Reformations-Gedenken, 08.11.2015

Matthäus 5,1-3

Die vielen armen Leute in unserer Stadt: sehen wir sie überhaupt noch? Ich erschrecke manchmal über mich selbst, wie sehr ich mich an ihren Anblick gewöhnt habe: Bettler am Straßenrand; Rentner, die in Mülltonnen nach etwas Brauchbarem suchen. Menschen, die so gut wie nichts haben als das, was sie am Leib tragen. Manche vielleicht nicht einmal einen warmen Platz zum Übernachten. – „Selig“, sagt Jesus, „selig sind, die da geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich.“ Mit diesem Wort beginnt er seine Bergpredigt. Seine Programmrede von der verkehrten und doch so heilvollen Welt Gottes. Da werden offenbar nicht die fein Gekleideten und Mächtigen als erste gesehen und begrüßt. Jesus fängt mit den Armen an. Er sieht die Menschen, die ich so oft übersehe. Und schenkt ihnen Wertschätzung und Würde mit seinem Blick. Gott ist ein Gott, der auch noch den ärmsten Schlucker sieht. Und nicht nur sieht und halt zuguckt beim Elend der Welt. Nein, es soll und wird anders werden mit den Armen! Himmelreich – das meint: Gott gestaltet die Welt und unser Leben neu. Und fängt bei denen an, die wir so leicht übersehen.

Doch was meint Jesus, wenn er von „geistlich Armen“ spricht? Gibt es noch eine andere Not, als nichts zu essen und kein Geld und Obdach zu haben? Sagt er: ein bisschen Hunger oder Kälte ist nicht so schlimm? – Ich glaub das nicht. Jesus will nicht sortieren und nur eine ganz bestimmte Armut ins Licht rücken. Ich frage mich im Gegenteil: will er mir die Augen öffnen, wie arm und leer doch Menschenherzen sein können, selbst unter glänzenden Kleidern? Will er mich herausfordern zur Besinnung: dass ich in seinen Augen vielleicht gar nicht so anders bin als der Bettler am Wegrand? Dass vor Gott der Reiche bettelarm sein kann – und ein Armer mit seinen bedürftigen, empfangsbereiten Händen näher dran an Gott? Offener dafür, dass uns das Wesentliche im Leben geschenkt werden muss?

„Wir sind Bettler, das ist wahr!“ – so lauten die letzten Worte, die von Martin Luther überliefert sind. Wie kann ein so reich begabter Mensch wie er, der Gründervater unserer evangelischen Spiritualität, sein Leben in dieser Bemerkung zusammenfassen?! Vielleicht kehrt der sterbende Luther mit diesem Wort zu seinen Anfängen zurück, ohne dass es ihm bewusst ist: Er kommt aus einer wohlhabenden Mittelstandsfamilie. Sein Vater war aufstrebender Bergbau-Unternehmer im sächsischen Mansfeld. Sohn Martin soll den Betrieb übernehmen. Darum studiert er Rechtswissenschaft in Erfurt. Doch mit einem Mal schmeißt der Zweiundzwanzigjährige sein Studium hin und wird Mönch. Luther spürt: ich bin so arm, so leer und durstig, dass nur Gott diesen Durst stillen kann. Vielleicht wird dieses innere Ziehen und Dürsten erlöst, wenn ich im Kloster hauptberuflich Gott suche? Luther tritt beim radikalen Flügel des Augustinerordens ein. Der hatte nichts mit Reichtum und Karriere am Hut. Sondern Fasten, Beten, Wachen in der Nacht, jede kleine Sünde beichten, täglich Vergebung erbitten und sie einnehmen in der Eucharistie, - dann muss doch der innere Friede bei mir einkehren und Gott mir gnädig nahe sein! – Doch der junge Mönch verheddert sich: je mehr er rennt in seinem spirituellen Hamsterrad an geistlichen Übungen, desto ungewisser wird ihm, ob er Gott wirklich genügen kann. Schließlich ist Luther so leer und arm im eigenen Empfinden, dass er Angst hat, von Gott verworfen zu sein. „Zur Hölle musste ich sinken“ (EG 341, 3) – so schildert er diese Herzensangst, diese Armut. – „Geistlich arm“ ist Luther – und kann noch nicht ahnen, welchen Schatz Gott in das arm und leer gewordene Gefäß seiner Seele hineinlegen wird.

Szenenwechsel: Hohe Herren, reiche Gewänder. Der Kaiser selbst auf dem Thron. In der Mitte ein kleiner Mönch. Um ihn versammelt die Bischöfe und Kurfürsten mit ihrem Gefolge. Ein Untersuchungsausschuss hat dieses Kuttenmännchen nach Worms zum Reichstag vorgeladen. Seine Schriften von der Freiheit eines Christenmenschen und vom Unsinn des Ablassgeschäfts gelten als geschäftsschädigend, kirchenschädigend. Darum: Widerrufen, lieber Luther! Sonst Ketzerprozess, Reichsacht (das war ein vom Kaiser angeordneter „shitstorm“), Scheiterhaufen zuletzt. – Was tut der arme, von Gott innerlich überwundene Mann mitten in diesem Tornado von Verhör und Gewaltandrohung? Er kann sich nur an einem Buch festhalten: der Heiligen Schrift. Gleich wird er weggefegt von der Gewalt des päpstlichen Lehramts, der kirchlichen Tradition, der kaiserlichen Macht. „Mein Gewissen ist in Gottes Wort gefangen“, sagt er. „Darum kann und will ich nichts widerrufen. Gott helfe mir. Amen.“ – Und dieses schwache Gotteswort in einem Buch, an das er sich halt nur klammern kann, wird zur Sprengkraft. Eine befreiende, „evangelische“, - das bedeutet: frohmachende -, Spiritualität durchzieht Europa. Ein Aufatmen darüber: Gott liebt uns gerade als arme, leere, sehnsuchtsvolle Menschen. Ohne Vorbedingungen, ohne dass wir uns zu irgendeinem Frommsein oder Glauben verrenken. Und vor allem ohne ein Ticket zum Heil, das nur die Kirche ausstellen könne, wie es bisher galt: Ablass vom Fegefeuer oder ähnliches. Gottes Liebe bekommen wir unverdient. „Allein aus Gnade“, so drückt es Luther aus und wirft sich dieser Liebe in die Arme, ohne zu wissen, ob sie ihn auffängt und halten wird in diesem Sturm. – Sie hat ihn gehalten. Und zum Werkzeug gemacht, mit dem Gottes Liebe ängstlich-enge Gewissen befreit bis heute.

„Wir sind Bettler, das ist wahr.“ „Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.“ – Manchmal werde ich von diesem Geheimnis angerührt. Bin manchmal leer im Herzen oder voll von trüben Gedanken. Krieg manchmal keine innere Ruhe hin, wenn ich meditieren will. Hatte auch Zeiten, wo ich nicht wusste: wie wird es weitergehen mit dir in deiner Krise? – Konnte und kann da manchmal nur seufzen: nimm halt du meine Sehnsucht oder dieses „Sch…-Problem“ auf dein Herz. Fühle mich da nicht stark im Glauben. Hab auch kein Gespür dafür, ob Gott mir in diesem Moment zuhört. – Aber manchmal löst sich da was. Mein Herz wird ruhiger. Obwohl ich Gott genauso wenig sehe wie vorher. Ich empfinde mich dabei nicht als „selig“, glücklich, wie wir es verstehen. Eher als armselig, kein Glaubensheld. Doch vielleicht gibt Jesus mir damit den Tipp: Wage es ruhig, wenig zu haben und selber hinzukriegen mit deiner Seele. Ich bin ja da – ganz bei dir.

Pfarr. Hans-Frider Rabus