privaten Krise auch eine schöne berufliche Aufgabe beenden musste: da tat sich ein ganz neuer Horizont auf für mich: neue berufliche Kooperationen, neue Freunde dadurch, eine Weitung des Horizonts auch ökumenisch gesehen. Ich jedenfalls kann nur dankbar sein, dass mein Leben damals einen Knacks bekommen hat. Keine stromlinienförmige Pfarrerkarriere wie zuvor, sondern wie wenn mich das Zerbrechen meines inneren Wertehorizonts und äußeren Bindungen geschubst hätte in einen neuen Lebensraum hinein. Möglicherweise wäre ich heute gar nicht hier bei Ihnen in Belgrad ohne diesen Knacks. Und das fände ich ja nun wirklich schade. O wie verschlungen und wie geheimnisvoll tief können die Wege Gottes mit uns Menschenkindern sein! Und aus manchem Kummer in neue Freude führen.

Solche Erfahrungen haben Christen oft gemacht. Und haben versucht, sie auszudrücken. Als etwas, das offenbar typisch ist für Gott. Dass er nämlich sich verbünden kann auch noch mit unserm Versagen, unserm Unglück, unserer Schuld. Und uns durch all solchen Schlamassel hindurchziehen zu neuem, bewussterem Leben. Christen sehen diese geheimnisvolle Lebensdynamik abgebildet im Weg Jesu: der wurde zerbrochen am Kreuz, und das war nicht nur ein Knacks, sondern der K.O.-Schlag. Und genau dieser Gescheiterte wurde erweckt zu neuem Leben: Ostern, Auferstehung, neues Licht auf alte Leiden und Fehler. So ist Gott auch, haben die Christen in den ersten Jahrhunderten gesagt. Er ist erstens in der Schönheit der Schöpfung, in der Anmut des Kindes, in der Glut von Liebenden, in der Würde und Schwäche der Alten: Gott, der Vater, der Schöpfer. Und Gott ist zweitens in der Sünde, dem Zerbrechen, ja selbst im Tod ist er und zieht seine Menschen ins Leben: Gott, der Sohn, hinabgestiegen in das Reich des Todes – um uns zu erlösen. Und dass wir das heute miteinander betrachten können und froh werden, wie Gott aus allem, auch aus dem Unsinnigen und Unmöglichen, Leben wecken kann und will, das ist Gott der Heilige Geist. Seine unsichtbare Gegenwart, die befreit, tröstet, Lebensmut schenkt. So entstand das, was wir die Trinitätslehre nennen. Als Zusammenfassung von zahllosen Erfahrungen der Menschen mit Gott. Als ein Staunen zusammen mit Paulus über den Reichtum, die Weisheit und die Erkenntnis Gottes. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.
:-)

Pfarrer Hans-Frieder Rabus