Septuagesimä

1 Korinther 9, 24-27

War Paulus ein Sportler? Ich finde den Gedanken gar nicht unpassend. Wenn ich all die Fußwege zusammenzählen könnte, die der Apostel auf seinen Missionsreisen zwischen Jerusalem, Antiochia, Ankara, Höhlengebiet Göreme, Ephesus, Thessaloniki, Athen, Korinth zurückgelegt hat, da kämen einige Kilometer zusammen: ein Langstreckengeher. Nicht Nordic-, sondern Mediterranean-Walking. So einer weiß, was Training heißt. Hier schreibt einer, der lebt nicht in den Tag hinein, sondern auf ein Ziel zu. Und er setzt etwas voraus, das spricht er gar nicht mehr extra an, so klar ist es ihm. Nämlich: Leben bedeutet, du bist in der Arena, nicht auf den Zuschauerbänken.

Ich glaub, das hat Paulus von Jesus. Von ihm, dem auferstandenen Gottessohn war er aus dem Sattel geworfen worden. Vorher saß der junge Dschihadist, dieser jüdische Gotteskämpfer, auf einem ganz hohen Ross und wusste ja so genau Bescheid über Gott, und was ein rechter Glaube sei. Das ist ihm zerbröselt, als er im Dreck lag damals vor Damaskus und die Stimme gehört hat: Saul, warum verfolgst du mich eigentlich so siegessicher? -  Er war überzeugt gewesen: wer sich wie Jesus über die Scharia des Mose hinwegsetzt, sich mit Sündern und Ungläubigen einlässt und die Sabbatregeln übertritt, der ist zurecht umgebracht worden und hat den Kreuzestod verdient. – Diese Sicherheit im Urteilen über Gott und im Verurteilen bestimmter Menschen wurde dem Paulus restlos genommen. Er wird Jünger und Botschafter von Jesus, dem Gekreuzigten. Statt Erfolg für die Rechtgläubigen und Verdammung für die Ungläubigen verkündigt Paulus jetzt das „Wort vom Kreuz“. Seine Gegner, die Starprediger von Korinth, haben ihm das kräftig unter die Nase gerieben: Religion hat bei dir ja überhaupt nichts mit Lebenserleichterung zu tun. Du strengst an, Paulus, statt spirituelle Wellness und Lebenskunst zu vermitteln.

„Mein Job ist nun mal nicht, Animateur zu sein für ein religiöses Publikum, das von seinen Plätzen aus applaudiert oder mich ausbuht“, antwortet Paulus. „Jesus, dem ich nachfolge, saß nicht auf den Zuschauerbänken des Lebens. Er war in der Arena, war im Kampf von Anfang bis Ende, vom Berg der Versuchung bis zum Berg Golgatha. Drum hat er ja all die Menschen so angezogen, die auch am Kämpfen sind und nicht wissen, wie sie weiterleben können. Mit hinunter zu ihnen in die Arena ihres Lebens und Leidens ist er gegangen. Und das macht ihn mir nicht nur glaubwürdig, sondern zum Erlöser, zum Heiland. Mit ihm und auf ihn zu will ich meinen Lebenslauf laufen mit aller Kraft und meinen Lebenskampf kämpfen mit ganzem Einsatz.“

Ich bin froh, dass Paulus hier so klar ist. Dadurch hilft er uns, als Christen zu leben. Zwei Trainingshinweise kann ich aus seinem Sportlergleichnis heraushören. Der eine betrifft die Vorbereitung, der andere den Wettkampf selbst. Im Fluss des Lebens geht das nicht nacheinander, sondern ineinander. Man kann sich ja nicht erst aufs Leben vorbereiten, bevor man es lebt, sondern ist gleich mitten drin, vom ersten Atemzug an. Ich bring die Trainingshinweise auf das Motto: Ganz bei mir – und ganz bei Dir.

Ganz bei mir: Das ist die Bewegung der Konzentration, der Aufmerksamkeit und geistlichen Disziplin. Wenn ich leiblich hart am Kämpfen bin: eine Krankheit mich packt wie der Löwe den Gladiator in der Arena, ein Leiden mich umschlingt wie eine Pythonschlange – „ganz bei mir“ kann hier heißen: ich gehe ganz in meinen angegriffenen Zustand hinein und halte mich darin Gott hin: flehend, keuchend, schwitzend, kämpfend eben. Ich versuch mich zu enthalten der Fragen und Wünsche, als könne ich aus der Arena zurück auf die Zuschauerbank: als könne ich eine Erklärung, eine Schuld oder Versäumnis, einen finstern Sinn meines Leidens herausfinden und mich dadurch wie von außen betrachten, darüberstehen. Ich enthalte mich, verzichte auf die vermeintliche Sicherheit einer frommen oder weltlichen Erklärung und bin halt nur ganz bei mir. Lasse meinen kranken Leib Gebet sein – der betet und schreit genug zu Gott.

Wenn ich seelisch hart am Kämpfen bin: eine Schwermut mich runterzieht, eine Lebensangst mich vereinsamen lässt, eine ungelöste Konfliktbeziehung mich festnagelt wie an ein Kreuz – „ganz bei mir“ kann hier heißen: Ich enthalte mich des Urteilens oder des Auslebens meiner Not. Versuche es schlicht so sein zu lassen und wahrzunehmen, wie es um mich bestellt ist. Ohne zu flüchten in innere Selbstabwertung oder äußere Spannungsabfuhr, indem ich mich an Menschen hänge wie an einen Retter oder mich in Menschen verbeiße wie in einen Sündenbock. „Ganz bei mir“ kann auch heißen: Ich kann jetzt nicht mehr beten – und zeige mich gerade darin unverstellt den Augen Gottes. Zeig mich den Augen der unbegreiflichen Liebe, selbst wo ich unterm Gegenteil leide: dass ich allein bin und kein lieber Gott vom Himmel meine Probleme löst.

Ganz bei Dir – das ist die Bewegung der Sehnsucht und Hingabe. Ganz bei Dir, Christus, will ich sein – Paulus kann manchmal nicht schnell genug seinen Lebenslauf durcheilen, weil er so gerne bei seinem Herrn sein möchte (Phil 1, 20ff). Das geschieht für ihn durch die Pforte einer Entrückung oder des leiblichenTodes hindurch. Wie wenn wir sagen: Ich könnte sterben vor Sehnsucht, weil ich nämlich aus mir weggezogen werde Dir entgegen. Und manchmal, da führt dieses „Ganz bei Dir“ den Paulus erst recht immer tiefer in dieses Leben hinein. Zu den Menschen, denen er dient mit seiner Predigt, seiner Seelsorge, seinen Briefen. Gibt ihm auch Licht und ein Durchhaltekraft, wenn er mal wieder im Gefängnis sitzt, weil seine Predigt als öffentliches Ärgernis galt.

Ganz bei Dir – für den Wettläufer ist klar: Wenn ich gewinnen will, darf ich beim Rennen nicht nach dem Publikum schauen. Sondern habe unverwandt das Ziel im Blick. Ganz bei Dir, dies Motto will auch in uns eine geistliche Unterscheidungskraft wecken und unsere Prioritäten ordnen: Von dem Vielen, was ich mit meiner Zeit tun könnte, auch von dem Lästigen oder Schweren, was mir tagtäglich in die Quere kommen kann – was davon wird mich am Ende mehr zu Christus geführt haben, und was wird mich wohl eher abbringen von diesem Ziel und meine Kraft zerfasern auf manche Nebenziele am Wege? Im inneren Selbstgespräch oder mit einem Menschen zusammen uns fragen: Wen meine ich wirklich mit diesem Tun, diesem Engagement? Meine ich mich selbst in meinem Wunsch nach Bestätigung und Ehre? Oder meine ich ganz den Menschen, für den ich arbeite oder ihm diene in Familie, Ehrenamt, Beruf, Gemeinde? Ganz bei Dir. Meist trägt Christus, dem wir entgegenlaufen auf unserm Lebenslauf, das Gesicht meines Nächsten. Denn die Sportdisziplin, in der er uns trainiert, heißt Dienst, Dienst der Liebe gegenüber Mensch, Kreatur und Gott. Ganz bei Dir – wir laufen nicht ins Ungewisse. Sondern, ob sportlich oder hinkend oder taumelnd unter harten Schlägen des Lebens – wir laufen jenem Ziel entgegen, bei dem es keine Ersten und Letzten mehr geben wird. Weil alle gewinnen. Indem alle ankommen in den weit ausgebreiteten Liebesarmen Gottes.

Pfarrer Hans-Frieder Rabus