15. Sonntag nach Trinitatis, 13. September 2015

Matthäus 6, 25-34

Beim Zurückkommen nach Deutschland fällt mir das immer wieder auf: wie vorsorglich haben wir doch unser Leben geordnet! Da gibt es verlässliche Wegweiser auf den Straßen; Ortsschilder auch noch für das kleinste Dorf sagen dir, wo du bist. Es gibt gute Vorsorgeuntersuchungen für die Gesundheit. Beim Urlaub in den Alpen war ich dankbar für die sorgfältigen Wegmarkierungen: Wenn du dich da mal richtig eingefädelt hast auf einen Wanderweg, kannst du den nimmer verlieren – im Unterschied zu manchen Wegen in südlichen Ländern, die mir hoffnungsvoll begannen und irgendwann unauffindbar wurden, von Gestrüpp überwuchert. Sogar die Gehzeit wird dir auf Wegweisern angegeben: damit du nicht in die Dunkelheit gerätst und dich verirrst. Ich freu mich oft am Talent von uns Deutschen, vorsorglich zu sein, vom andern Menschen her zu denken und unseren öffentlichen Raum so zu gestalten, dass auch ein Fremder zurechtkommt. Das hat was Menschliches, was Fürsorgliches, fast eine Art von Liebe ist das, die dem öffentlichen Leben mit Hinweisen und Hilfestellungen eine sichere Struktur gibt.

Dass es auch eine Rückseite haben kann, wenn ein Volk Weltmeister ist in der Disziplin „Wie sorge ich für sicheres Leben?“, darauf werde ich gestoßen, wenn z.B. andere Völker von der „German Angst“ sprechen. Dem fremden Blick fällt auf, dass wir offenbar schnell aufgeregt werden, wenn was Größeres passiert ist: nach dem Schuldigen suchen und Maßnahmen fordern, dass sowas nie, nie wieder vorkommt. Denken wir Älteren an die Salatköpfe von 1986 – eine erregte nationale Diskussion nach der Tschernobyl-Katastrophe, ob man die noch verkaufen und essen darf. Und die Franzosen neben uns haben sich halb totgelacht darüber. Oder in einem Vortrag über Sinn und Unsinn unserer medizinischen Versorgung erfuhr ich kürzlich: ein Norweger geht im Jahresdurchschnitt vier Mal zum Arzt, ein Deutscher achtzehn Mal. Seltsamerweise ist die Lebenserwartung der Norweger im Schnitt mehr als ein Jahr höher als die von uns Deutschen.

Spüren Sie: Jesus piekst so richtig rein in das Thema „Sorge und Vorsorge“. Ihr habt es nicht in der Hand, sagt er. Wie lange ihr lebt, nicht. Ob ihr morgen euern Job noch habt, nicht. Nicht mal die Entwicklung der Märkte gehorcht euch völlig. Leben heißt immer: Unsicherheiten aushalten. Die Preisfrage dabei ist: was macht das mit deiner Seele. Nimmt dich die Unsicherheit ganz in Beschlag? So dass du vor lauter Gefahren, die du siehst, das Zukunftsvertrauen und die Lebensfreude verlierst? – Coaching-Fachleute kennen das Wort „Problemtrance“. Das meint im Kleinen: Jeder von uns erzählt doch liebend gern von seinen Krankheiten. Manchmal entsteht ein richtiger Wettstreit an Krankengeschichten, wem es noch schlechter gegangen ist… Im Größeren, z.B. für die Entwicklung einer Firma, für das Arbeitsklima auf einer Abteilung meint „Problemtrance“: du bist so verguckt in das, was nicht wunschgemäß läuft und wer da alles dran schuld ist, dass dir keine kreativen Lösungen einfallen. Darum versuchen die Berater, Menschen aus ihrer Problemtrance herauszuführen. So dass Mut und Lust entsteht, das Leben, - auch das betriebliche Zusammenleben – einmal anders zu anzugehen.

Wie macht das Jesus, die Leute aus ihrer Problemtrance herauszulocken? Drei Anstöße gibt er mir in seinen provozierenden Bildern hier: Schau nach oben. Bleib geerdet. Sei klar in deinen Prioritäten.

Nach oben lenkt er als erstes unsern Blick: Seht die Vögel unter dem Himmel an. Wenn ich die fliegen sehe, als gäbe es keine Erdenschwere; wenn ich sie zwitschern höre, als gäbe es jeden Tag was zu singen, - da wird mir oft selber ganz froh ums Herz. Da kann ich schon rein äußerlich den Kopf nicht hängen lassen, und das scheint sich auszuwirken auf meine Seele, wenn die mal in Kopfhängestimmung ist. Noch mehr lernt Jesus von den Vögeln: die lassen sich nicht auffressen von der Arbeit, sind auch nicht so vorsorglich wie Eichhörnchen, dass sie Nüsse für den Winter horten. Sie hüpfen, fliegen und zwitschern sich einfach durchs Leben, unbeschwert. – Na, lieber Jesus, möchte ich einwenden: du hast gut reden. Hast als Aussteiger gelebt, als Wanderprediger dich von Gönnerinnen aushalten lassen. Wer Familie hat und Verantwortung trägt im Beruf, der kann nicht einfach fünf gerade sein lassen. – Brauchst du auch nicht, höre ich den Meister antworten. Mir geht’s um die Haltung, aus der heraus du deine Arbeit tust. Statt Sorge, die dich auffrisst, soll Vertrauen in dir wohnen. Du bist Gott unendlich wichtig, daran darfst du dich erinnern lassen mitten im Gedränge des Alltags. Durch die kleinen Gottesboten, die Vögel. Deshalb: Kopf hoch – raus aus deiner Problemtrance, rein ins Gottvertrauen!

Zur Erde sollen wir schauen als nächstes. Wahrnehmen, wie schön doch schon gewöhnliche Feldblumen sind, die man einfach mit abmäht, wenn Heuernte ist. Ein Gespür bekommen, wie großzügig, ja verschwenderisch der Schöpfer doch seine Schönheit ausstreut schon in den kleinsten Dingen. Es ist genug da – so die Botschaft, die leise, aber sichtbar aus allem spricht. Gott gibt reichlich. Es wird reichen, auch für dich zum Leben. Und zwar nicht nur fürs Nötigste, als sei Gott ein Knauser, der aus jedem seiner Investments höchste Rendite rauspresst. Schöner als Salomos Prachtgewänder kleidet Gott selbst seine unscheinbarsten Geschöpfe. Solltest du dich da nicht freuen und das Zutrauen bekommen: Gott liebt alles Leben, auch meines?

Menschen lieben leider das Leben oft nicht. Führen Krieg, morden, vergewaltigen, vertreiben andere aus ihrer Heimat. Die Flüchtlinge auf der Balkanroute, auf dem Mittelmeer, - die so viele Ängste durchstehen und voll Zukunftssorge ankommen in München... Aber dass da Reisende an den Bahnhöfen spontan ihnen was zu essen kaufen; dass Einhaeimische Kleider bringen zum Verteilen, - so wird es wirklich für diese Armen, wovon Jesus spricht: es findet sich Hilfe, es öffnen sich Herzen, es wird keiner ärmer, der was schenkt. Aus diesm Geist lässt sich die Problemtrance besiegen, die auch nach ganzen Volksgruppen greift und sie zu Fremdenhass aufstacheln will. "Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit", das ist oberste Priorität. Indem Menschen ihre Angst und Eigennutz auf die Plätze verweisen, indem sie aus der Fülle der Liebesweise Gottes anderen spntan etwas abgeben und mit ihnen teilen, so wächst Gerechtigkeit. So wachsen Inseln des Friedens in friedloser Zeit. So beherrscht nimmer die Sorge Herz und Land und mündet in herzloser Politik. Sondern es strömt göttlicher Segen. Amen.

Pfarr. Hans-Frieder Rabus