1. Advent, 29.11.2015

Römer 13, 8-14                                        

Woran merken wir, dass Advent ist? – Hier in Belgrad fällt es nicht so in die Augen, weil das orthodoxe Weihnachtsfest zwei Wochen später liegt. Aber in Deutschland: da sind die Einkaufsstraßen noch festlicher als hier beleuchtet, Menschen mit Paketen, eilig, in überfüllten Fußgängerzonen. Weihnachtsmelodien; geschmückte Christbäume vielerorts; romantische Weihnachtsmärkte. Glühweinduft, vermischt mit Bratwürstle und Sauerkraut, und über all dem ein Hauch von Zimt und Pfefferkuchenwürze. – So wird auch noch der unaufmerksamste Zeitgenosse wachgerüttelt: „Achtung! – die deutsche Weihnacht läuft sich warm…“  - Doch manchmal spüren wir in all dem Trubel ein inneres Ziehen, ein Verletzbar-Sein, eine Sehnsucht: ich möcht‘ so gern zur Besinnung kommen und ein wenig innere Ruhe finden in dieser geheimnisvoll-unruhigen Vorbereitungszeit aufs Fest.

Woran merken wir, dass Advent ist? – Paulus sagt: Ich geb euch zwei Tipps. Die Leute in Rom, an die er schreibt, wussten freilich noch nichts von Weihnachten. Das Fest wurde erst zweihundertfünfzig Jahre später eingeführt. Da hatte Kaiser Konstantin gesiegt und ging jetzt dran, die alten römischen Feiertage umzutaufen. So auch den Festtag 25. Dezember, der dem Sonnengott gewidmet war. Die Christen in Rom wussten also noch nichts von Weihnachten. Aber sie waren fest überzeugt: Wir leben im Advent. Wir leben in einer Zeit, wo das Entscheidende immer deutlicher auf uns zukommt. Nämlich Christus. Er kommt in unser persönliches Leben. Und er wird kommen als Herr der Zeit – zum ewigen Freudenfest. - Zwei Advents-Tipps von Paulus, der da schreibt: „Seht, die gute Zeit ist nah. Die Nacht ist vorgedrungen, bald ist es Tag.“ Es geht für euch erstens um offene Herzen statt offene Rechnungen. Und zweitens geht’s um Festtagskleidung statt Schlafanzug.

Das mit den offenen Rechnungen kenne ich aus Konflikten in der Verwandtschaft oder Partnerschaft. Wenn man nicht geschafft hat, nach einem Streit sich anständig zu versöhnen oder, wenn’s am Ende gar nicht anders gehen will, sich anständig zu trennen, - dann ist da immer etwas unterirdisch am Schwelen: ein Windhauch kann die nicht ausgeräumte Zornesglut wieder entfachen, und es fallen von neuem Beschuldigungen und schlechte Worte und Gedanken. – Was ich erst hierzulande so deutlich wieder lerne: Offene Rechnungen gibt es auch zwischen Völkern, - und wie! Da sind immer die anderen schuld, dass es einem selbst schlechter geht, oder dass man internationale Hilfen nicht einfach bedingungslos ausgezahlt bekommt. Da sind es die anderen, die einem an die Ehre wollen, - so wird dann plötzlich gesagt und Stimmung gemacht mit diesem schwammigen, zum Missbrauch einladenden Begriff der „Ehre eines Volkes“. Man rechnet Schuld gegeneinander auf. Und rechnet dabei so, dass die andere Seite, das andere Volk in der Schuld steht beim eigenen.

„Bleibt niemand etwas schuldig“, sagt Paulus. Räumt das alles zwischen euch aus. Den Christen schreibt er das ins Stammbuch für ihren persönlichen Bereich. Und den Kirchen schreibt er’s unmissverständlich auf ihre To-do-Liste: sie sollen das Aufrechnen und das nationalistische Opfer-, Angst- und Wutgefühl überwinden helfen statt es immer wieder mit anzufachen. Denn was dabei rauskommt, deutet Paulus an, indem er ein paar von den Zehn Geboten aufzählt: Wenn du mit offenen Rechnungen lebst, wirst du immer wieder selber an den Geboten Gottes schuldig werden, wirst dich versündigen: persönlich und politisch – bis hin zu Mord und Krieg. Deshalb: offene Herzen sind angesagt statt offener Rechnungen. Deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Auch dein Nachbarvolk achten wie dein eigenes. Immer wieder neu.

Nur: das sagst du so leicht dahin, lieber Paulus! Mach das mal, einen Nachbarn zu lieben, der dich nur nervt und  kleinlich ist mit der Hausordnung. Wir können uns zur Liebe doch nicht einfach zwingen. So tief haben wir unser eigenes Herz nicht unter Kontrolle, dass uns auch noch die Gefühle gehorchen. Das Herz schlägt halt, wie es will: findet den einen Menschen vielleicht sympathisch und liebenswert. Und beim andern geht es lieber auf Abstand und Abwehrhaltung.

Deshalb gebe ich euch ja den zweiten Tipp, höre ich den Apostel sagen: Offene Herzen statt offener Rechnungen – das schaffst du nur, wenn du Festtagskleidung statt Schlafanzug anhast. – Wie bitte? will ich zurückfragen. Hab doch heute ein halbwegs anständiges Outfit, bin sogar in Amtstracht soeben. – Denkt mal zurück, als ihr getauft wurdet, antwortet Paulus im Blick auf die Christen in Rom. Da habt ihr ein weißes Gewand übergestreift bekommen. Und uns Modernen sagt er entsprechend: schaut mal genau hin bei einer Kindstaufe. Manche Babys werden da im weißen Taufkleidchen zum Taufstein getragen. Das bedeutet: du sollst ein anderer Mensch sein, eine helle, leuchtende Seele bekommen. Du ziehst mit der Taufe den Geist der Liebe an. Christus selbst darfst du anziehen wie ein Gewand, das dich umhüllt, schützt, - aber auch ein bestimmtes Verhalten erwartet von dir wie bei einer Amtstracht. Dein Amt ist jetzt nämlich, mit offenen Augen zu leben, und nicht wie so viele mit offenen Augen zu schlafen. Offene Augen dafür, dass unsere Zeit endlich ist, und dass Gottes Zeit immer näher kommt. Offene Augen dafür, wie du aus der Liebe Gottes lebst und beschenkt bist jeden Tag. Offene Augen, wer da alles Leid tragen muss neben dir und in Not ist. Offene Augen nach innen auch - dass du spüren lernst: was tut meiner Seele gut, lässt sie mitfühlend werden? Und was benebelt mich und macht mein Herz hart?

„Der Tag ist nicht mehr fern.“ So lasst uns „den Herrn Christus anziehen“ wie ein Festgewand. Im Kleinen tut das unsere Seele ganz intuitiv, wenn wir z.B. das Zimmer putzen und schmücken, dann den Tisch decken, weil wir einen lieben Besuch erwarten. Da sind wir durchdrungen von der Haltung: Was wird ihm oder ihr Freude machen? Wie kann ich meine Wohnung von seinem Blick her gestalten? Wie kann ich Speisen und Getränke von ihrem Geschmack her vorbereiten? – Eigentlich keine schlechte Leitfrage für mein ganzes Leben: Wie kann ich von Christus her mein Tagwerk wahrnehmen und entscheiden und das Nötige tun? Und wenn ich mal wieder zugeschüttet bin, - mich immer wieder adventlich unterbrechen und bitten: Komm, o mein Heiland Jesus Christ, hilf, dass mein Herz dir offen ist… 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus