Sexagesimä

 

Hebräer 4, 12-13

Da war ich vor kurzem in der Belgrader Ausstellung über den genialen serbischen Physiker Michailo Pupin. Schaute mir Lebenszeugnisse jenes Hirtenbuben aus dem Banat an, der sich Ende des 19. Jahrhunderts in den USA hochgearbeitet hat, so dass selbst ein Albert Einstein diesem Altmeister der Physik mit Verehrung begegnete. Kam auf meinem Rundgang in einen Raum mit der Überschrift „Röntgenstrahlen“ – und: upps! – ein Knochenmann bewegte sich auf der Leinwand vor mir. Gute Idee, das Röntgen-Prinzip so lebendig zu zeigen, dachte ich; - bis ich stutzte: bin das nicht ich selbst, dieses bewegte Gerippe? Ich testete das, tippte mir fragend an den Kopf, winkte, bückte mich - tatsächlich: die Videoanimation konfrontierte mich erstens mit meiner hoffentlich noch nicht allzu nahen Zukunft als Gerippe. Und zweitens mit dem leisen Schrecken: da wirst du von irgendwoher durchschaut und durchleuchtet bis auf die Knochen, und merkst das nicht. Im Ernstfall bist du also nirgendwo sicher vor Beobachtern und Mitwissern.

„Das Wort Gottes dringt durch und durch“ – wenn der Hebräerbrief das so schreibt, müssen wir uns Gott dann als einen gigantischen Nacktscanner vorstellen? Vor dem es keinerlei Geheimnisse geben kann? – Wenn ich nach dem Zusammenhang schaue, in dem der unbekannte Verfasser des Hebräerbriefs auf die Idee kommt, so „einschneidend“ von Gott zu reden, dann merke ich: Seine Adressaten waren seelisch müde geworden. Manche haben sich vielleicht ganz abgeschminkt, dass ihr Leben zu mehr da sei als zum Essen und Trinken, Arbeiten und Genießen, Begehren und Ablehnen, Krankwerden und Sterben. Da scheinen Menschen den langen Atem verloren zu haben, zu dem Christus durch Ostern und Pfingsten aufgerufen hatte: Ihr dürft leben ausgespannt auf ein Ziel, Ihr Christen! Begnügt euch nicht mit den Freuden und Kümmernissen eures Daseins. Erwartet eine Zukunft, eine „Ruhe“, sagt der Hebräerbrief in Anspielung auf Gottes Ruhen als Ziel der Schöpfung. Lebt auf eine Freude zu, ein Verweilen in Seligkeit, die all unsere Vorstellungen von Freude himmelweit hinter sich lässt. Da mag ich eure träge gewordenen Herzen ruhig ein bisschen schubsen, hat sich der Verfasser gedacht, - dass es euch reinfährt bis in die Knochen: Es geht um dich. Weil Gott dich ruft.

Lebendig, kraftvoll, schärfer als ein zweischneidiges Schwert – was will das uns heute sagen? Als erstes eröffnet Gottes Wort einen Raum der Wahrheit. Das kann man so und so verstehen. Ein Untersuchungsausschuss des Bundestags will z.B. solch ein Raum sein, an dem die Wahrheit ans Licht kommt. Der Unterschied bei diesem politischen Vorgehen liegt darin: die Ausschussmitglieder befragen die Vorgeladenen von der sicheren Bank aus. Sie dürfen einseitig den Verdächtigten vernehmen, seine Widersprüche benennen und ihn drängen, die verwickelten Dinge so darzustellen, wie sie passiert sind. Ob irgendwelche Ausschussmitglieder ihrerseits Geheimnisse haben, bleibt außen vor. –

Wenn Gottes Wort einen Raum der Wahrheit eröffnet, ist das anders. Denn Gott steht in liebevoller Beziehung zu seinen Menschen. Gott kann das gar nicht, von einer neutralen Verhörbank aus uns Menschen begegnen.  Er ist immer schon mit auf unserer Seite: mitfühlend, mitfreuend, mitwissend in einer Tiefe, der wir uns selbst gar nicht bewusst sind. Bis auf den Grund von Seele und Geist dringt Gott und wohnt bereits da. Vielleicht können wir diesen Raum der Wahrheit damit vergleichen, wie Menschen anfangen sich zu lieben -  wie wir Menschen da tastend, mit Herzklopfen und Seligkeit uns trauen zu erzählen: was uns das Herz bewegt, worüber wir uns freuen, was wir hoffen und sehnen, wofür wir leben und uns einsetzen, wovor wir uns fürchten. Ein Raum des Vertrauens, ein Raum der Wahrheit, die uns leben lässt, aufleben lässt. Weil das Wort Gottes so unendlich lebendig ist.

Dieses lebendige Wort, das mitten in unserer Welt der Lüge Lebensräume der Wahrheit schafft, ist schärfer als jedes zweischneidige Schwert. Das meint: Es ist eine Kraft der Unterscheidung. Das fällt uns oft am schwersten im Leben: zu unterscheiden, was ist böse, was ist gut in meinen Herzensregungen? Was führt auf die Spur Christi, was führt auf die Spur von Eigennutz, Enge, Ellbogenmentalität? Wo muss ich mich durchsetzen und notfalls auch Stopp sagen, da mach ich nicht mit, oder das lass ich nicht mit mir machen? Und wo muss ich nachgeben, eine lockende Option sausen lassen, bescheidener werden, demütiger, lieber Unrecht leiden als Unrecht tun? – Manche sagen: du musst halt umsetzen, was in der Bibel steht: Zehn Gebote und so. Dann bist du auf dem rechten Weg. Nach meiner Erfahrung lässt sich die Bibel aber nicht einfach anwenden wie ein zeitloses Rezeptbuch fürs Leben. Unsere Aufgabe ist, mit diesem alten Gottesbuch so umzugehen, dass es aus dem geschriebenen Wort herauszusprechen beginnt: ja, an der Stelle bin ich gemeint, eine andere trifft mich jetzt nicht so tief. Manches an solch innerer Unterscheidung schaffen wir allein, wenn wir uns in Ruhe besinnen, darüber beten, meditieren. Bei anderen Fragen ist es besser, ich spreche mit einem Menschen darüber, der ein „hörendes Herz“ (1. Kön 3, 9) hat. Zu zweit haben wir Menschen mehr Kraft zu Unterscheidung und kommen dem näher, was in der Situation eher eine Entscheidung sein könnte – getragen von Gottes Wort.

Raum der Wahrheit – Kraft der Unterscheidung: Auswirkungen des Wortes Gottes. Das dritte nenne ich Weg zum Leben. Das ist in unserm Textabschnitt eher verdeckt von der Vorstellung eines richtenden Gottes. Wenn es aber wahr ist, dass Gott mein Leben nicht als Unbeteiligter anschaut und kritisiert, dann lädt der Hebräerbrief ein, uns ohne Schminke, nackt und bloß, diesem Gott anzuvertrauen. Ich will das immer neu wagen und bitten: Du Wort der Klarheit und Liebe, du schaust mein Leben an mit allem Licht und allem Schatten. Und siehst nicht nur, was ich getan hab und unterlassen, gelitten und ersehnt. Sondern du siehst auch noch, wie es gemeint war im Grund meines Herzens. Siehst, dass ich leben wollte, nur leben - in aller Anstrengung, Not und Lust. Und darüber schuldig wurde an anderen, die auch nur leben wollten auf ihre Weise. Du väterliches, göttliches Wort, dich will ich wirken lassen durch Mark und Bein. Bis mein Leben ganz durchtränkt ist von deinem Licht und deinem Trost. 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus