Reminiscere

Römer 5, 1-5.8

„Wenn schon Regen, dann in Wuppertal“, - ich musste den jungen Mann einfach ansprechen, der an unerwartetem Ort so ein humorvolles T-Shirt trug: in der theologischen Fakultät der Serbisch-Orthodoxen Kirche. Der Kontakt mit dem aufgeweckten Theologiestudenten blieb. Vor kurzem wurde er gar zu einer „Schlüsselperson“ für mich und ein paar Begleiter: Bei der Festtagsliturgie zur Feier des Heiligen Sava erzählte ich, dass ich noch nie in der großenteils schon ausgemalten Krypta unter dem Riesenbau sein konnte. Er hörte das, sprach unauffällig mit ein paar Bekannten, - und nach einiger Zeit winkte er uns hinunter und zeigte die hell erleuchtete goldglänzende Pracht. Durch ihn als Türöffner kamen wir rein in eine wahre Schatzkammer – künstlerisch und geistlich gesehen. Die Deckenfresken der kreuzförmigen Gewölbeflügel sind je einem Evangelisten gewidmet – wie nun er den Heilsweg Jesu vor Augen malt. Der Student wurde für den Pensionär zum Lehrer: hat mir eines der Geheimnisse dieser serbischen Zentralkirche erschlossen.

„Durch Jesus Christus haben wir Zugang zur Gnade“, sagt Paulus. Christus, den er nur in seiner erleuchteten Gegenwart erleben konnte, nicht wie die anderen Jünger schon zu seinen Erdenzeiten, Christus ist für den Apostel die Schlüsselperson überhaupt. Ihm verdankt er die Antwort auf die Frage: Wie komm ich rein? – Nämlich rein in eine Lebensweise, die nah dran ist am Geheimnis des Lebens? Wenn’s ums Reinkommen ins volle Leben geht, müssen uns andere helfen. Das ist schon mit unserer Geburt so, wo uns die Hände der Hebamme empfangen, wo uns die Mutter hält, wärmt und stillt. Und das geht weiter über Kindergarten, Schule, Lehre, Beruf – immer braucht es Menschen, die uns voranbringen, neue Räume und Möglichkeiten erschließen. Im tiefsten Sinn können und sollen Liebende füreinander Schlüsselpersonen zum Leben sein: sich gegenseitig helfen, dass ihr Wesen, ihre von Gott gewollte Persönlichkeit, immer deutlicher zur Welt kommt. Einander zum Leben helfen, und nicht sich gegenseitig dabei behindern in ichbezogenen Rechthabereien und Konflikten – ich glaub, das könnte eine Zielrichtung des Wunders sein, dass es unter uns Menschen Liebe gibt. Wer ist mir geschenkt – manchmal auch zugemutet – als Schlüsselperson zum Leben?

Paulus muss freilich gar nicht erst ins „verflixte siebente Ehe-Jahr“ kommen mit seiner Christus-Liebe. Von Anfang an gibt’s bei ihm Probleme. Widerstände bei seinen Missionsversuchen. Krankheiten am eigenen Leib. Bockige, aufgeblasene, lernunwillige Christenmenschen. Öffentliche Ablehnung, ja Gefängnis hin und wieder. Schaut sein geliebter Christus ungerührt einfach zu dabei? Die Frage „Wie komm ich rein ins wahre Leben?“ ist scheint’s keine Eintrittskarte ins geistliche Schlaraffenland. Der Alltag stellt uns erst die wahren Bewährungsproben. So lasst uns Paulus anschauen, wie der mit der zweiten Frage kämpft. Und die heißt: Wie komm ich durch?

Gerade noch schwärmt Paulus von seiner großen Liebe Christus. Er rühmt sich der Gnade, die er erfährt. Und schon muss er davon sprechen, dass es Bedrängnisse gibt. Aber das Besondere ist: Der Apostel „rühmt sich auch der Bedrängnisse“. Er jammert nicht. Er sagt nicht: das ist der Beweis, dass Gott mich nicht mehr liebt. Paulus nimmt die Herausforderung an. So wie wir bei Schwierigkeiten alle Kraft und Mut zusammennehmen können und sagen: Das schaffen wir! Oder umgekehrt den Mut sinken und die Liebe erkalten lassen und klagen: Das schaffen wir nie! – Nein, indem Paulus irgendwie ungerührt auch noch vom Widerwärtigen spricht, durch das er hindurch muss, scheint er dahinter ein verborgenes Ziel zu ahnen. Er redet so, als könnten ihm drangvolle Zeiten nicht den Lebensmut nehmen. Als könnten sie die umfassende Liebe nicht aufheben, die ihm in Christus begegnet ist. Auf diese Liebe lebt Paulus zu – durch Dick und Dünn.

Seine Schwierigkeiten sind ihm offenbar wie eine Teststrecke. Ein neues Automodell muss erst auf die Teststrecke, bevor es produziert und verkauft wird. Muss durch Hitze und Kälte, durch Wellblechpisten und sintflutartige Regengüsse, durch Stürme und Hagel im Windkanal. Erst wenn es da hindurch ist, die auftretenden Konstruktionsmängel behoben, wird das Auto freigegeben zum Verkauf. – Nun sind wir Menschen keine Autos. Wenn bei uns was zerbrochen ist in Bewährungsproben des Lebens, lässt sich das nicht einfach wieder ausbügeln oder umkonstruieren an unserm Leib, unserer Seele. Und in meinem Leben geht das auch nicht so geradlinig, wie Paulus hier sagt: Bedrängnis – Geduld – Bewährung – Hoffnung. Bei mir sind Zeiten, wo ich mir vorkomme wie auf einer Teststrecke im Leben, eher Kreisbewegungen: mal geduldig, mal reicht mir’s einfach; mal tiefe Zweifel, ob es überhaupt zu einem guten Ende kommen wird. Und dann doch wieder Hoffnung. Wie eine kleine Flamme, die vom Gegenwind ausgeblasen werden kann. Und doch ein innerer Funke, der sich nicht totkriegen lässt.

Wenn ich in die Augen mancher Flüchtlinge schaue da unten bei der Ausgabestelle von Hilfsmitteln, sehe ich etwas von diesem Funken: trotz aller Bomben, allem Terror, aller Armut, vor der ich davongelaufen bin – es muss doch ein Leben geben für mich. Es wird doch um Gottes willen Leben geben und eine Bleibe auf Zeit, ein Dach überm Kopf irgendwo, eine barmherzige Hand, die Brot für mich hat statt Schläge und Gewehrkugeln. Dieser Funke, oft nur noch matt in den Augen mancher, aber schnell wieder aufglühend – dieser Hoffnungsfunke hält Menschen am Leben. Unsere deutsche Kriegsgeneration, die allmählich vollends ausstirbt, weiß das. Ohne Hoffnung wären sie nicht durchgekommen durch den eisigen Winter 1945 auf der Flucht vor den Panzern.

Wie komm ich rein ins wahre Leben? – Durch Christus, die Schlüsselperson. Wie komm ich durch? – Indem ich die Widerstände als Teststrecke sehe und mein Herz, meine Hoffnung hinüberwerfe zu ihm wie ein Seil ans rettende Ufer, wie einen Ankerhaken in festen Grund, wenn der Sturm mich schüttelt. Wie komm ich an? frag ich mit Paulus zuletzt. Der setzt sein Leben auf den Satz: „Die Hoffnung lässt nicht zugrunde gehen“. – Wirklich nicht? Keiner weiß es im Voraus. Aber wir haben Frieden mit Gott. Weil Christus allen Unfrieden der Welt am eigenen Leib erlitten hat und mit sich in den Tod genommen. Geklärte Verhältnisse. Alle Teststrecken, durch die ich hindurch muss, werden mir diese Grundlage nicht nehmen: Frieden mit Gott. Frieden, wenn auch oft wacklig, im eigenen Lebenslauf mit all seinen Irrtümern, Freuden, Nöten. Friedensbereitschaft gegenüber Mensch und Kreatur. Denn da bleibt was am Strömen jetzt, - ob’s nun regnen mag in Wuppertal oder stürmen in Belgrad. Es strömt und hält uns in allem die Liebe Gottes, - ausgegossen in unsere Herzen. :-)

Pfarrer Hans-Frieder Rabus