Estomihi

1. Korinther 13

Ich hab damals nicht kapiert, worum es dem Mann wirklich ging. Ein treues, tief frommes Gemeindeglied. Voll innerer Jesusverehrung. Eines Tages ist es nach dem Gottesdienst aus ihm herausgeplatzt: „Herr Rabus, ich kann Ihre rotgrünen Atompredigten nimmer hören!“ – Ich hab ihn dann besucht und mit ihm geredet über christliche Verantwortung für die Schöpfung usw. – doch wir fanden nicht zueinander. Was ich ihm bis heute hoch anrechne, und was mich jungen Pfarrer mit erzogen hat: er kam wieder. Immer wieder kam er auch zu mir in den Gottesdienst, nicht nur zum Kollegen, der ihm eher entsprach. Der Durst war zu groß. So groß, dass er sich nicht abbringen ließ durch einen Pfarrer, der ihm das Lebensgetränk des Gotteswortes offenbar nur verwässert darreichen konnte, nämlich zur Moraldosis verdünnt. –

Heute würde ich sagen: Mir hat die Liebe gefehlt. Da war sicher manches nicht falsch, was ich von der Kanzel verkündete, und nach der Explosion des Meilers von Tschernobyl auch tagesaktuell. Aber diesem Mann war meine prophetische Mahnrede dröhnendes Blech und hohles Gescheppere, wie Narrenschellen in der Fastnachtszeit. Seine Seele blieb leer. Weil es einen Unterschied macht und man spürt, ob eine Suppe mit Liebe gekocht ist oder nur nach Rezept. Weil die besten christlichen Taten angestrengt wirken können und schnell moralinsauer werden, wenn sie nicht aus einem vollen Herzen kommen. Einem Herzen, wo was strömt. Einströmt – und herausströmt. Dürfen wir’s „Liebe“ nennen, was da ein- und ausströmt? Und wie werden wir offen für ihre Wärme, ihre sanfte, unwiderstehliche Verwandlungsmacht?

Näher ran an dieses geheimnisvolle Strömen kam ich nach Jahren erst. In einer totalen Konkurrenz-Situation. Auswahlwochenende für eine Ausbildung zu geistlichen Übungen. 36 Personen. Wir hatten vorab eine Art geistlichen Lebenslauf eingereicht, und verbrachten das Wochenende mit Gruppengesprächen, gemeinsamen Meditationen und Gebeten, Einzelgespräch mit den Ausbildern, persönlichen Schweigezeiten. In allem ging es darum: nicht nur meine Beweggründe und Hoffnungen zu klären im Hinblick auf diesen langen Ausbildungsweg. Sondern auch spüren zu lernen: inwiefern ist das Gottes Weg mit mir? Inwiefern „ist es dran“? Bescheid, ob es dran sein durfte, sollten wir nach einer Woche bekommen. – Am Ende dieser Tage war ich zum Überlaufen erfüllt von so viel Kostbarem, was wir ausgetauscht hatten in Gespräch und Schweigen. Unwillkürlich sagte ich vielen zum Abschied: ich wünsch dir so von deinem Wesen her, dass du die Ausbildung machen darfst! – Und merkte erst hinterher: Bist du eigentlich blöd? 18 von 36 dürfen die Ausbildung machen. Wenn Gott deine Wünsche für die anderen erfüllt, wird für dich kein Platz mehr sein.

Ich will das nicht auf gleicher Augenhöhe sehen mit dem, was Paulus hier nur umkreisen und umschreiben kann: Die Liebe ist geduldig. Gütig ist sie, die Liebe. Sie spielt sich nicht auf. Sie sucht nicht den eigenen Vorteil. Sie erträgt alles. – Wirklich nicht in dieser Liga kann ich mitspielen. Aber in der Folge merkte ich ab und zu: da wächst so ein Wahrnehmen des Anderen in mir; da will ein Gönnen strömen vom Herzen her ihm oder ihr gegenüber. Ich tastete herum und nannte diese Erfahrung verwundert in meinem Ausbildungs-Tagebuch: „eine seltsame nichtbegehrende Liebe“. Dieses Neue, das sich anders anfühlt als liebevolle Fürsorglichkeit, verwundert mich oft bis heute. Denn ich kenne mich hinter aller Selbstkontrolle als sehr bedürftigen, sehnenden, - eben begehrenden Menschen.

„Eine seltsame nichtbegehrende Liebe“. Es ist mehr ein Staunen in mir, wenn sich da was in der Richtung regt und ereignet. Es ist kein Ideal, zu dem ich streben kann und will. Da ist zu viel an Kreatürlichkeit, Bedürfnissen, Ängsten, Emotionen, Berührbarkeiten bleibend in mir. Das will ich auch gar nicht loswerden, wenn ich ehrlich bin. Wer hat schon das Zeug zu einem abgeklärten Weisen, den nichts mehr lockt oder aufwühlt? Ich höre auch bei Paulus nicht, dass er aufruft: Werdet jetzt alle zu selbstlosen, gelassenen Geschöpfen. Wenn du dein Selbst mit aller Kraft loswerden willst, kannst du gerade in diesem heiligmäßigen Bemühen - tief in dein Ego verstrickt sein. Luther nannte das etwas derb: den alten Adam ersäufen. Und stellte fest: der Kerl kann ja schwimmen – und taucht jeden Tag neu wieder auf…

Was wir erkennen, sind nur Bruchstücke, meint Paulus. So wie seither jene „seltsame nichtbegehrende Liebe“ in mir herumgeistert, mich nicht loslässt, mir nicht gelingt, - und mich fasziniert, mich bindet an dieses unauslotbare Geheimnis, das wir mit dem großen und abgegriffenen Wort „Liebe“ nennen. Was wir erkennen, sind Bruchstücke. Denn wir sehen den Geliebten, die Geliebte immer nur in verformter Wesens-Gestalt: durch unser Eigenes verformt, durch ihre Eigenheit verhüllt. Verfehlen einander, wo wir uns suchen. Finden und verschmelzen ineinander in geschenkhaftem Liebesglück – und verlieren solche Nähe und seliges Einverständnis im Nu wieder unter Schmerz und Traurigkeit. Wir sehen den göttlichen Liebesgrund wie durch einen uneben geschliffenen Spiegel. Er zeigt und verbirgt zugleich, was Liebe, die von Gott kommt und zu Gott führt, wirklich ist. Immer zurück müssen wir, wenn uns da was anrührt, was nach Liebe duftet. Wenn du’s festhalten willst, entgleitet es dir. Es bleibt dir nur das Warten. Und das inständige Bereitsein deines Herzens vor dem rätselhaften Spiegel.

„Aber dann“ – so schließt Paulus seinen Liebespsalm, aber dann werde ich vollständig erkennen. Und „erkennen“, das ist nichts nur für den Kopf. „Erkennen“, das ist für den Juden Paulus das Erotischste, was seine Sprache überhaupt ausdrücken kann. So wie es am Anfang der Menschenschöpfung heißt: „Adam ‚erkannte‘ sein Gegenüber, die Frau“ – und sie wurden eins - mit Leib und Seele. „Aber dann“, so wartet Paulus, und wartet, und kommt nicht los von der Liebe und streckt sich aus: Erkennen werde ich dich, du Einziger, von Angesicht zu Angesicht. So wie du mich erkennst und durchdringst und entzündest zum brennenden Warten und Tun der Liebe. 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus