20. Sonntag nach Trinitatis, 18. Oktober 2015

Markus 10, 2-9

Das Brückengeländer über die Donau bricht bald zusammen. Schlösser über Schlösser hängen dran, in allen Farben. Ich hab die eingravierten Namen betrachtet, meditiert, damals in Regensburg, als ich mir einen Rasttag gönnte auf dem Fahrradweg. So viele Menschenpaare, die hier ihre Liebe ausdrücken und irgendwie festmachen wollen. Mich rührt das an: ganz neu glänzt das eine Schloss; beim andern hat schon kräftig Rost angesetzt. Unlösbar hängen die Schlösser am Geländer, die Schlüssel ins Wasser geworfen. Ja, wo Liebe ist, will sie ewig sein! Nichts soll die Liebenden trennen. Wie eine Gebetswand – solch ein Brückengeländer. So viele Treuebekenntnisse; so viele Sehnsüchte, die Liebe möge doch halten und Erfüllung schenken. Doch - sind manche Schlösser nach Jahren womöglich wie Zettel in den Ritzen der Jerusalemer Klagemauer? Die da seufzen: Wo ist nur unsere Liebe geblieben, o Gott?!

„Wie komm ich rein – und bleibe drin?“ – das ist die erste Frage, die Menschen lösen wollen, wenn sie sich lieben. Was für eine Gestalt kann unsere Liebe annehmen, in welcher Lebensform können wir zusammenbleiben und unsern Alltag mit allen Pflichten, Freuden und Nöten gemeinsam bewältigen? Wagen wir eine Ehe? Bleiben wir zusammen in freier Vereinbarung als Lebensgefährten, mit oder ohne Standesamt? Kann unsere Liebe sich gar nicht öffentlich zeigen, weil es andere Gebundenheiten und Zwänge gibt? – Wir merken: solche Fragen sind trotz mancher Entscheidungsschwierigkeiten, in die sie uns bringen, ein Zeichen: Wir sind ungeheuer frei in unserer modernen Gesellschaft, unser Zusammenleben der Liebe zu gestalten. Trotz mancher Kritik am vermeintlichen Verfall von biblischen Ehenormen – ich will dankbar dafür sein. Liebe und Freiheit gehören nun mal zusammen. Andernfalls hängt der Haussegen so schief, dass er irgendwann runterfällt.

Wie es ohne solche Freiheit aussieht, können wir an der Frage erleben, die hier Jesus gestellt wird. Da sind wir mit einem Sprung mitten in der alten orientalischen Welt – die zum Unglück vieler Mädchen und Frauen ja Gegenwart ist bis heute. Denken wir an anatolische Mädchen, die gegen ihren Willen verheiratet werden. Schauen wir der letztjährigen Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai ins Gesicht: von einem Kopfschuss getroffen in ihrer pakistanischen Heimat. Dass die Schülerin Malala für das Recht auf Schulbildung für Mädchen eintrat, war den Taliban Grund genug, sie niederzuschießen. Oder Amaneh Bahrani im Iran. Sie wurde von einem zurückgewiesenen Mann durch ein Säureattentat entstellt. - Etwa so geht’s zu in der Welt, in der Jesus scheinheilig gefragt wird: Darf ein Mann sich von seiner Frau scheiden?

Jesus bleibt cool: Ihr wisst doch, wie das im Gesetz des Mose geregelt ist, gibt er zurück. Da konnte nämlich der Mann einseitig seiner Frau einen Scheidebrief ausstellen, wenn er an irgendetwas bei ihr Anstoß nahm. Die Frau hatte umgekehrt nicht dieses Recht. Sie war ausschließlich durch ihre Mitgift ein wenig geschützt. Bei der allgemeinen Armut konnte das aber nicht verhindern, dass verstoßene Frauen, abgesehen von der sozialen Schande, in Verelendung abrutschen mussten. – Darum finde ich es provozierend und tröstend, dass Jesus sich nicht mit unserer menschlichen Denke um Liebe begnügt. Wo wir – in aller Lust und in aller Tragik – zwischen den beiden Fragen hin- und her-eiern: Wie komm ich rein? – wenn ich einen Menschen liebe. Und: Wie komm ich raus? – wenn ich ihn nicht mehr liebe.

Jesus bringt was Drittes ins Gespräch. Ich nenne es: Wie werde ich Mensch? – Wenn ich ihn recht verstehe, ist das die Hauptfrage in jeder Liebe. Jesus spielt auf die Schöpfungsgeschichte an. Dort, am Anfang der Bibel, wird in mythologischen Bildern erzählt: Es ist Gottes Wille, Humor und Neugier, dass es uns Menschen als polare Wesen gibt, als Mann und Frau. Gott ist selber gespannt und will wissen, was alles dabei rauskommt, wenn der Funke springt und die Liebe spielt zwischen den Geschlechtern. So, wie Gott sich nicht selbst genug sein wollte, sondern aus seinem innersten Liebesgeheimnis den Kosmos herausgesetzt hat und die Evolution geweckt, ebenso will Gott uns Menschen als schöpferisch liebende Wesen sehen. Will sich freuen an unserer Schönheit und Lust, will mit leiden an unserm Kummer, an aller vertrocknenden, sich verfehlenden Liebe. Und will vor allem uns offenhalten für all das Neue, das Liebe aus uns herausformen möchte. Wenn ich mich nicht ganz irre, bringt Gott dadurch, dass er uns aus Liebe zur Liebe geschaffen hat, uns überhaupt erst als Menschen zur Welt. Ohne Liebe – ist der Mensch nicht Mensch.

"Was Gott zusammengefügt hat, das soll de rmensch nicht trennen." Als Antwort Jesu an Männer, die sich leicht taten, ihre Frau zu verstoßen, ist das ein heilsamer Widerhaken. Er soll verhindern, dass "Mann" sich selbstgewiss rausnimmt, seine Frau- Frauen überhaupt - den eigenen Vorstellungen zu unterwerfen, nach dem Motto: bei Nichtgefallen zurück an Absender... - Zum kirchlichen Rechtssatz geworden, ist dieses Jesuswort gnadenlos: Wenn Christen deshalb, weil ihre Ehe zerbrach, von der Eucharistie ausgeschlossen werden, muss sich die betreffende Kirche schon fragen lassen: Hallo, steht ihr damit nicht auf der Seite derer, die Recht über Menschlichkeit setzen? - Dieses Jesuswort wird auch in evangelischen Trauugen vorgelesen. Bei meinem letzten Traugespräch habe ich dem Paar, das meine eigene Lebensgeschichte kannte, gesagt: "Ihr wisst ha, ich kann keine Garantiefür euch übernehmen, wenn ich euch traue. Bin doch selber micht so ganz vorbildlich, was diesen Satz angeht." Die beide haben gelacht und gemeint: "Wir haben dich bewusst um die Trauung gefragt. Wir wollen ehrlich lieben, wollen da lernen, und wollen Menschen unter Gottes Segen sein - in allem was uns wiederfährt." Amen.

Pfarr. Hans-Frieder Rabus