Ewigkeitssonntag, 22.11.2015

Matthäus 25, 1-13                         

Auf dem Flughafen – die vielen Leute in der Ankunftshalle: ihre Gesichter, die aufmerksam zu den Schiebetüren spähen: wer kommt als nächstes heraus? Die Schilder mit Namen, - hochgereckt: Hallo, hier warten wir vom Hotel soundso und wollen Sie als Gast in Empfang nehmen. Die kleinen Szenen dann auf dem Empfangskorridor vor den Türen! Wie Kinder Vater, Mutter entgegenstürmen. Wie Liebende, als seien sie magnetisch, mit einem „Klick“ vereint sind und sich wiegen in der Umarmung.  All die Gesichter dabei, die strahlenden, - auch die eher förmlichen,  eiligen, routinierten, die sich gleich um ihre Belgrader Termine kümmern am Smartphone. – Mir öffnet manchmal das Warten auf dem Flughafen meinen Blick, was Jesus wohl meinen könnte, wenn er sagt: Schaut, dass ihr ganz und gar wache, wartende Menschen werdet!

„Und sie gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen“ – Die frühen Christen, die dieses Jesusgleichnis aufgeschrieben haben, machten wohl dieselbe Erfahrung wie wir: Wenn du nicht aufpasst, rutscht dir der Tag zwischen den Fingern hindurch: du warst zwar dauernd mit etwas beschäftigt, - hast aber oft das Gefühl: zu dem, was ich eigentlich soll und will, bin ich nicht so recht gekommen. Ich lebe selten ganz zentriert, aus der Kraft der Mitte heraus. Viel öfters empfinde ich mich wie von außen geschubst oder gelockt oder abgelenkt. – Manchmal reißt mich etwas Unerwartetes aus meiner Alltags-Gedankenlosigkeit: so diese grässlichen Attentate von Paris. Da schrecke ich hoch, bin erschüttert, voll Mitleid und Zorn. Und werde plötzlich wieder gewahr: Auch du bist nicht sicher – nirgendwo und niemals im Leben. Es ist vielmehr Gnade, jeden Tag neu, dass du bisher verschont bliebst und leben darfst. Denn die Höllenkräfte und ihr dunkler Meister, der Tod in seiner Vernichtungslust, ist allezeit gegenwärtig. Tod ist da: in Menschenherzen - hasserfüllt. In Unglücksfällen – als sinnloser Zufall. In schweren Krankheiten - als Kraft der Vergänglichkeit. Im Altern – als Weniger-Werden und Schwinden, meinem Ende entgegen.

„Nein, dem Bräutigam entgegen!“ widerspricht Jesus. Und malt ein heilvolles Gegenbild zu den heillosen Szenarien und Besessenheiten unserer Menschenwelt. Auf was unsere Zeit zuläuft, ist nicht Triumph der Todesmacht. Wohin dein und mein Leben sich ausrichten und hinstreben soll, ist die Festfreude der Liebe, die „Himmlische Hochzeit“. Deshalb: bei allen notwendigen Überwachungsmaßnahmen, die ihr Menschen braucht, um euch vor euresgleichen zu schützen, vergesst oder verlernt darüber bitte nicht jene andere Art von Wachheit: jene Lebenshaltung, wo du geöffnet bist und auf Willkomm eingestellt, wie wenn im nächsten Moment dein Geliebter, der dein Leben ist, durch die Schiebetür käme.

Doch „sie wurden alle schläfrig und schliefen ein“. Ich mag diesem Empfangskomitee, den zehn „Bräutigamsjungfern“, keinen Vorwurf daraus machen. Es geht mir ja selber so: Ich kann nicht andauernd so wach sein, als ginge es jeden Moment um Alles oder Nichts. Ich will aber lernen: wie kann ich meine Kraft, meine Sinne, meine Liebe, meine Entschlossenheit versammeln auf den einen Energiepunkt, wenn es gilt? Und wie gebe ich mich dann restlos dran -  denn jetzt beginnt das Fest und die Freude meines Lebens? – Beim ersten Lesen fand ich die fünf klugen Jungfrauen egoistisch. Sie wollen ihre Ölvorräte nicht teilen. Und teilen, das ist doch oberchristlich, das sollen wir einüben und tun. Also musste ich mich fragen: Was ist das an meiner Existenz, das unteilbar ist? Von dem ich nichts abgeben kann, ohne mein Leben zu verfehlen? Und wo ich mich rechtzeitig kümmern muss, dass ich es bei mir habe, ja, dass es in mir ist: denn wenn es gilt, ist es zu spät, da noch was nachzuholen. Mir was zu erwerben bei Kaufleuten der Lebenskunst.  

Was ich da als Antwortrichtung ahne, nenne ich versuchsweise: „bereit sein“. Franz von Sales, ein begnadeter Seelsorger und Liebender im Savoyen an der Wende des 16./17.  Jahrhunderts, redet von der „Forderung des Augenblicks“. Er meint damit: in allem, was dir widerfährt und begegnet, ist die Stimme Gottes an dich, kommt der himmlische Bräutigam dir nah. Du kannst den Augenblick verschlafen und tust das ja oft. Es gibt so viele Formen des Schlafens mit offenen Augen. Gottes Kommen verschlafen vor lauter „dies noch und das noch“ im Alltag. - Aber es kann eine Situation kommen, da war vielleicht dein ganzes bisheriges Leben nur die Vorbereitung darauf. Eine Situation, wo es gilt: dazu bist du jetzt da und musst dich ganz drangeben dafür. Ob das eine berufliche Bewährungsprobe ist oder eine Notsituation, wo jemand dir vor die Füße gelegt wird; ob das ein Gerufensein zur Liebe ist oder zum Kämpfen und den Dunkelkräften im Land widerstehen: in einer solchen Situation kannst du nichts mit anderen teilen. Da bist du gefordert – und eben du. Von Gott, der mit deinem Leben was vorhat und auf deine Bereitschaft und Entschlossenheit setzt. (Es könnte angesichts der epochalen Flüchtlingsnöte übrigens sein, dass sich unsere Bundeskanzlerin zur Zeit einer solchen „Forderung des Augenblicks“ gegenüber sieht. Wo es sich nicht nur auf der Ebene abspielt: Welche politische Option ist besser oder schlechter durchzusetzen? Wie vermeide ich missverständliche Worte und Signale? Sondern wo ein Mensch bereit wird in seiner Verantwortung, zu stehen und notfalls auch zu fallen mit dem, wozu er sich jetzt gerufen sieht.)

„Um Mitternacht“ kommt der Bräutigam. Also dann, wenn die Lage am dunkelsten ist. Wenn du nicht mehr sehen kannst, wo vorne und hinten ist in deinem Leben. Wenn du am liebsten schlafen würdest den Schlaf des Vergessens und des Abwälzens deiner Verantwortlichkeit. Schlafen mit den Vielen, die da glauben: Es gibt keine Schiebetür der Ewigkeit, aus der jederzeit ich geweckt werde zum Bereitsein „mit ganzem Herzen, mit ungeteilter Seele und mit all meiner Kraft“. (5. Mose 6, 5) „Um Mitternacht“ werden wir gerufen wie diese Jungfrauen, uns bereit zu machen für Gott. So wie es Mitternacht war, als er sein Volk aus Ägypten in die Freiheit führte. Und dass wir an Weihnachten singen, ein Kind sei uns geboren – „wohl zu der halben Nacht“ (EG 30,1), ist kein Zufall. „Um Mitternacht“ ist Gottes Zeit. Da kommt der Bräutigam: als Aufforderung, uns an seine Seite zu halten; als Tröster in all dem vielen Erdendunkel; als Fest, das unser Weinen wandelt in Tränen erlösendender  Freude. 

Pfarr. Hans-Frieder Rabus