3. Advent, 13.12.2015

1. Korinther 4, 1-5

Paulus putzt. Er reinigt seine Beziehung zu den Korinthern. Und bringt darin auch seine Gottesbeziehung neu zum Leuchten. Er hatte nämlich Probleme mit dieser Gemeinde. Die war Fanclub eines Star-Predigers. Neben dem sah Paulus richtig mickrig aus. Ihnen sagt er: Es kommt nicht drauf an, ob ich ein mitreißender Redner bin. Es kommt vielmehr darauf an, dass ich mit Gottes geheimnisvollem Weihnachtsgeschenk sorgsam umgehe. – Für mich ist dieser Briefabschnitt eine Anleitung zum Weihnachtsputz. Die Seele saubermachen, damit Gott kommen kann. Und mir sein Geschenk anvertrauen. 

 

Was muss raus? – frage ich als erstes. Meine Seele ist oft wie eine unaufgeräumte Wohnung: vollgestellt, zugewachsen mit Besitztümern, Aufgaben, Schmerzen, Wünschen. Was davon hindert, dass Gott ankommen kann? Paulus bringt es hier auf das Stichwort „Urteilen“, - „Richten“ nach der Lutherbibel. Wir neigen dazu, das Leben einzuteilen in gut und böse, Menschen zu bewerten, ob sympathisch oder nervig, interessant oder Schlaftablette auf zwei Beinen. Natürlich brauchen wir unser Urteilsvermögen. Die Menschheit hätte nicht überlebt, wenn man nicht weitergegeben hätte: Apfel ist gut, aber Fliegenpilz ist gefährlich. Und ohne Qualitätsbeurteilung würde ein Auto pannenanfällig, eine Ausbildung schlampig, eine Verwaltung korruptionsanfällig. 

Aber im Hinblick auf Gott ist „Urteilen“ ein Hindernis. Und zwar deshalb, weil wir selbst dabei der Maßstab sind. Vielleicht die Norm: es muss mir gut gehen, dazu ist Gott da. Meine Bitten müssen erfüllt werden, sonst zweifle ich an ihm. Oder auch: Ich muss brav sein, sonst verurteilt mich Gott zu Höllenstrafen. – Wir können einfach nicht anders, als unser Leben zu bewerten. Selbst wenn wir vom Kopf her merken, das macht uns eng und selbstbezogen. Wir kriegen aus eigener Kraft vieles nicht aus uns raus, damit Gott Platz findet.

 

Was muss rein? ist die Frage, die wir dem entgegenhalten wollen. Rein, um in uns aufzuräumen. Antwort: Ein Sinn fürs Geheimnis muss rein. Mysterium, nennt das Paulus.  Von der Wortbedeutung her sind Mysterien das, was ich nur mit geschlossenen Augen sehen kann. Das, was ich erkenne, wenn ich die Möglichkeiten und Begrenzungen meiner fünf Sinne hinter mir lasse. Jedenfalls versuchsweise. - Aber mach das mal, wenn dich was plagt und dir vieles rätselhaft erscheint im Leben! Mir hilft es manchmal, wenn ich das Rätselhafte, auch Schmerzliche meines Lebens betrachte als Begleiterscheinung. Als Nebenwirkung davon, dass Gott mein Herz weit machen will. Mein Verständnis dessen, was gutes, gottvolles Leben ist, dehnen will, groß machen, immer noch größer, bis es wehtut. Denn die Geheimnisse Gottes, die er uns in Jesus, dem Christus, offenbart, nehmen den Schmerz mit herein und schließen ihn nicht aus. Als sei Schmerz mit Gott unvereinbar oder wertlos für uns Menschen. 

Die Geheimnisse Gottes, an denen wir alle herumbuchstabieren. Etwa: Im Menschen - ist Gott. Im Tod - ist das Leben. Im Dunkel - das Licht. Unsere Feste - Weihnachten, Karfreitag, Ostern -  sind Gefäße, diese Geheimnisse zu empfangen und zu verehren. Und die Vorbereitungszeiten auf diese Feste wollen dazu dienen, dass wir es üben, unsern Urteilsgeist zur Ruhe zu bringen. Das Betrachten üben: eine Kerze, ein sprechendes Bild, einen Bibeltext, einen Liedvers still betrachten. Es richtig üben. Wie ein Kind, das auch nicht auf einen Schlag gehen oder sprechen, malen oder schreiben kann. 

Was muss raus? – das Bewerten unseres Lebens. Was muss rein? – das Betrachten der Geheimnisse.

 

Was hält sauber? frage ich zuletzt. Antwort: bewahren und erwarten. Von Treue redet Paulus, die ein Verwalter braucht in seinem Wesen. Sonst veruntreut er das anvertraute Gut. Nicht nur Geld, - auch Gottes Geheimnisse können veruntreut werden. Getrübt und in ihrer Wirkung bei uns gehindert, indem wir unsere eigenen Interessen damit verfolgen. So drucken Menschen „In God we trust“ (wir vertrauen Gott) auf Dollarscheine, machen dann munter eine Finanzkrise damit und stoßen so viele Leute in Armut. Oder sie predigen „Gott will es“ – wie beim Aufruf zum ersten Kreuzzug der Christenheit vor 920 Jahren. Und mit umgekehrter Stoßrichtung heute beim Aufruf zu Terror, Schreckensherrschaft, Vernichtung der „ungläubigen“ westlich-geprägten Lebensweise.

Sauber? Sauber wird unsere von Macht-Interessen und Ängsten vollgestellte Seele durch das Bewahren. Wie wenn ich etwas Kostbares im Gefäß meiner Hände halte. Wenn ich ein Neugeborenes berge an Mutterbrust oder Vaterbauch. Wenn ich Worte, Bilder, Wahrnehmungen einsinken lasse wie Maria die Hirtenbotschaft an der Krippe. Bewahren meint: Ich mach da nichts damit. Ich lass es da sein und seine Wirkung auf mich entfalten. Und gebe diese sorgsame Haltung an andere weiter, stecke damit an. Bewahren – das reinigt die Seele und schafft Platz fürs wachsende Gottesgeheimnis. 

Erwarten: Mit glühender Geduld den Herrn erwarten, der wiederkommt. Christus kommt bei seinem endgültigen Advent „ zu richten die Lebenden und die Toten“. Heute lernen wir bei Paulus: der da kommt, wird uns nicht verknacken zu ewiger Pein. Sondern uns helfen, die Seele frei zu machen für Gott. Weil er das Urteil spricht über dein Leben und das der anderen, muss du es nicht selber tun, sondern darfst Abstand bekommen vom Urteils- und Richtergeist in dir. Und weil Christus mit dem Auge der Liebe auch in deine unerkannten Herzensgründe schaut, wird es gut werden mit dir und der Welt. Getröstet, geheilt, verstanden und erlöst selbst noch die finsterste Seelennot. (vgl. Tatort vom 6.12.) So dass am Ende, - ganz, ganz am Ende, es nicht mehr zweierlei geben wird: Daumen hoch oder runter. Sondern nur eines: einem jeden wird von Gott sein Lob zuteil. Gereinigt, erlöst und befreit jeder Mensch, jedes Geschöpf. Um - Aug in Aug mit Gottes leuchtendem Liebesblick - ihn ewig zu lieben und zu loben.  

 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus