Christvesper      „Da machte sich auf…“  24.12.2015

Lukas 2, 1-20     

Manche mussten sich erst einen Rucksack schenken lassen an der Ausgabestelle, damit sie ihre paar Habseligkeiten aus den Plastiktaschen reisefähiger verstauen konnten. Andere suchten nur was zu essen oder trinken – und Strom für ihre Smartphones: Sie wollten bald weiter, waren auf Durchreise und machten Zwischenstation in Savamala. Als ich an der Belgrader Hilfseinrichtung in den Lagerbaracken vorbeischaute, war es heiß. Das Durcheinander von Menschen wirkte bedrängend. Und die Frau, die gebrauchte Schuhe anprobierte, weil ihre Sandalen verschlissen waren, zeigte mir ohne Worte:  Es ist kein Zuckerschlecken, so unterwegs zu sein ins Unbekannte.

„Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa…“ – unsere Künstler zeichnen die Weihnachtsgeschichte oft ein wenig weich: ein Mann führt seine schwangere Frau auf einem Esel durch idyllisches Bergland. Die Frauen mit dicken Bäuchen oder Kleinkindern auf dem Arm, die ich an der Ausgabestelle für Babysachen sah, schienen kein Transportmittel zu haben. Aber dass das Geheimnis der Christgeburt etwas mit Wanderungsbewegungen zu tun hat, wird mir in diesem Jahr besonders deutlich: Was ist das doch für ein Gerenne und Gewusel in der Weihnachtsgeschichte! Da kommt erst mal ein Befehl daher vom fernen Kaiser, und der wirbelt die gesamte Bevölkerung durcheinander. Jeder muss an den Herkunftsort seiner Großfamilie. Da steigen die Übernachtungspreise der Herbergen ins Astronomische und die Plätze sind knapp. Da hält es die Hirten nicht mehr bei ihren Lagerfeuern, sondern sie müssen losrennen, um das Kind zu sehen. Da bleibt selbst der Himmel nicht verschlossen, sondern schickt seine Boten auf die Erde. Und nicht mal das Innerste des Menschen ist verschont von der Unruhe: Maria „bewegt“ all das Gehörte in ihrem Herzen.

Weihnachten heißt: Menschen unterwegs. Das ist das erste, was wir hier sehen. Und dass ein Kind unterwegs geboren wird und keinen Platz findet und in der Krippe landet - ist das nicht Botschaft und Spiegel: so geht’s zu auf der Welt, bis heute? Menschen verwehren einander die besten Plätze. Menschen haben kein Sensorium, keinen Raum fürs göttliche Geheimnis. In einer Krippe landet Gott.

Welch ein Glück, dass die Weihnachtsgeschichte damit nicht aufhört! Sondern ihre Wanderungsbewegung setzt sich fort und heißt jetzt: Gott unterwegs. Der Engel des Herrn „trat zu den Hirten“, stand unerwartet neben ihnen, Aug in Aug mit Gottes Boten plötzlich der Mensch. Erschreckend nah sowas. So nah wie Liebe, so nah wie Schmerz, so nah wie mein Pulsschlag – Gott! Lasst eurem Erschrecken nicht das letzte Wort, sagt der Gottesbote. Das erste und letzte im Leben soll nämlich Freude sein. Große Freude. Darum kommt Gott zu dir. Schau es an. In diesem Kind.  – Und sie haben sich getraut, die Hirten. Haben das göttliche Kind angeschaut. Und gespürt: da kommt was rüber, so schwach und elend es ist. Gespür fürs Heilige, Freude, neues Licht im Leben – sowas kommt rüber und geht jetzt mit, weg von der Krippe, den Weg in ihr altes Dunkel, die Nacht. Sie ist jetzt anders und wird anders bleiben. Weil Gott sich aufgemacht hat und unterwegs ist zu uns.

Weihnachten heißt: Menschen unterwegs. Aber Weihnachten heißt noch viel mehr: Gott unterwegs. Und Weihnachten kommt vollends zum Ziel, wenn es heißt bei uns: Herzen unterwegs.

Ich war unterwegs, als ich dieses Foto sah, in einer Zeitung beim Warten auf dem Flughafen. Es sprang mir direkt ins Herz, und ich nannte es spontan: „Heilige Familie auf Lesbos“. Der Fotograf Santi Palacios hat auf dieser Insel ein syrisches Flüchtlingspaar aufgenommen, wie es gerade aus dem Wasser ans rettende Ufer steigt. Was geht einem da so zu Herzen? Ist es Blick und Gebärde der Frau? Scheu, erschöpft, die Hand auf der Brust, als wäre das alles nicht zu fassen, was mit ihr geschieht? – Ist es der Mann, selber aufgewühlt wie die Wellen? Keine strotzende Helferkraft, vielmehr unterstützt und birgt er die Frau - ganz nah und ganz respektvoll zugleich. Ist es die flatternde Wärmedecke im Wind, Umhüllung wie das Goldgewand einer Muttergottes, - hier Zeichen der Not und der Rettung zugleich? Dass da was leuchtet in Angst, Not, Trauer übers Zurückgelassene, Ungewissheit übers Kommende: dass da Gold leuchtet, - Gott?! Ins Elend leuchtet, die Elenden umhüllt?

Herzen unterwegs – darauf zielt Weihnachten. Dazu machte sich auf Josef aus Galiläa mit seiner Verlobten, die war schwanger. Machte sich auf den gefährlichen Weg vielleicht ein Jussuf aus Syrien und seine Maryam, weil die Not sie trieb. Herzen unterwegs: so machten ihr Herz auf  Menschen in Belgrad und unterstützten die Flüchtlinge mit Gaben, mit Spiel-Angeboten für Kinder, mit praktischer Hilfe. So machten auf manche in Deutschland auch ihr Haus und nahmen eine Flüchtlingsfamilie in ihre Einliegerwohnung. So machten viele auf Mund und Meinung, taten sie öffentlich kund auf Demonstrationen, auf Bahnhöfen, als die Züge kamen, in Leserbriefen: Machten Herz und Mund auf für den Fremden in seiner Not und Würde. Sind damit nah am Weihnachtsgeheimnis, das immer unwillkommen ist auf der Welt wie ein unzeitiges Kind. Dennoch Christus uns geschenkt! Mitten hinein in alle Unmenschlichkeit. Damit es endlich, endlich Friede werde auf Erden. 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus